Flemming Povlsen über den EM-Triumph 1992

»Es war zu befürchten, dass wir auf die Mütze bekommen«

Flemming Povlsen war Teil der legeändären dänischen Mannschaft, die 1992 Europameister wurde. Wir sprachen mit ihm über den Titelgewinn und die Chancen der Dänen am Sonntag gegen Deutschland.

Flemming Povlsen, was haben Sie sich für den 26. Juni vorgenommen?
Das ist der Tag, an dem wir 1992 Deutschland im EM-Finale geschlagen haben. Normalerweise kommen dann immer alle von der Europameistermannschaft zusammen, mit ihren Frauen und Kindern, jedes Jahr, seit 1993. Wir lassen den Erfolg von damals hochleben, kicken gegen eine Dorfmannschaft und manchmal spielt auch eine Band. Aber diesmal verschieben wir unser Treffen auf den 7. Juli, wegen der EM. Wir haben das deutsche 92er-Team zu einem Match eingeladen, und was ich so gehört habe, kommen viele davon nach Kopenhagen.

Dass sich die Europameistermannschaft jedes Jahr am 26. Juni trifft, zeugt von einem starken Gemeinschaftsgefühl, damals wie heute.
Wir mögen uns immer noch sehr. Aber das Ganze ist auch ein Ausdruck für die Größe der Überraschung, die uns damals gelungen ist. Was 1992 passierte, war wirklich sehr außergewöhnlich.

Dänemark sprang kurzfristig für Jugoslawien ein, das wegen des Bürgerkriegs von der EM ausgeschlossen wurde, ohne echte Vorbereitung, mit Spielern, die in Gedanken schon im Urlaub waren.
Ich tingelte gerade mit Borussia Dortmund in Süddeutschland über die Dörfer, als ich die Nachricht bekam, dass wir bei der EM in Schweden dabei sind. Ehrlich gesagt hatte ich anfangs meine Zweifel, ob ich überhaupt mit will. Es war zu befürchten, dass wir ganz kräftig eins auf die Mütze bekommen und dabei unser Gesicht verlieren. Mit so einer Pleite kannst du dir als Spieler das ganze Selbstvertrauen zerstören, das du in all den Jahren aufgebaut hast. Ich habe mit Freunden und meiner Familie gesprochen und schließlich die Entscheidung getroffen, die Herausforderung doch anzunehmen.

Solch ernste Gedanken passen gar nicht zum Bild der angeblichen Partytruppe, die in Badelatschen über den Trainingsplatz schlich, nach Siegen bis spät in die Nacht feierte und sich von Cola und Big Macs ernährte.
Wir kamen nicht in Badelatschen nach Schweden, mit Urlaubsstimmung ja, das schon. Aber wir können gut damit leben, dass wir heute noch wie fröhliche Amateure hingestellt werden. Allerdings hatten wir fußballerisch auch einiges zu bieten. Sicherlich haben wir ungewöhnliche Sachen gemacht. Wir bezogen unsere Stärke aus Dingen, die dem Mannschaftsgeist nutzten und uns neue Energie verschafften. Die Geschichten, die darüber erzählt werden, sind im Laufe der Jahre freilich immer besser geworden. Vieles ist übertrieben.

Zum Beispiel?
Die Sache mit dem Fast-Food-Essen. Das haben wir nur ein einziges Mal gemacht. Ich glaube, es war vor dem Abschlusstraining zum Halbfinalspiel gegen Holland. Da sind wir im Mannschaftsbus an einem McDonald’s vorbeigefahren. Wir haben gewitzelt, dass wir so gerne mal einen Burger essen würden. Unser Coach hat es tatsächlich erlaubt und ließ nach dem Training den Bus bei McDonald’s vorfahren. Es war etwas  Besonderes, mal was ganz anderes. Wenn du das ganze Turnier nur an Fußball denkst, wird das irgendwann zu viel.

Tags darauf gingen Sie und Ihre Teamkollegen nach dem Elfmeterschießen als Sieger des Halbfinales vom Platz. Es soll anschließend eine sehr lange Nacht geworden sein.
Ja, das stimmt. Ich weiß noch, wie um fünf Uhr morgens unser Trainer Richard Möller- Nielsen im Mannschaftshotel zu uns runterkam. Er stand immer sehr früh auf. Peter Schmeichel saß am Piano. Ich war auch dabei. Als uns Möller-Nielsen sah, sagte er nur: ‚Ach, Ihr seid auch Frühaufsteher‘, mehr nicht. Aber es war keine exzessive Party, wir waren nicht besoffen. Um zehn Uhr standen wir wieder auf dem Trainingsplatz. Ich denke, man muss als Trainer seine Mannschaft sehr gut kennen, um zu wissen, was geht und was nicht. Und ich denke, dass meistens mehr möglich ist, als man glaubt. Doch die Trainer sind heute noch vorsichtiger geworden, weil alles sofort an die Öffentlichkeit gerät. Wir leben in einem Medienzeitalter, das viele Trainer davor abhält, Dinge zu tun, die der Mannschaft vielleicht helfen würden.

Sie und Ihre Teamkollegen haben beim Turnier in Schweden gemeinsam Minigolf gespielt, um sich abzulenken. Heute suchen die Spieler an der Playstation oder am Laptop beim Twittern Zerstreuung.
Bei unserem Minigolf-Turnier ging es vor allem um Spaß, die Gemeinschaft, aber auch um den Wettbewerbsgedanken. Bei Twitter und Facebook holt man sich keine Siegermentalität. Und was das Gemeinschaftsgefühl angeht, das ist leider in den Hintergrund geraten. Die heutige Spielergeneration kommuniziert lieber via Facebook und Twitter nach außen als nach innen, lässt wildfremde Menschen am Erlebten teilhaben, als sich mit den Leuten, mit denen sie gerade das Spiel unterlebt erlebt hat, darüber zu unterhalten. Das ist sehr schade und ich hoffe, dass die Trainer das im Auge behalten.

Der starke Zusammenhalt in der dänischen Mannschaft war sicher einer der Gründe für die Sensation von 1992. Wie steht es um den Teamgeist der aktuellen dänischen Mannschaft?
Sie lebt auch heute nur davon. Alle wissen, dass sie als Einzelspieler keine Chance haben. Wir haben keinen Özil, keinen Gomez, keinen Robben. Es ist die David-gegen-Goliath-Situation, die einem kleinen Land wie Dänemark bei einem Turnier wie der EM gerade recht kommt. Holland war im ersten Spiel die bessere Mannschaft, doch dann hat Dänemark das Tor gemacht, das war wie 1992. Wir hatten auch ein paar Mal das Glück, genau im richtigen Zeitpunkt ein Tor zu schießen, dann nämlich, wenn wir müde geworden sind.

Wie sehen Sie Dänemarks Chancen gegen Deutschland am Sonntag?
20:80. Doch vor 20 Jahren haben ja auch alle geglaubt, wir hätten keine Chance. Die dänische Mentalität sorgt jedoch immer wieder für  Überraschungen. Und was den Einzug ins Viertelfinale angeht: man kann jetzt viele Ergebnisse hinschmeißen. Fakt ist, dass nach Stand der Dinge in dieser Gruppe alle schon nach der Vorrunde nach Hause fliegen können. Das schafft eine gewisse Nervosität.

Mario Gomez stand in Deutschland nach dem Portugal-Spiel trotz seines Tors in der Diskussion.
Das habe ich nicht verstanden. Wenn ich Gomez mit Klose vergleiche, dann ist er ganz einfach stärker.

Gomez war vorgeworfen worden, dass er sich zu wenig bewege und für die Mannschaft tue.
Und zu mir hat man während meiner Dortmunder Zeit vorgehalten, dass ich bei den Flanken immer müde wäre, weil ich so viel laufe. Die deutsche Mannschaft ist im Mittelfeld so gut besetzt, die braucht keinen wieselflinken Stürmer, der permanent hin und her rennt, um Räume zu schaffen. Liebe Deutsche, wenn Ihr den Gomez nicht mehr braucht, wir Dänen würden ihn gerne nehmen.

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