Faryd Mondragon über Fußballfans

»Köln ist nicht normal«

Er ist der zweitälteste Profi der Bundesliga und war in der Hinrunde der wohl konstanteste Spieler des 1.FC Köln. Wir sprachen mit Faryd Mondragon über seine Karriere, Fans in verschiedenen Ländern und Manni, den Libero.  Faryd Mondragon über Fußballfans

Herr Mondragon, Sie wirken auf dem Spielfeld zum Teil immer noch sehr emotional und mitunter fast schon wild, und das mit 38. Wie hat man sich denn einen 20-jährigen Faryd Mondragon vorzustellen?

Von der emotionalen Seite glaube ich, immer derselbe gewesen zu sein. Früher war ich vielleicht etwas aggressiver im Zweikampf mit den Gegnern, was mich einige roten Karten gekostet hat. Aber das ist Teil davon, noch nicht die Erfahrung von heute zu besitzen.

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Wie viele Platzverweise haben Sie denn in ihrer Karriere erhalten?

Das müssten zwei gewesen sein. Aber einer davon war ein Handspiel außerhalb des Strafraums, wenn ich mich richtig erinnere. Früher habe ich viele Fehler gemacht, was mein Verhalten als Profi angeht. Die Art, wie ich trainierte, wie ich mich ernährte, wie ich mich neben dem Platz verhalten habe. Das bedeutet nicht, dass ich ein komplettes Desaster gewesen wäre, aber ich habe schon einige Dinge getan, die ich besser nicht getan hätte. Ich denke das macht eine Karriere und auch das Leben aus: Man macht Fehler, und muss aus diesen Fehlern lernen. Man ist einfach unreif. Aber wenn ich diese Erfahrungen nicht gemacht hätte, wäre ich heute vielleicht nicht an der Stelle, wo ich jetzt bin.  

In der Saison 2000/2001 wurden Sie zum besten Torwart in Frankreich gewählt. War das der beste Faryd Mondragon aller Zeiten, oder ist der erfahrene, ältere Mondragon von heute noch stärker?

Ich denke, man kann meine Karriere in zwei Teile teilen: Meine Anfänge bis 1999, als ich nach Zaragossa ging, und danach. Ich dachte, meine Qualitäten in Argentinien würde auch für die spanische Liga reichen, aber das tat es nicht. Ich machte sportlich und auch menschlich eine schlechte Erfahrung dort, danach war ich dann sechs Monate ohne Verein und konnte nur trainieren. In der Phase habe ich gemerkt, dass etwas in meinem Leben falsch lief. Ich veränderte mein Verhalten, und als ich nach Frankreich kam und eine zweite Chance bekam, in Europa zu spielen, habe ich davon profitiert; auch später noch bei Galatasaray. Meine besten Jahren kamen dann auch seit 2001. In meinem ersten Jahr bei Galatasaray kamen wir bis ins Viertelfinale der Champions League, und ich machte zwei oder drei fantastische Spiele.  

Wie stark beeinflussen die einzelnen Länder das Leben eines Fußballprofis?

Man lernt in jedem Land dazu und bekommt neue Aspekte zu sehen. Als ich jung war, habe ich habe die Entscheidung getroffen, zu reisen und eine Menge Orte zu sehen. Ich wollte nicht heiraten, weil ich nicht mit Frau und Kindern umziehen müsste, was besonders für die Kinder sehr traumatisch hätte sein können. Nachdem ich mich in Istanbul etabliert hatte, habe ich mich doch entschieden zu heiraten und Kinder zu bekommen. Ich wusste, dass das vielleicht der letzte oder vorletzte Schritt in meiner Karriere sein würde. Und mit Deutschland haben wir jetzt ein Land gefunden, dass für mich und meine Familie offen war, und mit Köln auch eine Stadt, in der die Türen für uns immer offen standen. Wir fühlen uns sehr wohl hier. Ich habe in verschiedenen Ländern gespielt und verschiedene Sprachen gelernt, was wichtig für mich war. Ich habe fast 50, 60 Mal in der Champions League gespielt. Jetzt spiele ich in der Bundesliga, und das ist fantastisch für mich!

Wie würden Sie die türkischen Fans mit den deutschen vergleichen?

Natürlich hat jedes Land und jeder Mensch eine andere Kultur und eine unterschiedliche Denkweise, und jeder einen anderen Weg, sich auszudrücken. Argentinien und die Türkei sind sich da ähnlicher, die Art, wie die Menschen leben und mit dem Fußball umgehen. Manchmal gehen sie dabei sehr weit, sie riskieren viel und bringen es zu einem Extrem. Hier gibt es Fans, die den Klub immer unterstützen und sehr organisiert sind. Die ganze Liebe, welche die Fans in ihren Verein stecken, war einer der Gründe für mich hier her zum 1.FC Köln kommen. Als ich noch in Istanbul unter Vertrag stand, bin ich zu einem Zweitligaspiel ins Stadion gegangen. Es ging um nichts mehr und Köln spielte gegen Greuther Fürth. 39.000 Leute waren da, als ich das gesehen habe, sagte ich nur: Das ist nicht normal!  

