Frank Pagelsdorf im Interview

„Der Dumme bin ich sowieso“

Seit zwei Jahren ist Frank Pagelsdorf zurück bei Hansa Rostock, jetzt wartet auf ihn seine schwerste Mission: der Klassenerhalt. Wir sprachen mit ihm übers Frustessen, Schlaflosigkeit im Trainerberuf und lustige Eskapaden als Spieler. Reinaldo Coddou H.
Heft #68 07 / 2007
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68

Frank Pagelsdorf, waren Sie für Ihre Trainer ein pflegeleichter Spieler?

Eher nicht.

Ein Rebell oder ein Hallodri?

Ich sag es mal so: Zu meiner Zeit bei Arminia Bielefeld wurde viel gefeiert.

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Erinnern Sie sich noch an Ihre beste Party damals?


Das war 1983 an Altweiberfastnacht in Stukenbrock bei Bielefeld, zwei Tage vor einem wichtigen Spiel gegen den Abstieg. Unser Co-Trainer Gerd Roggensack hatte mit schweren Strafen gedroht, falls einer von uns bei der legendären Party dort gesichtet würde.

Und Sie sind trotzdem hingegangen?

Ich wollte eigentlich nicht. Aber ein Kumpel hat mich überredet, indem er vorschlug, wir sollten uns Tankwart-Overalls überstreifen, die Haare grau färben und Schnurrbärte ankleben. Ich war sicher, so erkennt uns kein Trainer-Spion.

Wurden Sie enttarnt?

Na ja, die Party war super. Am nächsten Morgen gab es beim Training ein großes Lob vom Co-Trainer: »Sehr gut, Männer, alle haben sich dran gehalten… lediglich ein Tankwart wurde gesehen.« Vor Scham habe ich ein Loch in den Boden gestarrt, doch Roggensack hat mich zum Glück nicht verpetzt. Am Wochenende gewannen wir übrigens 2:1.

In Bielefeld wurden Sie damals »Netzer des kleinen Mannes« genannt…

Eine viel zu große Ehre. Der Spitzname rührte daher, dass Netzer als Kind mein Vorbild war. Mein Jugendzimmer war voll mit seinen Postern. Ich fand es toll, wie liebevoll er sich bei Freistößen immer den Ball hinlegte.

Als Aktiver haben Sie unter vielen bekannten Trainern gespielt. Wie kamen Sie mit Schleifern wie Pál Csernai oder Kalli Feldkamp zurecht?

Mit Csernai war es sehr kurios. Bei ihm habe ich am Anfang gar keine Rolle gespielt. Dann, nachdem wir drei oder vier Klatschen bekommen hatten, kam er zu mir, ich war eigentlich Mittelfeldspieler, und sagte: »Frank. Am Wochenende. Libero?« Weil wir gegen Bayern München spielten, dachte ich, er will mich denen zum Fraß vorwerfen und antwortete: »Kann ich da mal ’ne Nacht drüber schlafen?« Ich habe dann zugesagt und wir spielten 0:0. Von da an war ich Libero und Csernai hat immer zu mir gehalten.

Und Kalli Feldkamp?


Mit ihm hatten wir immer viel Spaß, weil er mit Trainingslehre so überhaupt nichts am Hut hatte.

Selbst für damalige Verhältnisse?

Ja, sensationell. Einmal kommt er auf den Trainingsplatz und sagt: »Seht ihr da hinten den Baum?« Wir sagen: »Trainer, wo ist da ein Baum?« »Na, da hinten, 300 Meter. Sprint hin, Sprint zurück, der Letzte noch mal.« Und das zum Aufwärmen! Nichts für ungut, aber Kalli hatte immer ein Händchen dafür, die Spannung im Team hoch zu halten.

Wären solche Kamikaze-Aktionen heutigen Spielern vermittelbar?


Die meisten sind so sehr mit der Trainingslehre vertraut, dass sie fragen würden, was das soll. Und die Jungs in Dubai würden sich an den Kopf tippen.

