Filip Trojan im Interview

»Es geht beschissen zu Ende«

Für St. Paulis Filip Trojan ist die Saison nach einem Innenbandriss beendet, ab dem Sommer wird er für Mainz 05 auflaufen. Wir haben Ihn vor dem Spiel zwischen seinem aktuellen und seinem zukünftigen Verein am Millerntor getroffen. Filip Trojan im InterviewImago

Herr Trojan, sind Sie ein gläubiger Mensch?

Ab und zu schon, ab und zu nicht. Manchmal weiß ich nicht, an was ich glauben soll, in anderen Momenten wiederum glaube ich schon, dass es da oben irgendwas gibt.

[ad]

Haben Sie so vielleicht eine Erklärung für das Verletzungspech, dass Sie verfolgt?

Ich glaube, das ist dieses Zeichen, dass ich an irgendwas glauben soll. Das beschützt mich irgendwie vor dem Spiel heute. Wahrscheinlich wäre sonst noch etwas viel Schlimmeres passiert.

Sind Sie froh, diesem Spiel heute aus dem Weg zu gehen oder schmerzt es, nicht auflaufen zu können?

Es schmerzt schon. Das ist ein Spiel, bei dem jeder dabei sein will. Jeder will spielen und zeigen, dass er für den Verein, für den er nächstes Jahr spielt, gut genug ist. Leider hat die Verletzung mir dieses Spiel versaut. Ich mag es sowieso nicht: auf der Tribüne  sitzen, nichts tun und den anderen zuschauen, das ist nicht mein Ding. Von daher weiß ich nicht, wie lange ich das heute hier aushalte. Vielleicht bin ich nach ein paar Minuten schon wieder weg.

Sie haben eine unglückliche Rückrunde gespielt und als Sie nach der Verkündung ihres Wechsels allen beweisen wollten, dass sie bis zum letzten Spiel alles für Ihren Verein geben, haben Sie sich die schwere Verletzung zugezogen. Was war in dem Moment Ihr erster Gedanke?

Dass es einfach beschissen zu Ende geht. Die Rückrunde war nicht gut, ich hatte von Anfang an gesundheitliche Probleme, aber gegen Wiesbaden und Duisburg habe ich endlich wieder gespielt und mich gut gefühlt nach Monaten. Ich war mir sicher, dass ich noch was zeigen kann, deswegen ist es so bitter. Wenigstens habe ich eine gute Hinrunde gespielt.

Sie werden für St.Pauli nicht mehr auflaufen können. Sehen Sie sich trotzdem noch als Teil des Teams?

Ich denke schon, dass ich das bis zum letzten Spiel bin. Natürlich ist es nicht so, wie es wäre, wenn ich noch spielen würde, aber ich bin oft beim Training, in der Kabine und habe hier immerhin fast zwei Jahre gespielt.

Während der letzten beiden Jahre beim FC St.Pauli haben Sie sich mit vielen Verletzungen herumgeplagt. Fällt Ihr Fazit trotzdem positiv aus?

Auf jeden Fall. Hierher zu gehen, war die beste Entscheidung, die ich treffen konnte. Ich hatte zwei superschöne Jahre hier, die ich niemals vergessen werde. Es ist nur schade, dass alles so endet.

Waren es auch finanzielle oder ausschließlich sportliche Gründe, die den Ausschlag für den Wechsel nach Mainz gegeben haben?

Es ist ja ganz normal, dass man, wenn man zu einem neuen Verein wechselt, nicht weniger Geld verdient. Wenn ich sagen würde: Ich verdiene in Mainz 5000 € weniger, würde jeder wissen, dass ich lüge. Klar verdient man mehr, aber wenn ich wegen des Geldes irgendwohin wechseln würde, wäre ich nie zu St. Pauli gekommen. Hier spielt man nicht, weil man Millionen verdienen möchte, sondern weil es großen Spaß macht. Ich habe einen ähnlichen Verein gesucht, der auch erste Liga spielen kann und ich denke, da habe ich mit Mainz genau den richtigen gefunden. Genauso sympathisch wie St. Pauli, das Stadion, jedes Heimspiel ausverkauft und die Stimmung ist so wie hier, naja, fast zumindest. Denn eine Stimmung wie auf St. Pauli gibt es sonst ja nicht. Viele haben mir Mainz empfohlen und wenn man die Möglichkeit hat, eventuell eine Klasse höher bei einem Verein zu spielen, bei dem es genauso familiär wie hier zugeht, dann ist das genau das Richtige.

