FCB-Pressesprecher Hörwick blickt zurück

»Gott ist nicht immer gerecht«

Im CL-Finale 1999 führte der FC Bayern mit 1:0 gegen ManU. Dann kamen Sheringham und Solskjaer. Wir sprachen mit Pressesprecher Markus Hörwick über Matthäus' Auswechslung, gelöschte Sieger-SMS und Fergusons Entschuldigung bei Hitzfeld. FCB-Pressesprecher Hörwick blickt zurück Imago
Heft #90 05/2009
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Markus Hörwick, der FC Bayern gab 1999 in 102 Sekunden den sicher geglaubten Sieg in der Champions League aus der Hand. Lässt sich so eine Niederlage in Worte fassen?

Was bleibt einem anderes übrig? Zwei Tage nach dem Spiel rief mich ein englischer Journalist an und fragte, welches Wort das Geschehene aus  unserer Sicht wohl am Besten beschreibt. Das englische Wort für »grausam« fiel mir erst nicht ein. Ich stand also auf, nahm das Wörterbuch aus dem Schrank und schlug nach. Tags drauf erschien dann eine englische Tageszeitung mit meiner Beschreibung in der Überschrift: »Cruel! It’s cruel!«

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War das Finale Ihr schlimmster Moment als FCB-Mediendirektor? 

Kann man sagen. Sowas habe ich in 27 Jahren kein zweites Mal erlebt. Ein Schock. Denn in Verlängerungen oder bei Elfmeterschießen geht man als Beteiligter auch immer vom Schlimmsten aus. Aber nicht, wenn man in einem Champions-League-Finale in der Nachspielzeit souverän mit 1:0 führt.

Nach dem Pfostentreffer von Mehmet Scholl und dem Lattenknaller von Carsten Jancker kann man im Nachhinein den Eindruck gewinnen, dass damals auch das Schicksal nicht auf Seiten des FCB war.

Wenn solche Dinge passieren, meint man gerne, dass der liebe Gott nicht immer gerecht sei. Wäre der Schuss von Jancker nur einen halben Zentimeter tiefer gewesen, wäre er von der Unterkante ins Tor und nicht zurück ins Feld gesprungen. Unser Glück und Pech hing damals also von einem halben Zentimeter ab... Es kamen aber  weitere unglückliche Ereignisse hinzu.

Zum Beispiel?

Dass Lothar Matthäus unbedingt vom Platz wollte, weil er fix und fertig war. Das war im Nachhinein, ohne es ihm zum Vorwurf zu machen, für die Mannschaft das Zeichen, dass das Spiel gelaufen war. Ein Fehler. Und wenn er auf dem Platz »gestorben« wäre, Lothar hätte drauf bleiben müssen. Er war der Leitwolf, der Kapitän.

Wie haben Sie die Schlussphase des Spiels erlebt?

Zu meinem Job gehörte es, ab der 85. Minute mit dem Fernsehen die Flashinterviews unmittelbar nach Schlusspfiff abzusprechen. Ich hatte frische Trikots für die Spieler in der Hand, die diese für die Siegerehrung überziehen sollten. Das Fernsehen hatte sich vor der Bank aufgebaut. Es war alles geklärt.

Dann fiel der Ausgleich.

Mit dem Treffer setzte bei uns sofort der Automatismus ein, die Verlängerung vorzubreiten. Wir mussten zusehen, innerhalb von einer Minute die besten Bedingungen für die Mannschaft zu schaffen. Wir haben die Wasserflaschen bereit gelegt, auf der Bank standen viele Helfer bereit, um Spielern ein wenig die Beine zu lockern. Wir hatten damals nur zwei Masseure.

Haben Sie bei dem Chaos den zweiten Gegentreffer überhaupt gesehen?

Gesehen hab ich ihn schon, man schaut ja immer so aus dem Augenwinkel, wenn das Spiel noch läuft. Aber begriffen habe ich es im ersten Augenblick nicht.

Versuchen Sie doch mal, den Moment des Abpfiffs zu beschreiben.

Ich hörte den Pfiff und dachte: »Das kann nicht wahr sein«. Es war wie ein Alptraum, man wartet darauf, dass man aufwacht. 23 Jahre hatten wir auf den Titel gewartet, und wir waren eigentlich am Ziel. Und nicht nur uns fiel es schwer zu glauben, dass es wieder nicht geklappt hat.

Wie meinen Sie das?

Am Spielfeldrand traf ich UEFA-Präsident Lennart Johansson und bekam mit, wie er seine Leute anpampt: »Seid ihr zu doof, die richtigen Klubfähnchen an den Pokal zu hängen?« Er hatte das ganze Drama auf dem Weg von der Ehrentribüne runter aufs Spielfeld verpasst. Seine Leute haben sich erst gar nicht getraut, ihm zu sagen, was passiert war.

Wann wurde Ihnen wirklich klar, was abgelaufen ist?

Damals gab es so einen Handyservice, einen Torticker, für diejenigen, die das Spiel nicht sehen konnten. Kurz vor dem Abpfiff hatte ich die SMS für den Sieg bereits vorbereitet: »Barcelona, 26. Mai 1999. Bayern am Ziel. Der FC Bayern ist Champions-League-Sieger 1999! 1:0 Sieg durch Freistoßtor Mario Basler (6.).«  Ich hätte nur noch auf »Senden« drücken müssen… Fast ein halbes Jahr war die SMS  noch bei mir im Speicher, erst dann habe ich sie gelöscht.

Waren Sie nach dem Spiel mit in der Kabine?