2005 haben Sie eine Saison lang den Klub Al-Nasr Dubai trainiert. Hatten Sie dort Probleme, als Trainer ernst genommen zu werden?

Das nicht, aber die Spieler dort betreiben Fußball als Hobby. Wenn sie keine Lust haben, zum Training zu kommen, bleiben sie zuhause und kümmern sich um ihre Familien. Meine Herausforderung bestand also darin, so zu arbeiten, dass sie gerne zum Training kommen.

Haben sich die Spieler auch mal verweigert?

Nein, aber während eines Matches sind in meiner Mannschaft sechs Leute mit Krämpfen umgekippt. Wegen der Hitze und Flüssigkeitsmangel, nahm ich an, doch der Co-Trainer bestätigte mir, dass die Mannschaft genug getrunken hatte. Hinterher fand ich heraus, dass die Spieler statt Wasser literweise Red Bull in sich reingeschüttet hatten.

Aus welchem Antrieb heraus wird ein ehemaliger Profi eigentlich Trainer?

Ich bin da reingerutscht. Als ich meine aktive Karriere nach einem Bandscheibenvorfall beenden musste, habe ich die Ausbildung zum Fußballlehrer gemacht, um etwas vorweisen zu können.

Als Sie mit Hansa Rostock 1995 in die Bundesliga aufstiegen und auf Anhieb Platz 6 erreichten, galten Sie als ein Trainer der Zukunft. Nach der Entlassung beim HSV 2001 gab es dann einen Bruch in Ihrer Biografie. Was ist passiert?

Unter anderem lag es daran, dass ich nach der Entlassung einige Angebote abgelehnt habe. Ich hatte eine sehr enge Bindung zum HSV, und wollte nicht ein paar Wochen später schon wieder woanders auf der Bank sitzen.

Das heißt, ein Trainer sollte nach einer Entlassung versuchen, schnell ein neues Engagement anzunehmen, weil er sonst Gefahr läuft, vom Karussell zu fallen?

Ich wollte mir Zeit lassen, und habe mir soviel Zeit gelassen, dass es plötzlich keine Nachfrage mehr gab.

Zwei Jahre nach Ende Ihrer Arbeit beim HSV sind Sie beim VfL Osnabrück wieder aufgetaucht, einem ums Überleben kämpfenden Zweitligisten.

Wenn ich meine Vorstellungen verwirklichen darf, kann ich prinzipiell auch in einer tieferen Klasse zufrieden sein. Nehmen Sie Ralf Rangnick in Hoffenheim. Es ist nicht so, dass man als Trainer unterhalb der Bundesliga todunglücklich ist. Aber mit mir und Osnabrück hat es einfach nicht gepasst.

Ihre ersten Erfolge als Trainer haben Sie ab 1992 bei Union Berlin gefeiert. Warum haben Sie so kurz nach der Wende im Osten angeheuert?


Weil der Verein mir Vertrauen geschenkt hat. Ich war vorher Amateurtrainer bei Hannover 96. Als der Anruf aus Berlin kam, hatte ich eigentlich eine Verabredung zum Tennisspielen. Mein Tenniskumpel schlug vor, mich mit seinem Mercedes nach Berlin zu fahren. Als wir von der Autobahn nach Köpenick rein fuhren, bekam der wegen der vielen Schlaglöcher regelrecht Angst um sein Auto. Auch mir kam es vor, als würden wir durch Kriegsgebiet fahren. Wir hielten vor der Geschäftsstelle und ich sagte: »Das dauert nicht lange.« Ich wollte nur rein und absagen. Nach zehn Minuten saßen wir wieder im Wagen und ich sagte: »Montag fang ich an!«

Was hat Sie umgestimmt?


Der Präsident hat mir völlig freie Hand gegeben. Ich kannte die Mannschaft und wusste, dass mit André Hofschneider, Martin Pieckenhagen und Marko Rehmer durchaus Potential vorhanden war.

Wie ging das Umfeld mit Ihnen, dem Wessi, damals um?

