Fifa-Experte Thomas Kistner über Blatters schmutzige Milliarden

»Feudalismus par excellence«

SZ-Redakteur Thomas Kistner kämpft sich schon seit Jahren durch den Sumpf der Fifa unter Sepp Blatter. Sein Buch »Fifa-Mafia« dröselte die kriminellen Schweinereien des Weltverbandes auf.

Thomas Kistner, die Fifa hat durch die WM 2014 1,6 Milliarden Euro Reingewinn eingestrichen. Wie kommt so eine Summe zustande?
Dass so eine Weltmeisterschaft eine Gelddruckmaschine ist, muss ich Ihnen ja nicht sagen. Die Summe setzt sich vor allem durch die beiden großen Posten TV-Gelder und Sponsoreneinnahmen zusammen. Begünstigt wird der immense Geldfluss allerdings durch eigene skandalöse Regeln, die die Fifa aufgestellt hat.

Zum Beispiel?
Die Einnahmen im WM-Land sind steuerfrei. Die Fifa hat astreine Knebelverträge, die sie den Bewerbern für eine Weltmeisterschaft vorlegt. Wer so ein Turnier ausrichten möchte, hat diese Bedingungen zu schlucken. Und eine ist nun mal die garantierte Steuerfreiheit. So lange es Regierungen gibt, die diesen Wahnsinn unterstützen und sich der Fifa beugen, kann man Sepp Blatter und Co. noch nicht mal einen Vorwurf machen. Sie müssen sich das so vorstellen: Wenn sie eine Party schmeißen, können sie auch ihre eigenen Regeln aufstellen. Kommt alle um Punkt 12 Uhr und seid nackt! Wer darauf keine Lust hat, braucht ja nicht zu kommen. Erschreckend ist nur, dass die Bewerber für die kommenden Turniere ja nicht nur Russland oder Katar hießen, sondern England, Belgien, Portugal, Spanien oder Holland. So lange sich selbst die westlichen Europäer der Fifa unterwerfen, haben wir es mit einem groben Strukturfehler zu tun.

Gibt es weitere Fifa-Vorgaben, bei denen sich Ihnen die Haare aufstellen?
Eine ganze Menge. Unfassbar finde ich, dass die jeweiligen Gastgeberländer Mitgliedern der »Fifa-Familie« bedingungslos Arbeitsgenehmigungen, wie sogenannte Greencards ausstellen. Wer Mitglied dieser ominösen »Familie« ist, bestimmen immer noch Sepp Blatter und seine Getreuen. Das bedeutet im schlimmsten Fall: Personen, die sich auf Fahndungslisten befinden, aber nun mal zur »Fifa-Familie« gehören, können trotzdem eine Greencard erhalten. Das ist so absurd, das es eigentlich nicht zu glauben ist.

Was passiert nun eigentlich mit den 1,6 Milliarden Euro?
Die wandern erstmal auf die Konten der Fifa. Offiziell heißt es, dass dieses Geld nach und nach zurück in den Fußball fließt. Aber das ist natürlich Unfug. So lange sich die Fifa mit Händen und Füßen dagegen wehrt, das offenbar ja enorme Gesamteinkommen ihres Präsidenten mit allen Nebengeräuschen offenzulegen, wird mit dem übrigen Geldfluss ganz sicher nicht transparent umgegangen.

Haben Sie die Hoffnung, dass sich daran in den nächsten Jahren etwas ändert?
Nein. Wir haben es hier mit Feudalismus par excellence zu tun. Wer es in den Vorstand der Fifa geschafft hat, kassiert rund 200.000 Dollar pro Jahr, dazu kommen Tagesgelder, Spesen und so weiter. Seit einigen Jahren reisen die Herren gern in Privatfliegern durch die Welt. Allein um diese Luxusleben zu finanzieren, benötigt die Fifa viele Millionen Euro. Hier werden aus ehrenamtlichen Funktionären Dollarmillionäre. Bei so einer Struktur kann ich mir unmöglich vorstellen, dass alle Gelder sinnvoll und im Sinne des Fußballs eingesetzt werden.

