13.11.2007

Felix Magath im Interview

„Man verliert die Unschuld“

In München hat Felix Magath seinen Ruf als Feuerwehrmann abgelegt. Nun will er das Image des VfL Wolfsburg aufpolieren. Ein Interview über wilde Party-Jahre beim HSV, die Amigos aus München und sein Vorbild Branko Zebec.

Interview: Tim Jürgens und Robert Mucha Bild: Imago
Wo hat der VfL Wolfsburg Nachholbedarf im Vergleich zum FC Bayern?

Die Bayern stehen in Deutschland über allem, deshalb stellt sich die Frage nicht. Beim VfL handelt es sich um einen sehr jungen Klub, der keine große Tradition vorweisen kann. Das Einzugsgebiet ist etwas begrenzt und die Stellung des Hauptsponsors ist anders als bei anderen Klubs. Aber hier bemüht man sich seit Jahren, gute Arbeit zu leisten. Ich werte es als großen Erfolg, dass bei den Nachteilen, die dieser Verein gegenüber Traditionsvereinen hat, in Wolfsburg seit zehn Jahren Bundesliga-Fußball gespielt wird. Das ist Klubs wie dem 1. FC Köln oder Eintracht Frankfurt nicht gelungen.

Also alles eitel Sonnenschein.


Natürlich nicht. Wir müssen zusehen, dass wir weiter zu den Klubs mit mehr Tradition und einer besseren Infrastruktur aufschließen.

Meinen Sie, dass das durch Ihre Nähe zu VW-Vorstand Martin Winterkorn möglich sein wird?

Es war eine Grundlage meiner Entscheidung, dass der Sponsor auch in Zukunft hinter dem Verein steht. Die Ausrichtung von VW ist die, dem Verein eine wirtschaftliche Unterstützung zu geben, die es möglich macht, langfristig auch im internationalen Geschäft mitzumischen.

Hat es Ihnen Spaß gemacht, als Bayern-Trainer mit der geballten Kompetenz in der Führungsetage des FCB über Fußball zu diskutieren?


Mit Fußballkompetenz ist das so eine Sache. Das Spiel ist auch deshalb so schwierig, weil jeder eine eigene Ansicht dazu hat. Deswegen findet man nur wenige, die genauso darüber denken, wie man selbst. Mit viel Kompetenz muss ein Trainer also viel mehr diskutieren (lächelt).

Mit anderen Worten: Es war nicht immer leicht mit den Amigos beim FC Bayern.

Das sagen Sie. Ich sage es so: Diskussionen mit Menschen, die aus dem Fußball kommen, sind oft schwieriger, als mit Leuten zu sprechen, die dieses Thema eher theoretisch, in manchen Fällen aber auch emotionsloser und objektiver beurteilen. Aber ich möchte die Erfahrung in München auf keinen Fall missen.

Klingt, als hätten Sie keine Sekunde überlegen müssen. Einigen Trainern hat das Bayern-Engagement auch geschadet: Ribbeck, Rehhagel, auch Trapattoni.

Nein, bei einem Angebot des FC Bayern gibt es kein Wenn und kein Aber.

Weil es der FC Bayern ist?

1992 habe ich entschieden, in den Trainerjob einzusteigen. Und welches Ziel habe ich, wenn ich diese Entscheidung fälle? Ich will das erreichen, was mir als Spieler gelungen ist: Meister werden und den Europacup gewinnen. Und diese Möglichkeit hat ein Trainer nun einmal am ehesten, wenn er auf der Bank des FC Bayern sitzt.

Das klingt sehr kalkuliert
.

Ich will Erfolg haben. Darum geht es im Fußball. Und da ist es für mich nicht entscheidend, ob ich dieses mit meinem ehemaligen Mitspieler Beckenbauer als Präsidenten verfolge oder hier beim VfL Wolfsburg den VW-Vorstand an meiner Seite habe.

Gibt es nach dem FC Bayern noch einen weiteren Traumverein für Sie?

Nein.

Aber das Engagement von Bernd Schuster bei Real Madrid wäre auch für Sie interessant gewesen.

Selbstverständlich sagt man ein Angebot aus Madrid nicht ab. Aber allein, weil ich kein Spanisch spreche, käme das für mich dort gar nicht in Frage.

Woran liegt es, dass deutsche Trainer bei Spitzenvereinen im Ausland keine Rolle mehr spielen. Lange galten Männer wie Hennes Weisweiler, Udo Lattek oder Jupp Heynckes als Koryphäen.

Das ist ein Wahrnehmungsproblem. Die Bundesliga ist nach wie vor eine der stärksten, wenn nicht die stärkste Liga der Welt. Aber es mangelt ihr an Akzeptanz. Warum wird zum Beispiel ein Frank Lampard höher eingeschätzt als Michael Ballack? Was hat das englische Nationalteam in den letzten Jahren geleistet? Das kann ich so nicht nachvollziehen.

Aber es ist unbestritten, dass die deutschen Klubs seit Jahren international nicht mehr mithalten. Woran liegt das?

Weil in anderen Ligen wesentlich mehr Geld bezahlt wird und die Topspieler eher dort spielen. Dafür ist die Wettbewerbsfähigkeit in der Bundesliga viel höher als in England oder Spanien, wo nur zwei, drei Vereine den Meister unter sich ausmachen.

Mit einem Wechsel zu Manchester City hätten Sie zumindest ein bisschen Werbung für die deutsche Trainerzunft machen können.

Aber warum soll ich als Vater meiner Familie bei so vielen Unwägbarkeiten das Risiko zumuten, nach Manchester zu ziehen? Wenn es daneben geht, muss ich in einem halben Jahr wieder umziehen.

Diese Einstellung widerspricht aber Ihrem Anliegen, um jeden Preis Erfolg zu haben.

Da sehe ich keinen Widerspruch. Wenn ich eine realistische Chance gesehen hätte, mit Manchester City dauerhaft Erfolg zu haben, dann hätte ich das zusammen mit meiner Familie riskiert. Aber was wissen Sie über Manchester City, abgesehen davon, dass der Klub vom thailändischen Ex-Premier Thaksin Shinawatra gekauft wurde?

Zumindest, dass es ein Verein in der weltweit bedeutendsten Liga ist.


Ich hatte auch die Möglichkeit, Borussia Dortmund zu trainieren. Aber ich habe auch dort abgesagt, weil mir klar war, dass ich mit den vorhandenen Mitteln unmöglich die Erwartungshaltung erfüllen kann. Und von Manchester City weiß ich noch sehr viel weniger als von Dortmund.

Nach der aktiven Zeit fingen Sie schon 1986 als Manager beim HSV an. Kurz darauf wechselten Sie auf die Trainerbank. Gab es in Ihrer Lebensplanung nie einen Plan B, in dem Fußball keine Rolle spielt?

Anfang der 90er habe ich kurz überlegt, ob ich mich aus dem Fußball zurückziehen soll. Ich habe aber schnell bemerkt, dass der Fußball das Genre ist, wo ich hingehöre. Denn ich kenne mich in keinem Bereich so gut aus.

Trotzdem haben Sie vor Ihrem Wechsel 2000 zum VfB Stuttgart angekündigt, nicht mehr als Trainer in der Bundesliga zu arbeiten, falls auch dieses Engagement nur von kurzer Dauer sein würde.

Weil ich kein Feuerwehrmann mehr sein wollte. Ich hatte genug davon, Vereinen zu helfen, die sportlich und finanziell am Boden lagen, und wenn sich der Erfolg einstellte, wie in Frankfurt, die Papiere in die Hand gedrückt zu bekommen.

Und wenn es in Stuttgart genauso gelaufen wäre?

Dann wäre ich ins Ausland gegangen oder in die 2. oder 3. Liga.

Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden