FC-Chronist Unschuld über den Karneval

Adiletten in Burghausen

Seit Jahr und Tag sammelt Dirk Unschuld alles über seinen geliebten 1. FC Köln. Mittlerweile fungiert er als offizieller Vereinschronist. Hier berichtet Unschuld über Poldi, Daums Entlassung und den »EffZeh« in Zeiten des Karnevals. FC-Chronist Unschuld über den KarnevalImago

Herr Unschuld, haben Sie kurz Zeit für uns?

Ich bin zwar gerade im Supermarkt, aber wenn es nicht zu lange dauert...

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Ehrlich gesagt, wollten wir zunächst jemand anderen interviewen, wegen des Karnevals aber hatte niemand Zeit. Wie kommt es, dass Sie Zeit für uns haben?

Seitdem meine Kinder auf der Welt sind, habe ich mit dem Karneval nicht mehr allzu viel am Hut. Außerdem ist Karneval irgendwie gute Stimmung auf Knopfdruck, und das liegt mir nicht so. Ich arbeite mittlerweile oft an Karneval, um mit den daraus resultierenden Überstunden weiterhin den FC zu allen Auswärtsspielen begleiten zu können, was in meinem Job ein ganz schöner Spagat ist. Ich finde es aber klasse, wenn die Leute ihren Spaß daran haben, und lasse mich auch ab und zu mal anstecken. Leeve un Leeve loße, wie es auf Kölsch so schön heißt.

Dann können Sie einem Berliner nicht wirklich erklären, weshalb der Karneval regelmäßig eine ganze  Region lahm legt.

Doch, ich bekomme das ja hautnah mit. Man pflegt hier im Rheinland eine sehr innige Beziehung zum Karneval, so dass Teile des öffentlichen Lebens für ein paar Tage deutlich in den Hintergrund treten. Aber der Fußball ist davon nicht immer betroffen, schließlich ist das FC-Team schon am Donnerstagabend nach München aufgebrochen.

Christoph Daum wurde daraufhin nachgesagt, er würde mit seiner Mannschaft vor dem Karneval fliehen.

Dem war wohl so. In München wird der Karneval ja nicht in der Form wie hier zelebriert. Auch am Geißbockheim tauchen schon mal Kostümierte auf und lenken so eventuell die Jungs ein wenig ab. Zudem hat ja auch das Nachtleben während der Karnevalszeit einiges zu bieten. Klasse fand ich, dass Christoph Daum der Mannschaft nach dem Sieg in München  frei gegeben hat.
 
Fußballfans geraten ohnehin einmal in der Woche in einen emotionalen Ausnahmezustand. Wie erging es erst den Kölner Fans an diesem Wochenende, als Karneval und der Sieg  in München auf einen Tag fielen?


Grundsätzlich wird dieses Karnevals-Emotionen-Klischee von den Medien sehr gerne bedient. Es mag sein, dass der Kölner aufgrund seines Naturells leicht zu euphorisieren ist. In den Medien wird das aber übertrieben dargestellt. Es nervt auch, dass viele Medien uns FC-Fans unterstellen, wir würden nach Erfolgen gleich unrealistisch von der Meisterschaft oder dem Europapokal träumen.  

Ist der Karneval für den FC Glück oder Segen?

Heute hat der Karneval keinen großen Einfluss mehr auf die Mannschaft. Früher, als noch fast ausschließlich Spieler aus der Region beim FC spielten, haben die Spieler schon mal kostümiert trainiert. Gyula Lorant wollte 1972 einmal an einem Rosenmontag trainieren, woraufhin die Kölner Urgesteine der Mannschaft einfach nicht zum Training erschienen sind. Besonders Bernd Cullmann, Herbert Hein, oder Toni Schumacher waren immer für den einen oder anderen Spaß zu haben. Heute geht so etwas nicht mehr.

Ein Statistiker hat einmal ermittelt, dass die Mannschaft zu Zeiten des Karnevals schlechter spielt.

(Kassengeräusche im Hintergrund) Es hat aber auch jemand das exakte Gegenteil herausgefunden. Das kann man also drehen und wenden, wie es einem beliebt. Das Spiel vom vergangenen Samstag ist doch der beste Beweis dafür, dass wir auch an Karneval positive Resultate erzielen können.  

Waren Sie schon immer ein absoluter FC-Nerd?

Ja, ich habe seit meiner Kindheit alles rund um den 1. FC Köln gesammelt und ein inzwischen einmaliges Privatarchiv angelegt. Der Verein hat das irgendwann mitbekommen und ist mit der Zeit immer häufiger an mich herangetreten, wenn es eine historische Frage gab. Irgendwann ist zusätzlich die Idee der Chronik »Im Zeichen des Geißbocks« entstanden, dass ich zusammen mit Thomas Hardt veröffentlicht habe. Im Moment arbeite ich an einem neuen Buch, welches sich mit Anekdoten und Kuriositäten rund um den FC beschäftigt und im Winter dieses Jahres erscheinen wird.

