03.10.2011

Florian Weichert über Burger und Bundesliga

»Als hätte man uns losgelassen«

Florian Weichert erlebte im Trikot von Hansa Rostock die Wende und den Zusammenbruch eines Systems. Ein Gespräch über die Trainingsmethoden von Uwe Reinders, Handgeld und unerwartete Komplikationen vor dem McDrive.

Interview: Tim Jürgens, Protokoll: Maike Schulz Bild: Imago

Florian Weichert, zu Beginn unseres Gesprächs die Standardfrage: Wo haben Sie den Mauerfall erlebt?

Ich war zu Hause in Rostock, hatte Besuch von Freunden. Als der Besuch weg war, habe ich den Fernseher angeschaltet, es war schon nach Mitternacht und sah die ersten Bilder. Von denen die auf der Mauer tanzten und den ersten Grenzgängern, die rüber wollten. Für mich war das ein skurriles Bild, mit dem ich schlafen gegangen bin. Am nächsten Morgen bin ich ganz normal zum Training gefahren, aber schon da fehlten ein paar Spieler. Die waren schon in Richtung Grenze oder Berlin unterwegs. Wir hatten am Wochenende spielfrei, unser Trainer Werner Voigt gab uns frei.

Und Sie sind dann auch in den Westen gefahren?

Ja, aber bei den normalen Grenzübergängen waren so lange Staus, dass man notgedrungen provisorische Grenzübergänge eröffnen musste. Bei Ratzeburg zum Beispiel, da ging es halb über den Acker. Ich war mit dem Trabbi meiner Eltern und meiner Frau unterwegs und hab unser Begrüßungsgeld abgeholt. Den Sohn hatten wir bei Schwiegereltern gelassen. In Lübeck haben wir ihm von unserem Geld ein Kuscheltier gekauft. Ich glaube, das war ein Affe.  

Habt Sie in der Kabine eigentlich über die Option Bundesliga oder die Zukunft der DDR-Oberliga gesprochen?

Dazu muss man sagen, dass die Wende auf politischer Ebene zwar rasant voran ging, es im Fußball aber deutlich länger dauerte. Der gewiefte Pischke holte im Sommer 1990 schon Uwe Reinders als Trainer. Da war ich positiv geschockt. Die erste Sitzung mit Reinders als Trainer werde ich mein Leben lang nicht vergessen. 30 Grad im Sommer, wir saßen in unserer Kantine, er kam rein und hat eine Rede geschwungen, sein Hemd war nass geschwitzt. Und wir, die über Jahre um Platz sechs oder sieben gespielt hatte, die nie Ambitionen auf den Titel hatten, saßen da. Er guckt uns an uns sagt: Jungs, ich will zwei Sachen von euch. Erstens, wir werden Meister, zweitens, wir werden Pokalsieger. Ich habe mich in dem Moment gefragt, ob der vielleicht wahnsinnig ist.  

Was hat Reinders gemacht, dass aus dem Mittelfeld-Anwärter Hansa Rostock eine Meistermannschaft wurde?


Es war die grundlegende Überzeugung des Trainers, dass wir jede Mannschaft schlagen können. Das hat er uns von der ersten bis zur letzten Minute eingeimpft. Er hat uns anders auf die Spiele vorbereitet. Reinders hat uns keine Angst vor dem Gegner gemacht, sondern nur die Aufstellung verlesen und bestimmt, wer die Standards ausführt. All das hat uns euphorisiert. Es war, als hätte man elf Wilde einfach mal losgelassen.  

Ihre Mannschaft hatte auch das Glück, dass Ihnen nicht wie in Dresden die Stars weggekauft wurden.

Für Rostock hat sich vorher kein Mensch interessiert, das hat sch erst mit Uwe Reinders geändert. Dass Andreas Thom vier Wochen nach dem Mauerfall schon weg war, hat mich nicht überrascht. Er war der Topspieler. Ich habe eher erwartet, dass noch andere so schnell gehen. Die Wechsel von Matthias Sammer und Ulf Kirsten haben sich dann ja noch bis zum Sommer hingezogen.

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