Frank Pagelsdorf im Interview

„Ich ging durch ein Stahlbad“

Frank Pagelsdorf und Hansa Rostock: Das passt, so scheint es. Doch der Coach weiß, dass es im Fußballgeschäft keine Eheversprechen gibt. „Das eigene Schicksal hängt von vielen Dingen ab“, sagt er im Gespräch mit 11freunde.de. Imago

Frank Pagelsdorf, Sie haben kürzlich mit Ihren Spielern das Spiel Schalke gegen Hertha besucht. War das ein Sonntagsausflug oder wollten Sie Ihre Spieler heiß auf die Bundesliga machen?

Wir hatten in Kaiserslautern gespielt, und für den Sonntagmorgen war ein Freundschaftsspiel in Oldenburg angesetzt. Schalke lag also auf dem Weg, und das Spiel habe ich gern als Fortbildungsmaßnahme für meine Mannschaft wahrgenommen.

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Sie haben fünf Punkte Vorsprung auf den Viertplatzierten, den 1. FC Kaiserslautern. Alles andere als der Aufstieg wäre schon jetzt eine Enttäuschung.

Das wird permanent an uns herangetragen. Ich sehe darin keinen Sinn. Wir haben vor der Saison gesagt, dass wir unter die ersten Acht wollen, darunter die Absteiger Köln, Duisburg, Kaiserslautern, die knapp Gescheiterten vom letzten Jahr, Karlsruhe, Fürth, Freiburg, sowie 1860 München. Von all diesen Vereinen hatten wir die schlechtesten Voraussetzungen. Jetzt sind wir Dritter – und haben kein Interesse daran, diese Position wieder zu verlassen.

In der letzten Saison wurde Hansa noch Zehnter, nicht weit von den Abstiegsrängen entfernt. Was machte die Trendwende aus?

Es gab im letzten Jahr einen schwierigen Umbruch. Drei Monate vor Saisonende wussten zehn Spieler, dass wir nicht mehr mit ihnen planen. Wir haben dann sieben Spieler aus der Zweiten Mannschaft hochgezogen. Insofern war klar, dass es eine holprige Saison wird. Seitdem hat sich die Mannschaft sehr gut entwickelt, hat aus ihren Fehlern gelernt und spielt nun sehr diszipliniert. Das ist die Grundlage für die jetzige Situation, und ich glaube, dass weiteres Potenzial in dieser Mannschaft steckt.

Dennoch setzte es nach der Winterpause zwei Niederlagen. Der Weg in die Erste Bundesliga wird wohl beschwerlicher, als zunächst angenommen.

Wir hatten einen kleinen Hänger. Nach siebzehn ungeschlagenen Spielen war das für manche eine Überraschung, für mich persönlich nicht. Entscheidend ist, dass wir in die Spur zurückfinden. Ich bin von dieser Mannschaft überzeugt. Sie hat das Potenzial, es zu schaffen.

Sie haben die beste Abwehr der Zweiten Bundesliga. Würden Sie den Satz unterschreiben: Mit dem Angriff gewinnt man Spiele, mit der Abwehr steigt man auf?

Ein wahrer Satz, den man immer mal wieder bringen kann. Eine starke Abwehr erhöht zumindest die Wahrscheinlichkeit, dass man Erfolg hat.

Andererseits stehen auch schon acht Unentschieden zu Buche. Fehlt Ihrer Mannschaft eher der Wagemut, noch auf Sieg zu spielen?

Unentschieden sind nie geplant. Wer mich kennt, der weiß, dass ich am liebsten gewinne.

Könnte Hansa Rostock sich denn angesichts der wirtschaftlichen Gegebenheiten überhaupt dauerhaft in der Ersten Bundesliga halten – oder ist ein Aufstieg dorthin schon der größte denkbare Triumph?

Letzteres trifft sicherlich zu. Jenseits dessen müssen wir einen Platz im deutschen Fußball finden. Unsere Vision ist es, der beste Ausbildungsverein zu werden. Wir haben hervorragende Voraussetzungen geschaffen, und wir haben hier ein Umfeld, das es einem jungen Spieler erlaubt, auch mal ein schlechtes Spiel zu machen. Die sieben Jungs, die wir letztes Jahr aus der Zweiten Mannschaft hochgezogen haben, haben es bewiesen. Drei von ihnen sind mittlerweile Stammspieler.

Wie wichtig ist es, dass ein Spieler jenseits seiner spielerischen Fähigkeiten zum Verein Hansa Rostock passt?

Das ist grundsätzlich wichtig, aber besonders wichtig in Rostock. Ein Spieler, der hierher kommt, sollte wissen, dass er sich mit dem Verein identifizieren muss. Das muss spürbar und sichtbar sein.

