Florian Weichert über Burger und Bundesliga

»Als hätte man uns losgelassen«

Florian Weichert erlebte im Trikot von Hansa Rostock die Wende und den Zusammenbruch eines Systems. Ein Gespräch über die Trainingsmethoden von Uwe Reinders, Handgeld und unerwartete Komplikationen vor dem McDrive. Florian Weichert über Burger und Bundesliga
Heft#96 11/2009
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Florian Weichert, zu Beginn unseres Gesprächs die Standardfrage: Wo haben Sie den Mauerfall erlebt?

Ich war zu Hause in Rostock, hatte Besuch von Freunden. Als der Besuch weg war, habe ich den Fernseher angeschaltet, es war schon nach Mitternacht und sah die ersten Bilder. Von denen die auf der Mauer tanzten und den ersten Grenzgängern, die rüber wollten. Für mich war das ein skurriles Bild, mit dem ich schlafen gegangen bin. Am nächsten Morgen bin ich ganz normal zum Training gefahren, aber schon da fehlten ein paar Spieler. Die waren schon in Richtung Grenze oder Berlin unterwegs. Wir hatten am Wochenende spielfrei, unser Trainer Werner Voigt gab uns frei.

Und Sie sind dann auch in den Westen gefahren?

Ja, aber bei den normalen Grenzübergängen waren so lange Staus, dass man notgedrungen provisorische Grenzübergänge eröffnen musste. Bei Ratzeburg zum Beispiel, da ging es halb über den Acker. Ich war mit dem Trabbi meiner Eltern und meiner Frau unterwegs und hab unser Begrüßungsgeld abgeholt. Den Sohn hatten wir bei Schwiegereltern gelassen. In Lübeck haben wir ihm von unserem Geld ein Kuscheltier gekauft. Ich glaube, das war ein Affe.  

Habt Sie in der Kabine eigentlich über die Option Bundesliga oder die Zukunft der DDR-Oberliga gesprochen?

Dazu muss man sagen, dass die Wende auf politischer Ebene zwar rasant voran ging, es im Fußball aber deutlich länger dauerte. Der gewiefte Pischke holte im Sommer 1990 schon Uwe Reinders als Trainer. Da war ich positiv geschockt. Die erste Sitzung mit Reinders als Trainer werde ich mein Leben lang nicht vergessen. 30 Grad im Sommer, wir saßen in unserer Kantine, er kam rein und hat eine Rede geschwungen, sein Hemd war nass geschwitzt. Und wir, die über Jahre um Platz sechs oder sieben gespielt hatte, die nie Ambitionen auf den Titel hatten, saßen da. Er guckt uns an uns sagt: Jungs, ich will zwei Sachen von euch. Erstens, wir werden Meister, zweitens, wir werden Pokalsieger. Ich habe mich in dem Moment gefragt, ob der vielleicht wahnsinnig ist.  

Was hat Reinders gemacht, dass aus dem Mittelfeld-Anwärter Hansa Rostock eine Meistermannschaft wurde?


Es war die grundlegende Überzeugung des Trainers, dass wir jede Mannschaft schlagen können. Das hat er uns von der ersten bis zur letzten Minute eingeimpft. Er hat uns anders auf die Spiele vorbereitet. Reinders hat uns keine Angst vor dem Gegner gemacht, sondern nur die Aufstellung verlesen und bestimmt, wer die Standards ausführt. All das hat uns euphorisiert. Es war, als hätte man elf Wilde einfach mal losgelassen.  

Ihre Mannschaft hatte auch das Glück, dass Ihnen nicht wie in Dresden die Stars weggekauft wurden.

Für Rostock hat sich vorher kein Mensch interessiert, das hat sch erst mit Uwe Reinders geändert. Dass Andreas Thom vier Wochen nach dem Mauerfall schon weg war, hat mich nicht überrascht. Er war der Topspieler. Ich habe eher erwartet, dass noch andere so schnell gehen. Die Wechsel von Matthias Sammer und Ulf Kirsten haben sich dann ja noch bis zum Sommer hingezogen.

