»Football-Factory«-Autor John King über Chelsea, Bayern und Hools

»Terry wurde von einer Biene gestochen«

John King ist Autor des Klassikers »The Football Factory« und Chelsea-Fan seit den frühen siebziger Jahren. Wir sprachen mit ihm über das Champions-League-Finale, Kommerz im Fußball und John Terrys Knie in Alexis Sanchez' Rücken.

John King, warum wünschen Sie sich, dass der FC Chelsea absteigt?
Chelsea soll absteigen? Das habe ich vor zwei Jahren in einigen Interviews gesagt. War natürlich ein bisschen provokativ. Ich habe einfach das Gefühl, dass es zu viele Modefans bei uns gibt. Zu viele Typen, die zwar Geld ohne Ende haben, aber keine Ahnung von der Geschichte des Klubs. Bei einem Abstieg würden die vielleicht wieder zu Hause bleiben.

Wie kommen Sie darauf?
Ich gebe Ihnen mal ein Beispiel. Es war der 20. Mai 2000, am Nachmittag fand im Wembley-Stadion das FA-Cup-Finale FC Chelsea gegen Aston Villa statt. Ich saß um die Mittagszeit mit ein paar Kumpels in einem Londoner Pub. Um mich herum über 500 Hardcore-Chelsea-Fans, die allesamt gerne zum Spiel gegangen wären. Doch sie hatten keine verdammte Chance, an Tickets heranzukommen. Später saß ich also in der Stamford Bridge, und um mich herum hatte sich das Publikum ausgetauscht. Ich war umzingelt von Typen, die nicht mal wussten, wie der Siegtorschütze heißt. Wissen Sie es? 

Roberto Di Matteo?
Super Typ, nicht wahr?! Ein Chelsea-Man! Zweimal hat er den FA-Cup gewonnen, und je einmal den League- und Pokalsieger-Cup. Wie auch immer: Nach jenem FA-Cup-Sieg 2000 ging ich in den Streik. Ich habe meine Dauerkarte abgegeben und gehe seitdem nur noch unregelmäßig ins Stadion.

Sie hassen den modernen Fußball?
Ich verstehe die Veränderungen, die der moderne Fußball mit sich bringt. Ich verstehe auch, dass es in diesem Rahmen eine große Distanz zwischen den Spielern und den Fans entstehen musste und dass eine familiäre Atmosphäre nicht mehr möglich sein kann. Gut finden muss ich das trotzdem nicht. 

Schauen Sie sich das Champions-League-Finale an?
Natürlich. Vielleicht fahre ich sogar hin. (überlegt) Vielleicht auch nicht. Ist wahrscheinlich viel zu teuer. (überlegt) Nicht dass wir uns falsch verstehen: Ich liebe Fußball nach wie vor. Was ich Ihnen sagen wollte: Der heutige Fußball hat nichts mehr mit dem gemein, wie ich ihn kennengelernt habe.

Sie sind seit den frühen siebziger Jahren Fan vom FC Chelsea. Was war denn damals anders?
Als Jugendlicher hießen meine Helden Alan Hudson und Peter Osgood. Sehr begabte Spieler und große Charaktere. Trotzdem kam es mir nie so vor, als wären sie von einem anderen Stern. Es fühlte sich an, als wären sie Jungs aus der Kurve. Erdige Typen aus der Nachbarschaft. Tatsächlich ist Peter Osgood ein paar Straßen von unserer Wohnung entfernt aufgewachsen. Er war stets ein Teil meines Lebens. Er starb 2006 drei Tage vor meinem Vater – im selben Krankenhaus.

Was halten Sie von der Ultra-Kultur, die in England bislang kaum Einzug erhalten hat?
Die Grundidee finde ich gar nicht so schlecht. Fans organisieren sich gegen die Kommerzialisierung des Sports. Es geht zurück zum Fansein, zurück zum Sport. Gleichzeitig weg vom Konsumentenstatus, weg vom Fashionding Fußball. Ich weiß nicht, ob das in England funktionieren würde. Hier sind die Grenzen zwischen Klub und Zuschauer viel zu groß.

