Florian Kringe über Durststrecken, eklige Typen und den FC St. Pauli

»Missgunst ist Schwachsinn«

Im Sommer 2012 wurde Florian Kringe nach 15 Jahren beim BVB von Jürgen Klopp aussortiert. Ein Gespräch über den Neuanfang in Hamburg, eklige Typen und Verletzungspech.

Florian Kringe, die aktuelle Ausgabe von 11FREUNDE widmet sich den 50 härtesten und unfairsten Fußballern aller Zeiten. Man kennt Sie als robusten Mittelfeld- und Abwehrmann – hätten Sie das Zeug, in die Liste aufgenommen zu werden?
Hart bin ich, aber unfair habe ich nie gespielt. Ich habe noch nie eine rote Karte bekommen, auch wenn ich durchaus ein Freund davon bin, dass man auf dem Platz auch mal richtig zupacken muss. Aber wenn ich die Namen vorne auf der 11FREUNDE-Titelseite lese …
 
… dann kriegen Sie Angst?
… dann bin ich nicht unbedingt böse, dass man mich nicht mit ihnen in einem Atemzug nennt.
 
Ein FC St. Pauli-Spieler hat es immerhin auf Platz 19 geschafft: Dieter Schlindwein, der in seiner Karriere vier Mal glatt Rot sah. Sie haben bislang nur einmal eine Gelb-Rote-Karte bekommen. Wussten sie immer, wann es zu brenzlig auf dem Platz wird?
Naja, die Gelb-rote-Karte gegen mich war ja eigentlich auch ein Witz. Ich hatte oft sicherlich auch einfach Glück. Man kommt in Situationen, wo man auf dem Platz im Bruchteil einer Sekunde Entscheidungen treffen muss. Manchmal handelt man richtig, manchmal nicht. Aber vor einem richtigen Platzverweis war ich immer noch ein ganzes Stück weg.
 
Wer war der härteste Gegenspieler, gegen den Sie bislang gespielt haben?
(überlegt lange) Den härtesten Gegenspieler hatte ich im eigenen Team. Als ich damals bei den Profis angefangen habe, waren noch so Jungs wie Jürgen Kohler dabei, der dann im Training auch mal richtig zugelangt hat. In Köln haben wir gern Moses Sichone geärgert und gerufen: »Jetzt packt er die Afrika-Cup-Grätsche aus. Ohne Rücksicht auf Verluste!« Andrew Sinkala war auch so ein Kandidat, aber unfair haben beide trotzdem nie gespielt. Richtig eklige Typen, die vorsätzlich ihre Gegner foulen wollten, habe ich zum Glück nicht kennengelernt.
 
Muss man ein harter Typ sein, um im Profi-Alltag bestehen zu können?
Man muss nicht unbedingt ein harter Typ sein, aber zu sensibel auch nicht. Jeder Spieler ist ultragläsern heutzutage, alles wird aufgedeckt. Eigentlich gibt es in den Medien auch keine normale Leistungsbeschreibung mehr. Entweder ist man über alle Maßen toll oder grottenschlecht. Dazwischen gibt es nicht so viel. Wenn man nicht gut mit Kritik umgehen kann, dann hat man ein Problem. Deshalb muss man alles vernünftig einsortieren: Sowohl die Zeiten, wenn man hoch gelobt wird, als auch die Zeiten, wenn mal was Schlechtes in der Zeitung steht. Ein harter Typ muss man nicht sein, aber man sollte sich durchsetzen können und von den Ellbogen Gebrauch machen können. Es gibt in der Jugend sehr viele gute Fußballer, die aber vergessen, dass man sich durchsetzen muss.
 
Die Titelzeile der aktuellen Ausgabe von 11FREUNDE lautet »Hart, aber unfair«. Wie oft haben Sie dasselbe über Ihre Karriere gedacht?
Nicht oft. Ich hatte insgesamt auch viel Glück in meiner Karriere. Natürlich gibt es Spieler, die zehn bis 15 Jahre komplett verletzungsfrei bleiben und noch mehr Glück haben. Aber ich sehe das so: Ich hatte bisher eine gute Karriere und will noch weiter Spaß am Fußball haben und erfolgreich sein.
 
Sie haben insgesamt 15 Jahre beim BVB gespielt und wurden zwischendurch zum 1. FC Köln und zu Hertha BSC ausgeliehen. Gleich zweimal haben Sie sich dabei den Mittelfuß gebrochen. Wie oft haben Sie Ihren Körper verflucht?
Vor meinem ersten Mittelfußbruch war ich zehn Jahre lang nicht verletzt. Ich hatte nie etwas. Weder große noch kleine Blessuren. Ich habe auch so gut wie nie auch nur eine Trainingseinheit verpasst. Das ist schon absolut außergewöhnlich. Meine Kollegen hatten schon über mich gewitzelt, dass ich unkaputtbar bin. Aber dann ging es los: Über zwei Jahre hatte ich richtig Pech. Der zweite Fußbruch war natürlich extrem unglücklich, weil der Knochen an genau der gleichen Stelle brach und ich noch länger brauchte, um wieder gesund zu werden. Bei dem ein oder anderen Kontrolltermin beim Arzt bin ich dann auch mal ungeduldig geworden. Fußballer ist ja nicht nur ein Beruf für mich, sondern in erster Linie Leidenschaft. Wenn man täglich im Reha-Zentrum statt auf dem Trainingsplatz steht, dann muss man aber geduldig sein.
 