Sind Sie Vollzeit-Chronist?

Nein, hauptberuflich bin ich als Krankenpfleger in einer Sondereinrichtung für psychisch kranke Menschen tätig. Meine Arbeit für den FC mache ich zusätzlich. Faktisch kann man mich als geringfügig Beschäftigen des Clubs bezeichnen. Dazu mache ich auch noch einiges ehrenamtlich.  

Mir ist aufgefallen, dass Sie in Ihrem Buch nicht näher auf die Gründe für Daums erste Entlassung in Köln im Jahr 1990 eingehen. Warum?

Die tatsächlichen Gründe sind ja letztlich immer noch unklar, denn keiner der Protagonisten hat sich bisher klar und deutlich dazu geäußert. Und an irgendwelchen Spekulationen über das Warum und Weshalb wollten wir uns nicht beteiligen, da darüber nun schon genug geschrieben und gemutmaßt wurde.  

Die Entlassung war damals sehr mysteriös.

Absolut. Daum wurde während der Weltmeisterschaft 1990 entlassen, nachdem er mit dem FC gerade Vizemeister geworden war. Für mich war das ein absoluter Schock und total unverständlich. Ende der 80er Jahre hatte der Verein endlich wieder eine gute Mannschaft aufgebaut, die begeisternden und erfolgreichen Fußball spielte. Christoph Daum war der Vater dieser Mannschaft. Und dann wurde er mehr oder weniger wie aus dem Nichts rausgeschmissen. Mit dieser Entlassung begann letztlich der Abstieg des 1.FC Kölns.

Das Unverständnis hat sich aber nur gegen den Vorstand gerichtet, nicht gegen Daum.


Sicher, der seinerzeitige Vorstand hat die Entlassung ja nun auch beschlossen. In all den Jahren danach haben wir oft Prügel bezogen. Ich kann mich an unzählige Spiele gegen Burghausen – oder weiß der Teufel gegen wen – erinnern, in denen wir richtige Packungen bekommen haben. Nichts gegen Burghausen, aber das sind einfach Orte, zu denen wir früher, wie Wolfgang Overath so schön sagen würde, »mit den Adiletten hingefahren sind«. Auf den langen Heimfahrten haben wir dann in unserer Verzweiflung und Trauer oft gesagt: »Menschenskind, das kann nur noch der Daum retten«. So wird ein Trainer in der Tat zu einer Art Messias. Als Daum dann schließlich zurückkam, haben sich alle an diesen Hoffnungsschimmer geklammert.

Sprechen wir über das letzte Spiel. Bedeutet Ihnen der Sieg gegen Bayern besonders viel, oder hätte er auch gegen Hoffenheim stattfinden können?


Der Vergleich mit Hoffenheim ist ein bisschen zu extrem. Ohne Frage war der Sieg bei den Bayern eine wunderbare Sache. Es ist aber am wichtigsten, gegen die direkte Konkurrenz zu gewinnen. 1998, als wir zum ersten Mal abgestiegen sind, haben wir in München 2:0 gewonnen, gegen die Konkurrenten im Abstiegskampf aber oft verloren. Ich bin allerdings davon überzeugt, dass wir diese Saison drin bleiben. Unverhoffte Siege wie der bei den Bayern sind da natürlich ein toller Bonus.

Lukas Podolski konnte sich wieder nicht durch gute Leistung empfehlen. Ist er in München wegen seiner 100%igen Identifikation mit dem 1.FC gescheitert?


Das kann ich nicht beurteilen, in der Fußballfabrik FC Bayern sind aber schon ganz andere Spieler gescheitert. Als Fußballromantiker gebe ich mich – unabhängig von Podolskis Leistung – der Freude darüber hin, dass jemand einfach mal sagt: »Ich möchte zurück nach Hause«. Außerdem ist er ein liebenswürdiger Kerl. Ich freue mich über seine Rückkehr.

Er wird von manchen als der neue Messias angesehen.


Da ist sicher bei vielen Fans mehr Realitätssinn vorhanden, als in den Medien dargestellt. Ein Spieler allein kann nichts bewegen. Hannes Löhr sagte schon 1968, als er die Torjägerkanone überreicht bekam: »Torschützenkönig zu sein ist immer das Produkt einer Mannschaft und nicht eines einzelnen«. Ich finde dieser Satz passt ganz gut.  

  

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