07.07.2007

Frank Pagelsdorf im Interview

„Der Dumme bin ich sowieso“

Seit zwei Jahren ist Frank Pagelsdorf zurück bei Hansa Rostock, jetzt wartet auf ihn seine schwerste Mission: der Klassenerhalt. Wir sprachen mit ihm übers Frustessen, Schlaflosigkeit im Trainerberuf und lustige Eskapaden als Spieler.

Interview: Tim Jürgens und Jens Kirschneck Bild: Reinaldo Coddou H.
Frank Pagelsdorf, waren Sie für Ihre Trainer ein pflegeleichter Spieler?

Eher nicht.

Ein Rebell oder ein Hallodri?

Ich sag es mal so: Zu meiner Zeit bei Arminia Bielefeld wurde viel gefeiert.



Erinnern Sie sich noch an Ihre beste Party damals?


Das war 1983 an Altweiberfastnacht in Stukenbrock bei Bielefeld, zwei Tage vor einem wichtigen Spiel gegen den Abstieg. Unser Co-Trainer Gerd Roggensack hatte mit schweren Strafen gedroht, falls einer von uns bei der legendären Party dort gesichtet würde.

Und Sie sind trotzdem hingegangen?

Ich wollte eigentlich nicht. Aber ein Kumpel hat mich überredet, indem er vorschlug, wir sollten uns Tankwart-Overalls überstreifen, die Haare grau färben und Schnurrbärte ankleben. Ich war sicher, so erkennt uns kein Trainer-Spion.

Wurden Sie enttarnt?

Na ja, die Party war super. Am nächsten Morgen gab es beim Training ein großes Lob vom Co-Trainer: »Sehr gut, Männer, alle haben sich dran gehalten… lediglich ein Tankwart wurde gesehen.« Vor Scham habe ich ein Loch in den Boden gestarrt, doch Roggensack hat mich zum Glück nicht verpetzt. Am Wochenende gewannen wir übrigens 2:1.

In Bielefeld wurden Sie damals »Netzer des kleinen Mannes« genannt…

Eine viel zu große Ehre. Der Spitzname rührte daher, dass Netzer als Kind mein Vorbild war. Mein Jugendzimmer war voll mit seinen Postern. Ich fand es toll, wie liebevoll er sich bei Freistößen immer den Ball hinlegte.

Als Aktiver haben Sie unter vielen bekannten Trainern gespielt. Wie kamen Sie mit Schleifern wie Pál Csernai oder Kalli Feldkamp zurecht?

Mit Csernai war es sehr kurios. Bei ihm habe ich am Anfang gar keine Rolle gespielt. Dann, nachdem wir drei oder vier Klatschen bekommen hatten, kam er zu mir, ich war eigentlich Mittelfeldspieler, und sagte: »Frank. Am Wochenende. Libero?« Weil wir gegen Bayern München spielten, dachte ich, er will mich denen zum Fraß vorwerfen und antwortete: »Kann ich da mal ’ne Nacht drüber schlafen?« Ich habe dann zugesagt und wir spielten 0:0. Von da an war ich Libero und Csernai hat immer zu mir gehalten.

Und Kalli Feldkamp?


Mit ihm hatten wir immer viel Spaß, weil er mit Trainingslehre so überhaupt nichts am Hut hatte.

Selbst für damalige Verhältnisse?

Ja, sensationell. Einmal kommt er auf den Trainingsplatz und sagt: »Seht ihr da hinten den Baum?« Wir sagen: »Trainer, wo ist da ein Baum?« »Na, da hinten, 300 Meter. Sprint hin, Sprint zurück, der Letzte noch mal.« Und das zum Aufwärmen! Nichts für ungut, aber Kalli hatte immer ein Händchen dafür, die Spannung im Team hoch zu halten.

Wären solche Kamikaze-Aktionen heutigen Spielern vermittelbar?


Die meisten sind so sehr mit der Trainingslehre vertraut, dass sie fragen würden, was das soll. Und die Jungs in Dubai würden sich an den Kopf tippen.

2005 haben Sie eine Saison lang den Klub Al-Nasr Dubai trainiert. Hatten Sie dort Probleme, als Trainer ernst genommen zu werden?

Das nicht, aber die Spieler dort betreiben Fußball als Hobby. Wenn sie keine Lust haben, zum Training zu kommen, bleiben sie zuhause und kümmern sich um ihre Familien. Meine Herausforderung bestand also darin, so zu arbeiten, dass sie gerne zum Training kommen.

Haben sich die Spieler auch mal verweigert?

Nein, aber während eines Matches sind in meiner Mannschaft sechs Leute mit Krämpfen umgekippt. Wegen der Hitze und Flüssigkeitsmangel, nahm ich an, doch der Co-Trainer bestätigte mir, dass die Mannschaft genug getrunken hatte. Hinterher fand ich heraus, dass die Spieler statt Wasser literweise Red Bull in sich reingeschüttet hatten.

Aus welchem Antrieb heraus wird ein ehemaliger Profi eigentlich Trainer?

Ich bin da reingerutscht. Als ich meine aktive Karriere nach einem Bandscheibenvorfall beenden musste, habe ich die Ausbildung zum Fußballlehrer gemacht, um etwas vorweisen zu können.

Als Sie mit Hansa Rostock 1995 in die Bundesliga aufstiegen und auf Anhieb Platz 6 erreichten, galten Sie als ein Trainer der Zukunft. Nach der Entlassung beim HSV 2001 gab es dann einen Bruch in Ihrer Biografie. Was ist passiert?

Unter anderem lag es daran, dass ich nach der Entlassung einige Angebote abgelehnt habe. Ich hatte eine sehr enge Bindung zum HSV, und wollte nicht ein paar Wochen später schon wieder woanders auf der Bank sitzen.

Das heißt, ein Trainer sollte nach einer Entlassung versuchen, schnell ein neues Engagement anzunehmen, weil er sonst Gefahr läuft, vom Karussell zu fallen?

Ich wollte mir Zeit lassen, und habe mir soviel Zeit gelassen, dass es plötzlich keine Nachfrage mehr gab.

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