Man kennt die Bilder von Spielern im Schwimmbecken, im Kraftraum oder beim Arzt, um wieder fit zu werden. Was haben Sie in den Stunden davor und danach gemacht?
Mich mit meiner Familie oder meiner Freundin getroffen. Das normale Leben geht ja zum Glück weiter und man wird nicht aus seinem sozialen Umfeld herausgerissen, nur weil man krank ist. Schwierig wird es, wenn man zum Spiel ins Stadion kommt, die Leute fragen und man die Geschichte wieder und wieder erzählen muss. Klar, das ist immer nett gemeint, aber mental war das eine neue Erfahrung für mich, weil ich davor so lange verletzungsfrei war.
 
Nach Ihrer zweiten Rückkehr zum BVB kamen Sie ab 2010 nur noch in der zweiten Mannschaft zum Einsatz. Wie fühlt man sich als Spieler auf dem Abstellgleis?
Ich habe mich trotzdem immer als Teil der Mannschaft gesehen. Überraschend war die Situation ja nicht, denn ich habe mich vorher schon ausleihen lassen, da die Umstände für mich vorher ungünstig waren.
 
Wie meinen Sie das?
Mir wurde im Vorfeld mitgeteilt, dass der Verein verstärkt auf jüngere Spieler setzen wolle. Und ich hatte das Pech, dass zeitgleich zu meinem persönlichen Unglück der BVB richtig Fahrt aufgenommen hat. Wenn man dann verletzt zu einem Verein zurückkommt, wird es natürlich schwer, aber mir war schon klar, dass ich mich erstmal hinten anstellen muss.
 
Am vorletzten Spieltag der letzten Saison kamen Sie beim 5:2 gegen Kaiserslautern in der 77. Minute für Mario Götze ins Spiel. Ihr erster Bundesligaeinsatz nach zwei Jahren Durstrecke. Ein Freundschaftsbeweis von Trainer Jürgen Klopp?
Ich war superglücklich, dass ich mich auch noch mal auf dem Platz von den Leuten verabschieden konnte. Im Grunde war es ja so, dass die Fans mich eingewechselt haben, als sie die ganze Zeit vorher meinen Namen riefen. Das ist für einen Spieler natürlich eine Sensation. Gerade wenn man auch mal bittere Zeiten durchgemacht hat und man die Unterstützung von den Fans bekommt, dann schweißt einen das vielleicht noch stärker zusammen, als wenn man erfolgreich ist. Natürlich hätte ich gerne mehr zu den beiden Meisterschaften beigetragen, aber in dem Moment war ich einfach nur glücklich noch einmal spielen zu können. Ich hatte Gänsehaut. 

 
Der BVB spielt eine überragende Champions-League-Saison und gehört nach Siegen gegen Real Madrid und Manchester City plötzlich zum Favoritenkreis. Können Sie diese Erfolge genießen oder überwiegt der Gedanke, dass Sie gerne noch Teil der Mannschaft wären?
Es ist okay für mich, dass ich nicht mehr dabei bin. Ich freue mich einfach für die Jungs und beobachte die tolle Entwicklung, die der BVB macht. Klar, ein Spieler will immer spielen, aber in meinen Augen war Missgunst immer völliger Schwachsinn.
 
Sie erleben beim FC St. Pauli seit Ihrem Wechsel im vergangenen Sommer so etwas wie Ihren zweiten Frühling. In der Hinrunde gelangen Ihnen in 14 Spielen vier Torvorlagen. In der Saison 2004/2005 glänzten Sie mit insgesamt acht Assists. Toppen Sie diese Zahl noch dieses Jahr?
Ich bemühe mich! Scorer-Punkte sind etwas Schönes, und auch ein Tor würde ich auch gerne mal wieder schießen. Aber leider haben wir in der Hinrunde generell viel zu wenig Tore geschossen. Die Dinger reinzumachen hat was mit Entschlossenheit und Selbstvertrauen zu tun. Das kannst du schwer trainieren.
 
Haben Sie in dem halben Jahr seitdem Sie in Hamburg sind schon herausgefunden, was den Mythos BVB vom Mythos FC St. Pauli unterscheidet?
Die Begeisterungsfähigkeit der Fans ist bei beiden Klubs sehr ähnlich. In Dortmund hast natürlich noch mal andere Massen und einen anderen Hintergrund, was die Fankultur angeht. Ich habe in Hamburg das Glück, das wie beim BVB auch hier eine sensationelle Stimmung herrscht, die einen als Spieler natürlich pusht. Mit der neuen Gegengerade haben wir jetzt ein richtig schmuckes Stadion mitten in der Stadt.
 
Sie sind in Ihrer Karriere zweimal zum BVB zurückgekehrt. Wird es ein drittes Mal geben?
Man weiß nie was passiert, aber ich habe überhaupt keine Ahnung, in welche Richtung ich nach der Karriere gehen will. Der BVB und ich sind im Guten auseinander gegangen, aber momentan konzentriere ich mich nur auf St. Pauli.
 
Florian Kringe, wenn in ein paar Jahren Ihre Biografie erscheinen sollte, wie würde der Titel lauten?
Puh. Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht.

(Pressechef Christian Bönig ruft rüber: »Ich lach’ mich kringelig«?)

Nee, ich glaub’ eher nicht.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!