Sehen Sie sich persönlich als Bundesligaspieler?

Ich habe mich die ganze Zeit als Bundesligaspieler gesehen, nur die Verletzungen werfen mich immer wieder zurück. Ich habe noch kein Jahr ohne Verletzungen überstanden und ich bin mir sicher: Wenn ich das irgendwann schaffe, werde ich auch zeigen, dass ich ein Bundesligaspieler bin.

Sind die Koffer für Mainz schon gepackt?

Noch nicht, bis jetzt habe ich mich noch gar nicht bewegt. Es ist alles noch, als würde ich hier weiter wohnen bleiben. Nächste Woche will ich mir in Mainz eine Wohnung suchen.

Vor ihrem Wechsel zu St. Pauli haben Sie lange Zeit im Ruhrpott gelebt. Wie sind Sie mit der Hamburger Mentalität zu Recht gekommen?

Es ist nicht einfach. Die Stadt ist zwar sehr schön, aber die Leute sind ein bisschen anders. Im Ruhrpott sind die Menschen alle ein wenig offener und helfen dir sofort, wenn du was brauchst. Das hat den Anfang hier nicht leicht gemacht, aber irgendwann hat man dann doch Freunde und einige Leute gefunden, mit denen man sich versteht.

Das Bild vom Kultklub St.Pauli wird medial häufig stark überzeichnet.  Was macht den FC St. Pauli für Sie einzigartig?

Das ist schwer zu beschreiben, du musst es als Spieler erleben. Wenn du hier spielst, dann weißt du, wovon immer geredet wird. Wenn du da unten stehst, darauf wartest einzulaufen und es wird »Hells Bells« gespielt, dann bekommst du Gänsehaut. Wenn die Leute anfangen zu singen, zu schreien – und dann die letzten Minuten, wenn sie das letzte Lied singen und dich feiern. Das gibt es, in dieser Form, nur hier. Und das ist der Grund, warum du hier spielst. 

Es wird immer wieder die enge Bindung zwischen Stadtteil und Verein hervorgehoben. Wohnt der Großteil des Teams auch in St. Pauli?

Wir gehen ab und zu hier feiern, das macht die enge Bindung aus, aber wir wohnen woanders. Auf St. Pauli sind wir meistens nur am Abend unterwegs.

Können Sie sich noch an besonders skurrile Momente der letzten zwei Jahre erinnern? Mir fällt da ein Spiel in Offenbach ein: Nach einem Tor entblößten Sie vor dem Offenbacher Anhang Ihr Hinterteil.

Das war auf jeden Fall eine gute Erfahrung, denn so etwas hatte ich noch nie vorher erlebt. Ich habe die Leute dort ein bisschen geärgert (lacht) und die haben mich dann ausgepfiffen, beleidigt und beschimpft, eben alles, was man sich vorstellen kann. Aber meistens ist es ja so, dass nur die guten Spieler ausgepfiffen werden. Von daher kann ich ein bisschen stolz auf mich sein.

Hatte Ihre Geste einen Hintergrund?

Ich wurde von Anfang an, ohne jeden Grund, beleidigt und beschimpft. Hätte ich was gemacht, hätte ich es ja verstanden. Aber so war es ein wenig anders, ich habe mitgemacht und mich provozieren lassen.

Holger Stanislawski hat jetzt seinen Trainerschein, sogar als Klassenbester, bestanden. Es wird immer viel darüber berichtet, wie schwer es für den Trainer ist, kaum bei der Mannschaft zu sein. Wie ist es denn für Sie als Spieler, wenn der Trainer fast nie vor Ort ist?

Wenn man die Saison so gut zu Ende bringt, wie wir das geschafft haben bzw. schaffen werden, dann hat das gezeigt, dass wir auch ohne Stani ganz gut und konzentriert trainieren konnten. Die Mannschaft hat großen Charakter gezeigt, alle haben toll mitgezogen und auch alles gegeben, wenn der Trainer nicht dabei war. Wenn man sieht, dass alle anderen Trainer, die neben Ihrer Arbeit den Trainerschein gemacht haben, mittlerweile entlassen sind, dann zeigt das, wie stark wir als Mannschaft sind. Wenn wir erstmal ein paar Spiele verloren hätten, wären sofort die Medien gekommen und hätten gesagt: Ihr habt verloren, weil euer Trainer nicht da ist. Insgesamt war es schon schwer und anstrengend, aber wie gesagt, ich denke, dass wir das als Team gut hinbekommen haben. Stani kann auf diese Mannschaft sehr stolz sein.