Sie befassen sich seit vielen Jahren mit der Fußballpolitik, speziell dem Gebaren der Fifa. Empfinden Sie noch Spaß bei einer Weltmeisterschaft?
Ich war jetzt sieben Wochen in Brasilien. Die Veranstalter haben insgesamt 170.000 Sicherheitskräfte aufgeboten, das hatte Dimensionen wie bei Krisensituationen im Nahen Osten. Auf jeden möglichen Demonstranten kamen zwei bis drei voll ausgestattete Robocops der Sicherheitsbehörden, die extrem rabiat durchgegriffen haben. All die Demonstranten aus der Mittelschicht, die während des Confed-Cups noch zu vielen tausenden auf die Straßen gegangen sind, haben sich bei der WM nicht mehr getraut. Und das konnte man auch durchaus nachvollziehen. Brasilien hat gezeigt: Man kann die Proteste im Keim ersticken. Wenn man so etwas verfolgt, dann kann einem tatsächlich der Spaß am Fußball vergehen.

Aber?
Ich versuche seit jeher das Spiel an sich vom Geschäft und dem großen Ganzen drumherum zu trennen. Ich spiele selbst noch Fußball im Verein, ich liebe das Spiel. Aber im Umfeld des Fußballs gibt es so viele Dinge, die mir zuwider sind und die ich in meiner Tätigkeit als Journalist anprangere.



Korrupte Funktionäre, verprügelte Demonstranten, Staatslenker, die ihre Bevölkerung austricksen, um ein Fußballturnier zu veranstalten – wie lange kann das eigentlich noch gut gehen?
Eigentlich gilt für den Fußball der alte Leitsatz aus der Banken-Branche: »Too big to fail« – der Fußball ist eigentlich viel zu groß und mächtig und wichtig, als dass sich am status quo etwas ändern könnte. Und trotzdem sagt mir meine Erfahrungen aus fast zwei Jahrzehnten in dem Geschäft, dass auch dieses dicke Brett langsam aber sicher gebohrt wird.

Was meinen Sie damit?
Die beiden schlimmsten Geschwüre des Spiels sind die korrupten Funktionäre – allen voran der Clan um Sepp Blatter – und die im Spiel selbst grassierende Manipulation. Damit meine ich nicht nur die Wett-Mafia, die irgendwelche Spiele in der dritten ungarischen Liga verschiebt, um damit reich zu werden. Sondern vor allem die Betrügerei im großen Stil, die in ihrer Gänze noch längst nicht ausgeleuchtet wurde, bzw. ausgeleuchtet werden durfte. Nehmen sie die Süperlig-Saison 2010/11. Da hat sich Fenerbahce nachweislich die Meisterschaft erkauft. Oder die Seria A einige Jahre zuvor, der Moggi/Juve-Skandal. Es hat damals zwar Strafen gegeben, Juve musste sogar zwangsabsteigen, aber letztlich wollte man sich mit dem Thema nicht bis zu den Wurzeln befassen. Ein deutsches Beispiel: Der Hoyzer-Skandal. Wurde meiner Meinung nie vollständig aufgearbeitet. Wie denn auch? Damals hat das zuständige Ministerium den leitenden Ermittlungsbehörden eine Frist gesetzt, bis wann der Fall aufgeklärt sein sollte. Das müssen sie sich mal vorstellen: Findet den Bankräuber bis nächste Woche Mittwoch. Wenn er bis dahin nicht gefunden ist – Pech gehabt. Eine weitere noch weitestgehend ignorierte Unsitte: Das, was man in allen anderen Sportarten Doping nennt.

Das müssen Sie erklären.
Ich finde es zumindest erstaunlich, dass in allen anderen Sportarten gedopt wird, während der Fußball immer athletischer, schneller, intensiver – und gleichzeitig sauberer wird. Da läuft dann ein Ü-30-Fußballer bei der WM seinen jüngeren Gegenspielern noch in der Verlängerung auf und davon, obwohl er bis Mitte 20 regelmäßig mit Muskelverletzungen zu kämpfen hatte. Das fehlt mir eine medizinisch-physiologische einleuchtende Erklärung. Was ich sagen will: Der Profifußball ist durchsetzt von vielen schwerwiegenden Problemen. Und wenn sich auch irgendwann die breite Masse der Fans damit ernsthaft auseinandersetzt, dann implodiert der unglaubliche Hype um den Fußball. Das kennt man aus anderen Sportarten.