Die waren enorm misstrauisch. Beim ersten Spiel verloren wir gegen Tennis Borussia, schon hallte es von der Tribüne: »Schickt den Wessi wieder weg!« Das war die Zeit, als haufenweise Versicherungsvertreter aus dem Westen die Leute im Osten über den Tisch zogen. Aber nach einiger Zeit hat sich das gelegt.

Rolf Schafstall hat seinerzeit in einem Interview die Faulheit der ostdeutschen Spieler beklagt. Haben Sie ähnliche Erfahrungen gemacht?


Nein. Aber den Mannschaftssportlern wurde in der DDR vieles abgenommen. Die haben alles bekommen: Autos, Wohnungen. So fehlte es manchen Spielern bei Union auf dem Feld an Selbstständigkeit und Durchsetzungskraft.

Worin unterscheidet sich Ihr jetziges Engagement bei Hansa Rostock von der Zeit zwischen 1994 und ’97?

Die Infrastruktur hat sich komplett verändert. Heute haben wir vernünftige Trainingsplätze und ein modernes Stadion. Damals liefen die Mäuse durch das Trainerbüro und im Entmüdungsbecken gab es Ratten.

Fühlen Sie als Trainer von Hansa eine besonders große Verantwortung?


Ihre Tränen nach dem Aufstieg ließen eine extreme Anspannung erahnen. Der Stellenwert von Hansa Rostock in Mecklenburg-Vorpommern ist unglaublich. Die Leute brauchen die 1. Liga, daran können sie sich trotz der hohen Arbeitslosigkeit festhalten. Wir haben mit den 17 ungeschlagenen Spielen in der Hinrunde eine Messlatte gelegt, welche die Leute glauben machte, es ginge immer so weiter. Danach ist der Druck von Spiel zu Spiel gestiegen. Die Tränen nach dem Aufstieg hatten aber nichts mit der Anspannung zu tun, das waren Freudentränen.

Wie viele schlaflose Nächte haben Sie in den letzten Monaten erlebt?


Vor dem Spiel schlafe ich wunderbar. Nach dem Spiel sieht das anders aus.

Eine alte Trainerkrankheit, oder? Ist da soviel Adrenalin im Umlauf?

Adrenalin und ein Film im Kopf, der immer weiter läuft, unabhängig vom Spielausgang. Das geht bis halb fünf oder fünf Uhr morgens.

Haben Sie Methoden entwickelt, um aus diesem Film auszusteigen?

Ich verkrieche mich in Fußballbücher. Ich habe da eine kleine Sammlung von 40, 50 Büchern, zum Teil auch psychologische.

Und sonst? Es heißt, Sie seien Frustesser.

Das ist richtig. Ich rauche nicht, ich trinke nicht, was bleibt da noch? Süßigkeiten. Hängt auch damit zusammen, dass ich viel mit dem Auto unterwegs bin. Dann fahre ich an die Tankstelle und… na ja, immer noch besser, als sich volllaufen zu lassen. Aber ich habe mir vorgenommen, bis zum Bundesligastart ein paar Kilo abzuspecken.

Wie viele?

Insgesamt acht.

Was bringen Sie derzeit auf die Waage?


Drei Kilo sind schon runter.

Nein, was Sie wiegen.

Das sage ich Ihnen nicht.

Wie zuversichtlich blicken Sie in die neue Saison?


Wir haben von allen 18 Teams die schlechtesten Voraussetzungen. Doch das macht auch einen Teil des Reizes aus.

Hat Hansa langfristig als Ausbildungsverein in der Bundesliga eine Chance?

Ja, denn wir wollen der beste Ausbildungsverein in Deutschland werden. Die Berater und Klubs sollten erkennen, dass wir nicht nur die Infrastruktur haben, junge Spieler auszubilden, sondern auch Spielern, die bei Spitzenvereinen nicht weiterkommen, die Möglichkeit bieten, sich zu entwickeln. Wenn sich dieser Ruf verfestigt, und wir immer wieder gute Spieler rechtzeitig mit Verträgen ausstatten und teuer verkaufen, ist die Bundesliga langfristig realistisch. Beispiel: Cottbus. Die haben durch den Verkauf von Munteanu und Radu gerade 4,9 Millionen Euro eingenommen. Die Hälfte fließt in die Tilgung, für 2,5 Millionen holen sie jetzt Verstärkung. So viel Geld hätte ich auch gerne für Neuverpflichtungen.