Sie haben einmal in einem Aufsatz geschrieben: »Der englische Fußball ist qualitativ top. Aber das Spektakel wurde von der sozialen Reiningung auf den Rängen vernichtet.« Wird es denn jemals wieder so sein wie früher?
Das sage ich nicht. Und doch darf man es kritisieren. Als ich zum ersten Mal zu Chelsea gegangen bin, stand ich dort mit meinen Kumpels aus der Schule. Wir waren ein Haufen Teenager, fanden laute Musik super, die Gesänge auf den Kurven und Getobe auf den Rängen. Gucken Sie sich die Stadien heute an: Welcher Teenager kann sich eine Karte für ein Spiel, sagen wir mal, Chelsea gegen Manchester United leisten? Da kostet das billigste Ticket 50 Pfund.

Sie beschreiben in Ihrem Buch »The Football Factory« die Fußballszenerie als gewalttätig. Heute ist es zwar teurer geworden, aber auch friedlicher.
Auch wenn es keine Kämpfe mehr in englischen Stadion gibt, finden sie weiterhin statt. Die großen Klubs haben immer noch ihre Firms, es wird nur weniger über sie berichtet. Viele Leute gehen deshalb nicht zum Fußball.

Wie wird es bei der EM sein?
Schwer zu sagen. Für die meisten Hools ist ein solches Turnier unbezahlbar. Ich denke, es wird eher Probleme mit polnischen oder russischen Hooligans geben als mit englischen.

Zurück zu Chelsea: Wie bewerten Sie die Rolle Roman Abramowitschs?
Schwierig zu beantworten, ganz ehrlich. Als er kam, war Chelsea finanziell am Boden. Und viele Leute sind ihm dankbar dafür, dass er den Verein aufgepäppelt hat. Doch natürlich weiß man auch, was passieren kann, wenn er keine Lust mehr hat. Es gibt daher auch etliche Leute, die gegen ihn opponieren. Auch wenn er sich als Lichtbringer sieht: Für mich ist er ein Mann, der dauerhaft im Schatten steht. Er ist ein Geschäftsmann – und am Ende des Tages alleine. 

Sie gehen mit Ihrem Herzensverein sehr hart ins Gericht. Suchen Sie sich einen Ausgleich in den unteren Ligen?
Mein Großvater und mein Vater waren Fans vom FC Brentford, West-London. Manchmal gehe ich dorthin. In der dritten Liga ist der Fußball noch nicht so aufgebläht. Uwe Rösler ist übrigens Trainer vom FC Brentford. Aber auch dort sieht man die Auswüchse der Premier League. Spieler hauen nach einer Saison ab, weil es andernorts mehr Geld gibt. Oder weil der Trainer ihnen keine Chance gibt. Wann hatten wir zuletzt mehr als vier Spieler aus der Jugend in der ersten Mannschaft?

Sie haben beim FC Chelsea zwei Spieler, die dem Verein seit vielen Jahren die Treue halten...
...Paul Lampard und John Terry...

...die müssten Ihnen doch gefallen.
Tun sie. Gerade John Terry! Ein super Typ!

Tatsächlich?
Sie denken, dass er ein Idiot ist?

Haben Sie das Champions-League-Halbfinale gesehen?
Was war da?

Terry stieß sein Knie absichtlich in den Rücken von Barcelonas Alexis Sanchez.
Ich glaube, er wurde von einer Biene gestochen. Da schnellte sein Knie vor Schmerz hoch. Keine große Sache. (lacht)

Sie haben ihn nicht verflucht? Er bekam die Rote Karte und fehlt nun im Finale gegen den FC Bayern.
Im Ernst: Terry ist nicht so übel, wie er häufig gemacht wird. Ich habe das Spiel in einem Pub gesehen und meine Kumpels und ich konnten erst nicht glauben, was dort geschah. Einer schrie: »Abwarten, das sind die TV-Bilder aus Spanien, da ist bestimmt was faul!« Als wir dann aber die sechste Wiederholung sahen, wurde mir auch langsam klar, was Terry da gemacht hatte. Ich sagte nur: »Oh, Gott!« Und bestellte ein neues Bier.  

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