Wie können Sie sich da so sicher sein? Auf der Berliner Fanmeile waren an einem Montagmittag eine halbe Million Menschen um die Weltmeister zu empfangen. Die Stadien sind voll, noch nie war der Fußball so groß wie jetzt.
Das Spiel an sich ist ja bisher auch nicht gefährdet. Aber im Laufe der vergangenen Jahre hat sich ein Bewusstsein bei den Zuschauern entwickelt, dass man so vor gar nicht allzu langer Zeit nicht für möglich gehalten hätte. Nehmen sie die Person Sepp Blatter. Für den gab es ja bei der WM in Brasilien eine Art eigene Stadionregie, damit sein Gesicht ja nirgendwo auf den Großbildleinwänden zu sehen war, weil ihn sonst das Publikum ausgebuht hätte. Nehmen sie die Fifa, die heute als Synonym für Korruption und weniger als Verband, denn als eine Art Mafia wahrgenommen wird. Vor 20 Jahren wäre das noch undenkbar gewesen.

Dennoch: Die Fifa scheint mächtiger als jemals zuvor. Wer kann die Vorherrschaft von Blatter und Co. brechen?
Die Verbände – und die Uefa. Erst jüngst hat der Vorsitzende der englischen FA bekannt gegeben, dass sich England in Zukunft nicht mehr um Fifa-Turniere bewerben wird. Außerdem wurde die bereits ausgegebene Bewerbung für die Frauen-WM 2019 zurückgezogen. Und bei der Uefa gibt es seit Jahren eine interne Idee, die inoffiziell schon manchenBefürworter gefunden hat: Warum nicht eine Europameisterschaft organisieren, an der neben 20 europäischen Teams auch vier Vertreter aus Südamerika, Asien und Afrika eingeladen werden?

Quasi eine eigene Welt-Meisterschaft?
Genau. Das ist gar nicht so unrealistisch wie es gegenwärtig vielleicht scheint.

Was halten Sie davon?
Ich persönlich finde jeden Vorstoß, der gegen die abstruse Macht dieser Fifa zielt, löblich. Zumal solch ein Turnier sportlich attraktiver wäre als jede WM oder Confed-Cup - und wenn sich die Machtverhältnisse in der Fußballwelt ändern, kann man wieder zurück zum alten Modus. Wir sollten aber eines dabei festhalten: Diese - gewiss kaum umsetzbaren - Planspiele richten sich nicht gegen die Fifa als Institution an sich, sondern gegen die Sepp-Blatter-Fifa. Der Mann ist seit 1981 der starke Mann der Fifa. Selbst wenn Joao Havelange bis 1998 Fifa-Präsident war – die Fäden zog schon immer Blatter. Havelange war lediglich ein Sonnenkönig. Blatter hockt wie die Spinne im Netz. Und wenn er im Frühjahr 2015 wieder gewählt wird und sich bei einer erfolgreichen Wiederwahl noch einmal zur Wahl stellt – was er nach meiner Einschätzung definitiv machen würde, wenn es die Gesundheit zulässt – würde das vier oder mehr Dekaden Sepp-Blatter-Fifa machen. Eine gruselige Vorstellung.

Herr Kistner, welche Rolle spielen die Medien in diesem Geflecht aus Macht, Korruption und unaufgeklärten Verbrechen?
Eine große. Und leider in der Summe eine schlechte Rolle. Viele Sportmedien bzw. Sportjournalisten simulieren nur das, was sie nicht sind: Eine Kontrollinstanz. Das hat was mit der Entwicklung des Sports zu tun. Früher, zu Turnvater Jahns Zeiten, waren Sportjournalisten dazu da, artig Ergebnisse zu überliefern und freundlich über die harmlose Freizeitbeschäftigung zu berichten. Sportjournalisten waren mehr oder weniger Vereinsschriftführer. Daran hat sich nicht viel geändert. Während der Sport, insbesondere der Fußball, immer professioneller geworden ist, hat sich die Sportberichterstattung nicht groß weiterentwickelt. Viele Journalisten sind Fans oder Ex-Sportler, die es über die Absperrung geschafft haben. Es gibt Defizite bei Bildung und Ausbildung, so dass sachlich fundierter und kritischer Journalismus nur sporadisch zu finden ist. Außerdem herrscht bei vielen Kollegen die falsche Denke vor, dass man sich durch allzu kritische Berichterstattung den Ast absägt, auf dem man sitzt. Es ist tatsächlich so: Sport, das riesige Milliarden-Geschäft, der größte Unterhaltungsbetrieb der Welt, hat keine ihn anständige kontrollierende Instanz und existiert autonom. Auch daran muss sich etwas ändern.


Thomas Kistners Buch »Fifa-Mafia« erschien 2012 im Droemer Knaur-Verlag.

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