Was hat sich ansonsten noch für Sie verändert?

Wir Fußballer waren ja inoffizielle Profis, ich zum Beispiel war Angestellter im Kombinat für Seeverkehr und Hafenwirtschaft, ich war gelernter KFZ-Schlosser und habe nebenbei studiert. Die Sicherheit, nach der aktiven Karriere in den Betrieb übergehen zu können, war plötzlich weg. Wir wurden zum 30. Juni 1990 aus dem Betrieb ausgegliedert und waren auf ein Mal Vertragsspieler des Vereins, bekamen mehr Geld und vor allem D-Mark. Damit waren wir aber auch von jetzt auf gleich für unseren eigenen Lebensstandard und die Zukunft zuständig. Ich gehörte bei Hansa zur jungen Garde, war noch nicht mal Stammspieler. Von daher hatte ich mir keine großen Hoffnungen gemacht, als die Vertragsgespräche losgingen. Ich hab nur gehofft, dass ich bleiben darf.  

Den Vertrag haben Sie dann doch bekommen.


Ja, sie wollten mich behalten und mein Gehalt war letztendlich ohne Prämien schon doppelt so hoch wie vorher. Dann hat er gesagt: »Wenn du den Vertrag jetzt sofort unterschreibst, geb ich dir noch bar was auf die Hand.« Das Geld hat der Präsident vor mir auf den Tisch gelegt. Das habe ich dann natürlich auch gemacht. So hat Pischke uns eigentlich alle bekommen. Nach dem Wochenende kamen wir mit neuen, meist gebrauchten, Autos zurück. Ich auch, mit einem Peugeot 309 mit Fliesdeck. An den Autos konntest du ablesen, wer dem Verein wie viel wert war.  

Hatten Sie zu diesem Zeitpunkt eigentlich einen Berater?

Nein, aber ich habe viel mit Uwe Reinders gesprochen. Ich hatte noch kein Telefon, und weiß noch wie ich zur Telefonzelle gegangen bin, um Reinders um Rat zu fragen. Durch meine Tore habe ich schnell an Marktwert gewonnen und als ich dann ein Telefon hatte, klingelte es eines Tages, meine Frau nahm ab und Uli Hoeneß war dran. Der hat dann mit seiner charmanten Art versucht, ihr klar zu machen, dass es besser wäre, wenn ich in der kommenden Saison beim FC Bayern spielen würde. Selbst die Frau vom Hoeneß hat ihr dann versucht, ein Leben in München schmackhaft zu machen. Aber die Bayern habe ich mir nicht zugetraut.  

Stattdessen sind Sie nach Hamburg gewechselt?

Die wollten mich schon zur Winterpause und ich wollte einfach raus. Mich hat die zunehmende Zerbröckelung unserer Mannschaft unzufrieden gemacht. Auch wie man Reinders vom Hof jagte, passte mir gar nicht. Den Übergang vom Kollektiv zur Mannschaft haben wir nicht geschafft.  

Gab es einen Momente, in denen Sie sich als klassischer »Ossi« im Westen vorkamen?


Oh ja. Ich hatte einen Muskelfaserriss und Reinders hat mich zu einem Arzt in Norddeutschland geschickt, bei dem auch viele Bundesligaspieler in Behandlung waren. Abends machte einer den Vorschlag etwas von McDonalds zu holen. Wir sind gemeinsam mit dem Auto zum McDrive gefahren, ich hatte noch nie davon gehört. Wir standen also plötzlich vor einer Gegensprechanlage und sollten unsere Bestellung abgeben. Das haben wir getan und gewartet. Und gewartet. Hinter uns bildete sich schon eine Schlange und wir wussten nicht, was wir machen sollten. Bis wir endlich den armen Kerl sahen, der, mit unseren Tüten wedelnd, fast aus seinem kleinen Fenster fiel, um uns auf sich aufmerksam zu machen. Wir kamen uns vor wie die größten Idioten.

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