07.07.2007

Frank Pagelsdorf im Interview

„Der Dumme bin ich sowieso“

Seit zwei Jahren ist Frank Pagelsdorf zurück bei Hansa Rostock, jetzt wartet auf ihn seine schwerste Mission: der Klassenerhalt. Wir sprachen mit ihm übers Frustessen, Schlaflosigkeit im Trainerberuf und lustige Eskapaden als Spieler.

Interview: Tim Jürgens und Jens Kirschneck Bild: Reinaldo Coddou H.
Zwei Jahre nach Ende Ihrer Arbeit beim HSV sind Sie beim VfL Osnabrück wieder aufgetaucht, einem ums Überleben kämpfenden Zweitligisten.

Wenn ich meine Vorstellungen verwirklichen darf, kann ich prinzipiell auch in einer tieferen Klasse zufrieden sein. Nehmen Sie Ralf Rangnick in Hoffenheim. Es ist nicht so, dass man als Trainer unterhalb der Bundesliga todunglücklich ist. Aber mit mir und Osnabrück hat es einfach nicht gepasst.

Ihre ersten Erfolge als Trainer haben Sie ab 1992 bei Union Berlin gefeiert. Warum haben Sie so kurz nach der Wende im Osten angeheuert?


Weil der Verein mir Vertrauen geschenkt hat. Ich war vorher Amateurtrainer bei Hannover 96. Als der Anruf aus Berlin kam, hatte ich eigentlich eine Verabredung zum Tennisspielen. Mein Tenniskumpel schlug vor, mich mit seinem Mercedes nach Berlin zu fahren. Als wir von der Autobahn nach Köpenick rein fuhren, bekam der wegen der vielen Schlaglöcher regelrecht Angst um sein Auto. Auch mir kam es vor, als würden wir durch Kriegsgebiet fahren. Wir hielten vor der Geschäftsstelle und ich sagte: »Das dauert nicht lange.« Ich wollte nur rein und absagen. Nach zehn Minuten saßen wir wieder im Wagen und ich sagte: »Montag fang ich an!«

Was hat Sie umgestimmt?


Der Präsident hat mir völlig freie Hand gegeben. Ich kannte die Mannschaft und wusste, dass mit André Hofschneider, Martin Pieckenhagen und Marko Rehmer durchaus Potential vorhanden war.

Wie ging das Umfeld mit Ihnen, dem Wessi, damals um?

Die waren enorm misstrauisch. Beim ersten Spiel verloren wir gegen Tennis Borussia, schon hallte es von der Tribüne: »Schickt den Wessi wieder weg!« Das war die Zeit, als haufenweise Versicherungsvertreter aus dem Westen die Leute im Osten über den Tisch zogen. Aber nach einiger Zeit hat sich das gelegt.

Rolf Schafstall hat seinerzeit in einem Interview die Faulheit der ostdeutschen Spieler beklagt. Haben Sie ähnliche Erfahrungen gemacht?


Nein. Aber den Mannschaftssportlern wurde in der DDR vieles abgenommen. Die haben alles bekommen: Autos, Wohnungen. So fehlte es manchen Spielern bei Union auf dem Feld an Selbstständigkeit und Durchsetzungskraft.

Worin unterscheidet sich Ihr jetziges Engagement bei Hansa Rostock von der Zeit zwischen 1994 und ’97?

Die Infrastruktur hat sich komplett verändert. Heute haben wir vernünftige Trainingsplätze und ein modernes Stadion. Damals liefen die Mäuse durch das Trainerbüro und im Entmüdungsbecken gab es Ratten.

Fühlen Sie als Trainer von Hansa eine besonders große Verantwortung?


Ihre Tränen nach dem Aufstieg ließen eine extreme Anspannung erahnen. Der Stellenwert von Hansa Rostock in Mecklenburg-Vorpommern ist unglaublich. Die Leute brauchen die 1. Liga, daran können sie sich trotz der hohen Arbeitslosigkeit festhalten. Wir haben mit den 17 ungeschlagenen Spielen in der Hinrunde eine Messlatte gelegt, welche die Leute glauben machte, es ginge immer so weiter. Danach ist der Druck von Spiel zu Spiel gestiegen. Die Tränen nach dem Aufstieg hatten aber nichts mit der Anspannung zu tun, das waren Freudentränen.

Wie viele schlaflose Nächte haben Sie in den letzten Monaten erlebt?


Vor dem Spiel schlafe ich wunderbar. Nach dem Spiel sieht das anders aus.

Eine alte Trainerkrankheit, oder? Ist da soviel Adrenalin im Umlauf?

Adrenalin und ein Film im Kopf, der immer weiter läuft, unabhängig vom Spielausgang. Das geht bis halb fünf oder fünf Uhr morgens.

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