Wenn Sie mit Ihren Visionen Erfolg haben, könnten Sie langfristig für Hansa Rostock das werden, was Volker Finke beim SC Freiburg war.


Auch das Beispiel Finke zeigt, dass sich so etwas nicht planen lässt. Dafür ist ein Trainer zu sehr von anderen Personen abhängig. Als Trainer braucht man ein Umfeld mit Leuten, die einen klaren Plan haben und langfristig daran arbeiten wollen. Denken Sie nur daran, dass in der vergangenen Saison in der Bundesliga 13 Trainer entlassen wurden.

Derzeit etablieren sich aber auch dynamische Duos in der sportlichen Führung der Vereine: Slomka und Müller, Veh und Heldt, Allofs und Schaaf.


Trotzdem würde ich das englische Prinzip bevorzugen, wie es Wolfsburg mit Felix Magath verfolgt: Trainer und Manager in Personalunion. Denn die Doppelspitze ist nur praktikabel, wenn es läuft. Bei Misserfolg ist immer der Trainer der, der als erster gehen muss. Dabei tragen immer beide eine Mitschuld.

Viele Vorstände tun sich nun mal schwer damit, den sportlichen Bereich vollständig in die Hand einer Person zu geben.


Aber warum? Wenn ein Vorstand nicht daran glaubt, dass ein Trainer das richtige Konzept verfolgt, darf er ihn eigentlich gar nicht verpflichten. Wenn Sie bloß einen Übungsleiter brauchen, können Sie das auch billiger haben.

Wo wird Hansa Rostock am Ende der Saison stehen?


Auf einem Nicht-Abstiegsplatz. Wenn ich daran nicht glauben würde, wäre ich hier falsch.

Aber die Voraussetzungen dafür sind noch nicht geschaffen. Wenn nicht bald neue Spieler kommen, müssen Sie Alarm schlagen, um nicht am Ende der Dumme zu sein.

Der Dumme bin ich sowieso. Sie wissen doch, bei Erfolg haben alle Anteil daran, bei Misserfolg nur einer: der Trainer.

Liegt Ihnen trotzdem das Arbeiten bei einem Underdog eher als bei einem Spitzenklub?


Wäre ich dann 1997 zum HSV gegangen?

Würden Sie den Schritt noch einmal machen: Wechsel von Hansa zu einem Spitzenverein, weil das finanzielle Angebot besser ist?

Mein Vertrag in Rostock läuft bis 2009, doch mein Ziel als Trainer ist es immer noch, einmal Deutscher Meister zu werden.

Ist es leichter, beim HSV zu arbeiten als in Rostock?

Anders. Die Arbeit mit den Medien in Hamburg ist fraglos schwieriger und aufwändiger als in Rostock. Dafür gibt es beim HSV immer die Möglichkeit, Meister zu werden. Diese Chance wird Hansa niemals haben, weil hier nicht die finanziellen Möglichkeiten vorhanden sind.

Frank Pagelsdorf, wenn Sie unbegrenzt Geld zur Verfügung hätten, welchen Spieler würden Sie sich in die Mannschaft holen?

Das Leben ist kein Wunschkonzert. Na gut, wenn es Ihnen Spaß macht: Dieser Luca Toni ist nicht schlecht.

Ein Stürmer? Man sagt, Sie hätten eher Probleme bei der Besetzung Ihrer Viererkette.


Der Junge ist so gut, den drehe ich zum Abwehrspieler um.

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Zwischen G8 und Peterfisch – Begegnung mit Frank Pagelsdorf www.11freunde.de/bundesligen/102460

In der Bildergalerie: Durch Dick und Dünn – Pagel im Wandel der Zeit

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