Was schätzen Sie selbst am Rostocker Umfeld besonders?

Ich wusste von Anfang um die Schwierigkeit der Ostvereine, dass man nicht die ganz großen Möglichkeiten hat. Wenn Sie mich also fragen, was ich am Rostocker Umfeld besonders schätze, dann muss ich sagen: Es ist sehr erstaunlich, was man hier trotzdem auf die Beine gestellt hat. Nicht zuletzt deshalb ist der Verein Hansa Rostock das große Aushängeschild der Region.



Wie würden Sie die Mentalität des Rostockers beschreiben?

Mit den Attributen Ehrlichkeit und Treue.

Ein kostbares Gut.

Ich will es mal so formulieren: Damit ein Spieler sich voll entfalten kann, ist es wichtig, dass er sich in einem Umfeld wohl fühlt. Das trifft wohl auch auf mich als Trainer zu.

Auch zwischen 1997, dem Ende Ihres ersten Vertrags bei Hansa, und 2005 ist der Kontakt zwischen Ihnen und dem Verein nie abgerissen. Hansa Rostock und Frank Pagelsdorf – ist das ein Bund fürs Leben?

(lacht) Das weiß man ja nie so genau! Es ist ein schnelllebiges Geschäft und das eigene Schicksal hängt von so vielen Dingen ab. Außerdem muss man immer sehen, ob es eine Weiterentwicklung gibt, die eine Vertragsverlängerung sinnvoll macht. Ich würde mich also – weder als Trainer noch als Vereinsverantwortlicher – niemals hundertprozentig festlegen.

Gerade im Angesicht der Schnelllebigkeit braucht man als Trainer ein dickes Fell.

Das ist die wichtigste Eigenschaft. Bei jedem Verein steht man unter einem enormen Druck. Dann muss man über gewisse Dinge, die man ohnehin nicht beeinflussen kann, hinwegsehen und sich sagen: Nichts ist älter als die Zeitung von gestern.

Kann man das lernen?

Es ist von Vorteil, wenn man gewisse Erfahrungen schon mitbringt. Ich kann von mir sagen, dass ich durch ein Stahlbad gegangen bin.

Sie meinen Ihre Zeit beim HSV von 1997 bis 2001.

Ich möchte das auf keinen bestimmten Verein beziehen. Auch bei Rostock habe ich schon kritische Phasen durchlebt. Diese zu überstehen, macht einen umso stärker.

Vor dieser Saison ist auch Stefan Beinlich nach Rostock zurückgekehrt. Welche Rolle spielt er in Ihrem Mannschaftsgefüge?

Eine sehr große. Er kennt den Verein, er kennt das Umfeld. Er hat sich in seiner ersten Zeit bei Hansa sehr wohl gefühlt. Das war auch ein Grund, warum er zurückgekommen ist. Damals hat er den Aufstieg mitgeschafft, und er hat den großen Ehrgeiz, das noch einmal zu schaffen. Darüber hinaus ist er ein Spieler mit Champions-League-Erfahrung. Wo gibt’s das in der Zweiten Liga?

Ist Beinlich auch deshalb so wichtig, weil er ein Bindeglied zwischen Ihnen und der Mannschaft ist? Ihre aktive Zeit liegt immerhin schon 18 Jahre zurück.

Ja, Stefan ist nicht umsonst unser Kapitän. Dazu gehören aber auch Matthias Schober, Michael Hartmann und René Rydlewicz, allesamt Spieler mit einer großen Erfahrung und einem hohen Ansehen in der Mannschaft.

Was hat sich gegenüber Ihrer aktiven Zeit rein spielerisch am meisten verändert?

Das Tempo. Wenn man sich Spiele von früher anschaut, etwa von 1974, dann sieht man: Da wurde auch guter Fußball gespielt, aber man hatte viel mehr Zeit, einen Ball anzunehmen. Heute wird der Ballführende gleich von zwei, drei Spielern attackiert. Das Tempo ist wirklich enorm hoch geworden.

Könnte ein Spieler wie Sie – Sie wurden ja mit Günter Netzer verglichen – sich heute noch im Profifußball durchsetzen?

(lacht) Ich hoffe ja! Aber es wäre schwierig. Egal ob Stürmer oder Spielmacher: Niemand kann mehr vorne stehen bleiben, heute muss sich jeder an der Defensive beteiligen. Da muss man sich nur mal die Laufarbeit von Miroslav Klose anschauen. Der steht eben nicht vorne rum und wartet. Günter Netzer und ich müssten uns also gewaltig umstellen.

Würden Sie den jungen Frank Pagelsdorf denn trotzdem aufstellen?

Unbedingt.

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