Sie sind als Spieler den Schritt von der ersten zurück in die zweite Liga gegangen. Würden Sie diesen Schritt auch anderen Spielern empfehlen, die sich im Oberhaus nicht sofort durchsetzen können?

Ja, aber dann würde ich die alle zu St. Pauli schicken. In der zweiten Liga macht es nirgendwo so viel Spaß wie bei St. Pauli. Hier habe ich gar nicht gemerkt, dass ich nur in der zweiten Liga spiele. Die zwei Jahre haben so viel Spaß gemacht und sind so schnell vorbei gegangen. Mit Bochum habe ich auch ein Jahr zweite Liga gespielt und bin dann wieder aufgestiegen, das hat gar keinen Spaß gemacht.

Sie sind schon mit 16 aus Prag nach Deutschland gekommen. Haben Sie hier größere Chancen gesehen?

Ich habe in Tschechien nicht die Möglichkeit gesehen, dass ich mich nur auf Fußball konzentrieren kann.  Heute bin ich froh, dass ich diesen Weg gegangen bin.

Mit 16 allein in einem neuen Land. Konnten Sie überhaupt Deutsch sprechen?

Ich konnte gar nichts, kein Deutsch und nur ein ganz kleines bisschen Englisch. Ich habe mir das nicht so schwer vorgestellt, aber die ersten drei Monate waren die schlimmsten in meinem Leben. Ich war da, aber irgendwie auch nicht. Ich konnte nicht fernsehen und nicht nach Hause telefonieren, da es damals mit dem Roaming noch nicht so lief wie heute. Nach zwei Monaten hatte ich mich verletzt und bin erstmal ein paar Tage nach Hause gefahren, weil ich einfach nicht mehr konnte. Danach lief es besser. Warum, das weiß ich gar nicht mehr genau. Dass ich so lange in Deutschland bleibe, hätte ich mir damals nie vorstellen können. Heute will ich gar nicht mehr weg.

Hatten Sie vor Ihrem Wechsel nach Deutschland auch andere Angebote vorliegen?

Ich hatte noch zwei andere Angebote, eins aus Belgien und eins aus Spanien. Das Problem war, dass die mich alle zum Probetraining eingeladen haben. Ich bin aber nicht der Trainingsweltmeister. Wenn mich jemand zum Probetraining einlädt, dann komme ich sowieso nicht. Schalke dagegen hat mich zu einem Turnier eingeladen.

Wissen Sie eigentlich schon, wer neuer Nationaltrainer Tschechiens wird?

Noch ist nichts bekannt.

Sie haben fast alle Nachwuchsauswahlen durchlaufen, für die A-Nationalelf wurden Sie bisher noch nicht berufen. Hatten Sie Kontakt mit  Karel Brückner oder mit Petr Rada?

Ich stand zwei, drei Mal auf Abruf bereit, aber leider hat das noch nie geklappt. Mit Petr Rada habe ich noch gesprochen, dummerweise habe ich mich verletzt, und er ist entlassen wurden. Die letzte Stufe auf der Treppe fehlt noch, aber ich bin mir sicher, dass die nächste Saison kommt.

In ein paar Minuten beginnt draußen das Spiel. St. Pauli ist laut Trainer Stanislawski wieder im Abstiegskampf angekommen, Mainz braucht jeden Punkt, damit Sie nächste Saison Bundesliga spielen können. Ganz ehrlich, können Sie, wenn Sie gleich auf der Tribüne sitzen, überhaupt irgendwas empfinden und einer Mannschaft die Daumen drücken?

Das Beste wäre ein Unentschieden, beide haben einen Punkt und beide können damit leben. Ich kann mit keinem anderen Ergebnis wirklich zufrieden sein. Wenn St. Pauli gewinnt, dann freue ich mich, dann ist die Saison gerettet und alle haben gute Laune. Auf der anderen Seite weiß ich, wo ich nächste Saison spiele. Wenn Mainz gewinnt, wäre das für sie sehr, sehr wichtig, aber dann hätten wir hier richtig großen Stress.


Den 2:0 Sieg für St. Pauli hat er übrigens 90 Minuten lang im Stadion verfolgt.


Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!