27.02.2011

FCB-Pressesprecher Hörwick blickt zurück

»Gott ist nicht immer gerecht«

Im CL-Finale 1999 führte der FC Bayern mit 1:0 gegen ManU. Dann kamen Sheringham und Solskjaer. Wir sprachen mit Pressesprecher Markus Hörwick über Matthäus' Auswechslung, gelöschte Sieger-SMS und Fergusons Entschuldigung bei Hitzfeld.

Interview: Tim Jürgens Bild: Imago
Markus Hörwick, der FC Bayern gab 1999 in 102 Sekunden den sicher geglaubten Sieg in der Champions League aus der Hand. Lässt sich so eine Niederlage in Worte fassen?

Was bleibt einem anderes übrig? Zwei Tage nach dem Spiel rief mich ein englischer Journalist an und fragte, welches Wort das Geschehene aus  unserer Sicht wohl am Besten beschreibt. Das englische Wort für »grausam« fiel mir erst nicht ein. Ich stand also auf, nahm das Wörterbuch aus dem Schrank und schlug nach. Tags drauf erschien dann eine englische Tageszeitung mit meiner Beschreibung in der Überschrift: »Cruel! It’s cruel!«



War das Finale Ihr schlimmster Moment als FCB-Mediendirektor? 

Kann man sagen. Sowas habe ich in 27 Jahren kein zweites Mal erlebt. Ein Schock. Denn in Verlängerungen oder bei Elfmeterschießen geht man als Beteiligter auch immer vom Schlimmsten aus. Aber nicht, wenn man in einem Champions-League-Finale in der Nachspielzeit souverän mit 1:0 führt.

Nach dem Pfostentreffer von Mehmet Scholl und dem Lattenknaller von Carsten Jancker kann man im Nachhinein den Eindruck gewinnen, dass damals auch das Schicksal nicht auf Seiten des FCB war.

Wenn solche Dinge passieren, meint man gerne, dass der liebe Gott nicht immer gerecht sei. Wäre der Schuss von Jancker nur einen halben Zentimeter tiefer gewesen, wäre er von der Unterkante ins Tor und nicht zurück ins Feld gesprungen. Unser Glück und Pech hing damals also von einem halben Zentimeter ab... Es kamen aber  weitere unglückliche Ereignisse hinzu.

Zum Beispiel?

Dass Lothar Matthäus unbedingt vom Platz wollte, weil er fix und fertig war. Das war im Nachhinein, ohne es ihm zum Vorwurf zu machen, für die Mannschaft das Zeichen, dass das Spiel gelaufen war. Ein Fehler. Und wenn er auf dem Platz »gestorben« wäre, Lothar hätte drauf bleiben müssen. Er war der Leitwolf, der Kapitän.

Wie haben Sie die Schlussphase des Spiels erlebt?

Zu meinem Job gehörte es, ab der 85. Minute mit dem Fernsehen die Flashinterviews unmittelbar nach Schlusspfiff abzusprechen. Ich hatte frische Trikots für die Spieler in der Hand, die diese für die Siegerehrung überziehen sollten. Das Fernsehen hatte sich vor der Bank aufgebaut. Es war alles geklärt.

Dann fiel der Ausgleich.

Mit dem Treffer setzte bei uns sofort der Automatismus ein, die Verlängerung vorzubreiten. Wir mussten zusehen, innerhalb von einer Minute die besten Bedingungen für die Mannschaft zu schaffen. Wir haben die Wasserflaschen bereit gelegt, auf der Bank standen viele Helfer bereit, um Spielern ein wenig die Beine zu lockern. Wir hatten damals nur zwei Masseure.

Haben Sie bei dem Chaos den zweiten Gegentreffer überhaupt gesehen?

Gesehen hab ich ihn schon, man schaut ja immer so aus dem Augenwinkel, wenn das Spiel noch läuft. Aber begriffen habe ich es im ersten Augenblick nicht.

Versuchen Sie doch mal, den Moment des Abpfiffs zu beschreiben.

Ich hörte den Pfiff und dachte: »Das kann nicht wahr sein«. Es war wie ein Alptraum, man wartet darauf, dass man aufwacht. 23 Jahre hatten wir auf den Titel gewartet, und wir waren eigentlich am Ziel. Und nicht nur uns fiel es schwer zu glauben, dass es wieder nicht geklappt hat.

Wie meinen Sie das?

Am Spielfeldrand traf ich UEFA-Präsident Lennart Johansson und bekam mit, wie er seine Leute anpampt: »Seid ihr zu doof, die richtigen Klubfähnchen an den Pokal zu hängen?« Er hatte das ganze Drama auf dem Weg von der Ehrentribüne runter aufs Spielfeld verpasst. Seine Leute haben sich erst gar nicht getraut, ihm zu sagen, was passiert war.

Wann wurde Ihnen wirklich klar, was abgelaufen ist?

Damals gab es so einen Handyservice, einen Torticker, für diejenigen, die das Spiel nicht sehen konnten. Kurz vor dem Abpfiff hatte ich die SMS für den Sieg bereits vorbereitet: »Barcelona, 26. Mai 1999. Bayern am Ziel. Der FC Bayern ist Champions-League-Sieger 1999! 1:0 Sieg durch Freistoßtor Mario Basler (6.).«  Ich hätte nur noch auf »Senden« drücken müssen… Fast ein halbes Jahr war die SMS  noch bei mir im Speicher, erst dann habe ich sie gelöscht.

Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden