02.06.2009

FIFA-Arzt Dvorak über Schmerzmittel

»Schmerz wird unterdrückt«

Der Fall Klasnic hat offenbart, wie leichtfertig im Fußball mit Schmerzmitteln umgegangen wird. Wir sprachen mit Prof. Jiri Dvorak, dem Chefmediziner der FIFA, über die Schmerzintensität des Profi-Daseins und Aspirin zum Frühstück.

Interview: Tim Jürgens Bild: Imago
Professor Jiri Dvorak, Sie sind Chefmediziner bei der FIFA in Zürich. Der ehemalige Bremer Spieler Ivan Klasnic hat die Teamärzte des SV Werder verklagt, weil Sie durch überhöhte Verabreichung von Schmerzmitteln eine Verschlimmerung seiner Nierenerkrankung, die schließlich zur Transplantation der Organe führte, billigend in Kauf genommen hätten. Kennen Sie weitere solcher Fälle?
 
Nein.



Dennoch haben nach FIFA-Recherchen gut die Hälfte aller Spieler bei der WM 2006 Schmerzmittel genommen.


Und nicht nur bei diesem Turnier. Auch bei den großen Turnieren im Jugendbereich ist der Konsum von Schmerzmitteln unter den Spielern alarmierend.

Können wir also davon ausgehen, dass jeder Profi irgendwann in seiner Karriere Schmerzmittel nimmt?

Das ist schon so.

Werden die Spieler von den Ärzten nicht ausreichend über die Nebenwirkungen von Schmerzmittelgebrauch aufgeklärt, die von Übelkeit über Magenblutungen bis zu Leber- und Nierenschäden reichen können?

Das kann ich nicht sagen. Ich glaube, viele von den Medikamenten werden auch deshalb genommen, weil sie in den meisten Fällen nicht rezeptpflichtig sind. Gerade in Deutschland sind die gängigen Schmerzmittel für jeden frei erhältlich und von dieser Möglichkeit machen viele Spieler auch privat – mitunter ohne Wissen der Teamärzte – Gebrauch. Also werden sie genommen und der Schmerz bewusst unterdrückt.

Was sich aufgrund vieler Spiele, langer Verletztenlisten und des Leistungsdrucks im Profigeschäft oft gar nicht vermeiden lässt.

Unserer Ansicht nach jedoch sollte jede Verletzung adäquat ausgeheilt werden.

Ist das in der Praxis möglich?

Wir bei der FIFA sind nicht die Betreuenden der Spieler, das sind Teamärzte. Wir aber meinen, dass man sich mit diesem Problem auseinander setzen muss und sehr sorgfältig überdenken sollte, wann nicht-steroidale Antirheumatika verschrieben werden. Denn es ist ein Irrglaube, dass diese Medikamente die Regeneration oder die Heilung einer Muskelverletzung fördern, sie dienen lediglich der kurzfristigen Unterdrückung von Schmerz.

Heißt das, dass man in absehbarer Zeit erwägt, so etwas wie Voltaren auf die Dopingliste zu setzen?


Nein. Zumindest von der WADA (World-Anti-Doping-Agency, d.Red.) wird das nicht diskutiert. Aber auch dort ist man sich bewusst, dass Schmerzmittelmissbrauch ein Problem darstellt.

Ihr Anspruch, dass jede Verletzung ausgeheilt werden sollte, in allen Ehren. Aber wir wissen von einem Zweitligaprofi, der vier Wochen mit einem Wadenbeinbruch spielte, weil sein Klub in akuter Abstiegsgefahr schwebt und er für den Trainer unersetzlich ist. Ohne Schmerzmittel kommt der nicht aus.


Ein Spieler, der mit gebrochenem Wadenbein aufläuft, ist für mich nicht diskutabel.

Welche Schmerzmittel werden von Fußballern denn im besonderen Maße konsumiert? Voltaren, Iboprofen…


Es ist eine ganze Palette, vor allem die nicht steroidalen, aber auch die ganz gängigen Schmerzmittel.

Unter Spielern ist es offensichtlich üblich, sich vor Spielen durch die intervallmäßige Einnahme von Schmerztabletten – drei am Tag vor dem Match, zwei am Spieltag – für den Wettkampf fit zu machen. Was groß ist das gesundheitliche Risiko bei solchen Mengen?


Gesundheitliche Schäden kann so eine Verabreichung vermutlich nicht nach sich ziehen, aber unsere Strategie ist eine andere: Uns geht es um Prävention. Beim Training und in der Medizin wurde in den vergangenen Jahrzehnten zu wenig darauf geachtet, dass die Spieler adäquat vorbereitet sind. Wir haben unsere Forschungsschwerpunkte in den letzten Jahren sehr stark auf die Prävention ausgerichtet und damit bewiesen, dass man durch kontinuierliche, adäquate Vorbereitung die Verletzungsrate um 30 bis 50 Prozent senken kann. Die Stoßrichtung der FIFA ist, dass wir es gar nicht erst soweit kommen lassen wollen, dass sich die Spieler selbst mit Schmerzmitteln wie Iboprofen oder Voltaren eindecken.

Vorbeugen kann man bei Muskelverletzungen z. B. durch die richtige Ernäherung, nicht aber bei Brüchen, Knorpel- oder Bänderverletzungen.

Auch gegen Bänderverletzungen ist eine gut aufgebaute Muskulatur die beste Prophylaxe.

Toni Graf-Baumann, ein Mitglied der medizinischen FIFA-Kommission, sagte unlängst in der FAZ: »Es ist erschreckend, wie unkritisch im Fußball mit Schmerzmitteln umgegangen wird. Voltaren, Ibuprofen oder auch Aspirin werden mit einer Selbstverständlichkeit geschluckt, als würde man einen Kaffee trinken - früh, mittags und abends«. Gibt es Hinweise dafür, dass Spieler regelrecht abhängig von Schmerzmitteln sind?

Darüber haben wir keine gesicherten Erkenntnisse, aber erschreckend heißt für uns alarmierend!

Warum ist es Ihnen dann so wichtig, dass Sie den Schmerzmittelkonsum eindämmen?

Medikamente dienen der therapeutischen Anwendung, und es darf nicht so sein, dass man beim geringsten Schmerz ein Medikament nehmen muss. Wir haben vor zehn Jahren im Rahmen der Dopingkontrollen mit der Registrierung begonnen, auch deshalb weil die Einnahme von Schmerzmitteln Auswirkungen auf das gesamte Hormonprofil haben kann. Als Arzt frage ich mich immer, wann ist die richtige Indikation für die Einnahme von Medikamenten. Wenn jemand etwas nicht wirklich braucht, verschreibe ich auch nichts. Es besteht ja auch die Gefahr, dass ein Patient Schmerzen mit bestimmten Mitteln kaschiert, was die Gefahr von weiteren Verletzung wesentlich vergrößert. 

Sind die Teamärzte das schwächste Glied in einer Kette von Präsidenten, Sponsoren, Managern und Trainern, weil Sie – auch unter der Anwendung von Medikamenten – in der Lage dazu sind, angeschlagene Spieler fit zu machen?

Die Ärzte stehen natürlich unter enormen Druck von Managern, Trainern und vom ganzen Verein. Sie versuchen, ihre Arbeit so gut wie möglich zu machen. Ich glaube, dass wir die Position der Ärzte stärken müssen. Alle Beteiligten in einem Klub müssen die Entscheidung des Arztes auf Arbeitsunfähigkeit eines Spielers respektieren, was nicht sehr einfach ist. Aber der Trend der letzten 15 Jahren geht dahin, dass man mehr auf die Medizin hört und sie stärker zu Wort kommen lässt.

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