War ich. Die Kabinen im Camp Nou sind die größten im europäischen Fußball. Da waren nach dem Spiel mehr als 40 Menschen drin, aber man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Man hatte das Gefühl: Jeder der jetzt was sagt, wird sofort umgebracht. Eine Viertelstunde saßen wir da und es passierte gar nichts, kein Geräusch, nicht mal die Schuhe hat sich jemand ausgezogen. Es war gespenstisch.

Wann kam wieder Leben in die Bude?

Weiß ich nicht mehr. Ich habe irgendwann mit Ottmar Hitzfeld Blickkontakt aufgenommen, wir mussten schließlich zur Presskonferenz. Zu zweit sind wir dann mit einer Art Golfwagen ins Pressezentrum gefahren. Dort hat Ottmar das Finale mit einer Professionalität analysiert, die unglaublich war. Den Rückweg vom Pressezentrum wollte er dann mit mir zu Fuß gehen. Wir haben den Golfwagen weggeschickt und sind durch die grauen Katakomben gelaufen. Plötzlich sahen wir ungefähr 150 Meter entfernt von uns zwei Leute laufen – und wir erkannten Alex Ferguson mit seinem Pressesprecher. Die hatten sich auch für den Fußweg entschieden.

Haben Sie die Briten angesprochen?

Ja, das werde ich nie vergessen. Wir gingen aufeinander zu, es war wie in »High Noon«.  Die beiden Trainer blieben etwa einen Meter voneinander entfernt stehen und einer hat den anderen angeschaut. Der eine wusste nicht, warum er Champions-League-Sieger geworden ist, der andere nicht, warum er das Spiel verloren hat. Dann sind sie sich in die Arme gefallen, und Ferguson hat gesagt: »Sorry.«

Mehr wurde nicht gesprochen?

Nein, nichts weiter. Nach mehr Worten war den Beiden wohl nicht zu Mute. Aber aus diesem Moment ist eine persönliche Freundschaft entstanden, die wohl bis ans Lebensende halten wird. Später hat Ferguson Ottmar einmal nach Manchester zu ihm nach Hause eingeladen und ihn zwei Tage persönlich betreut.

Wie hat sich diese Freundschaft weiterentwickelt?

Wir sind nach dem Finale noch zwei oder drei Mal aufeinander getroffen. Vor dem Champions-League-Halbfinale 2001 hat uns Ferguson sogar kurz vor dem Spiel in sein Trainerbüro geladen. Dort haben wir mit ihm Rotwein getrunken und über das Leben geredet, während draußen 70 000 Menschen auf den Anpfiff warteten.

Zurück zum Finale 1999. Wie haben Sie die Nacht nach dem Spiel in Barcelona erlebt?

Wir sind zurück ins Hotel, es war ein einziger Trauerzug. Dort waren 800 mitgereiste Gäste, und es gab ein großes Mitternachtsbankett. Doch es wurde kaum gegessen. Zum meinem Job gehörte es, aufzupassen, dass alles einigermaßen kontrolliert abläuft und keiner nach so einer Niederlage ausflippt.

Was Ihnen gelungen ist.

Die Verrücktheiten haben sich darauf begrenzt, dass Spieler wie Basler, Matthäus oder Babbel um drei Uhr in der Früh angefangen haben, auf den Tischen zu tanzen. Alles völlig irrational, aber harmlos.

Wann war der Abend für Sie zu Ende?

Gegen vier Uhr morgens hatte ich das Gefühl, dass ich mal an die frische Luft muss. Der Abend war gelaufen, und ich hatte bis dahin auch noch nichts gegessen. Irgendwo in der Nähe des Hotels habe ich mich dann an eine Würstchenbude gestellt und zwischen ein paar Pennern und Übernächtigten eine Wurst zum Bier bestellt.

Hat es nach dem Spiel Probleme zwischen englischen und deutschen Fans gegeben?

Die Spanier hatten zwar Angst davor, aber nach diesem Spiel konnte gar nichts passieren. Die Engländer waren so überglücklich, und unsere Anhänger waren nicht fähig, auch nur irgendeine Hand zu erheben.

Hatte das Trauma von Barcelona aus Ihrer Sicht irgendwelche Konsequenzen für den FC Bayern?


Ich glaube, wir konnten 2001 nur die Champions League gewinnen, weil wir dieses Finale verloren haben.

Interessante Theorie.

Wir haben aus dieser Niederlage viel gelernt. Denn von diesem Tag an wussten wir, dass ein Spiel erst dann gewonnen ist, wenn es vorbei ist. So wie zwei Jahre später, als wir in Hamburg in der 94. Minute doch noch Deutscher Meister wurden. Ohne die Barcelona-Erfahrung wäre das wohl nicht möglich gewesen. Die Niederlage hat der Mannschaft, die auch 2001 noch weitgehend zusammen war, viel inneren Antrieb gegeben. Und das Besondere an dem Drama war auch, dass selbst diejenigen, die uns sonst hassen, gesagt haben: »Das haben die Bayern nicht verdient. « So einen Spielverlauf wünscht man nicht einmal seinem ärgsten Feind. Das Verhalten der Menschen und der Medien in Deutschland hat die Schmerzen bei uns gelindert.

Mit anderen Worten: Durch die Niederlage hat die allgemeine Abneigung bei Nicht-Bayern-Fans gegenüber dem FCB abgenommen?

Zumindest für eine gewisse Zeit. Denn dieses Spiel hat gezeigt, dass auch der FC Bayern verwundbar ist.


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