Stimmt es, dass Sie in Kolumbien »Manni, der Libero« geschaut haben?

Ja, die Show kam bei uns jeden Samstagabend im Fernsehen. Ich kann mir aber vorstellen, dass sie da schon etwas älter war…Für uns war es eine interessante und neue Erfahrung, einen jungen deutschen Spieler bei seiner Entwicklung zu beobachten.  

Was hatten Sie denn überhaupt für ein Bild von Deutschland damals?

Die Bundesliga kam bei uns im Fernsehen; am Samstag, sehr früh morgens. So lernten wir dann Spieler wie Magath, Littbarski, Toni Schumacher und Klaus Fischer kennen. Das war für uns ein sehr schneller Fußball, mit viel Technik und unter teilweise sehr schwierigen Bedingungen. Das Wetter, der Regen, mit viel Schlamm auf dem Spielfeld… Man kann die Bundesliga immer noch in Kolumbien sehen. Es gibt einen Sender, der jeden Freitag und Samstag ein Spiel zeigt.

Stimmt es, dass Toni Schumacher ihr Idol war?

Als ich jung war, gab es drei Torwarte, zu denen ich aufgeschaut habe: Ubaldo Fillol aus Argentinien, Toni Schumacher, und Jean-Marie Pfaff, der damals bei Bayern München war. Alle drei waren Torwarte, die ich bei den Weltmeisterschaften 1982 und 1986 bewundert hatte. Fillol kannte ich natürlich besser, weil er in Argentinien gespielt hat.

Warum sprechen Sie eigentlich so ein gutes Englisch?

Weil ich in Kolumbien auf einer britischen Schule war. Es gab dort viele solcher Schulen, auch amerikanische. Der Einfluss von den USA ist in Südamerika sehr stark, und in den großen Städten Kolumbiens ist dasselbe mit den britischen Schulen der Fall.  

Und ihre Lehrer waren alle englische Fußballanhänger?

Die waren natürlich alle Fans von den englischen Teams. Ich erinnere mich, dass zu meiner Zeit viele von ihnen Anhänger von Liverpool waren. Da sie kamen, in dem 90 % der Leute Fußballanhänger sind, und wir in Kolumbien den Sport auch sehr lieben, haben wir uns fast die ganze Zeit nur über Fußball unterhalten und natürlich auch viel gespielt.  

Beschreiben Sie doch einmal die kolumbianische Nationalmannschaft.

Zu meiner Zeit hatten wir hatten viele technisch starke Spieler und wunderbare Stürmer wie Faustino Asprilla oder »El tren« (Adolfo Valencia, d. Red.), die beide sehr schnell und physisch stark waren. Im Mittelfeld Leute wie Rincon, Valderrama und Leonel Alvarez, die viele technische Fähigkeiten ins Spiel brachten. Das waren zwar alles keine schnellen Spieler, aber sie kompensierten ihren physischen Mängel an Geschwindigkeit mit eine gedanklichen Schnelligkeit – so, dass sie immer etwas früher agierten als die Gegner. Hinten waren wir sehr taktisch geprägt in unserem 4-4-2-System. Unsere Spielweise war schon anders als der Fußball, den ihr hier in Europa spielt. Unser Umschalten von Defensive in die Offensive ist etwas langsamer und besteht mehr aus Pässen und Ballkontakten. Hier sind es maximal drei, vier Kontakte, mit denen das Mittelfeld überbrückt wird – während wir in Kolumbien 15 bis 20 Pässe machen. Wir mögen diese Art Fußball zu spielen einfach.  

In Deutschland geht man häufig davon aus, die besten Torhüter weltweit zu haben. Sie haben in sieben Ländern gespielt, wie würden Sie die deutschen Schlussmänner bewerten?

Speziell das torwartspezifische Training ist hier überragend, wesentlich besser als in Südamerika. Wir waren dafür immer stolz darauf, sagen zu können, dass unsere Torwarte technisch sehr stark sind. Wir dachten von den europäischen Torhütern, dass sie überwiegend groß und etwas schwerfällig seien. Und auch wenn viele nicht die Qualitäten haben, die die Südamerikaner oft besitzen, glaube ich, dass die europäischen Torwarte – speziell in Deutschland – kompletter und ausgeglichener sind. Deutschland hat da sehr viel Potential und drei oder vier Top-Männer, die in der Bundesliga spielen.  

Zum Thema Torwarte, die Fußball spielen können – Sie haben in ihrer Karriere zwei Tore geschossen. Wie haben Sie die erzielt?

Das waren beides Elfmeter. (lacht) Ich war damals jung, und manchmal, wenn man jung ist, riskiert man mehr als nötig ist. Heute denke ich, dass es wichtiger ist, dass ich Toren verhindere anstatt welche zu erzielen. Ich denke im Leben muss man Dinge ausprobieren und testen. Zu der Phase meiner Karriere hatte ich das Gefühl, dass ich angreifen wollte. Heute habe ich das nicht mehr.  

Nach über 500 Spielen, die sie bestritten haben: Gibt es eine bestimmte Partie, die ihnen noch im Gedächtnis geblieben ist?


Man kann sich nicht an bestimmte Spiele erinnern, sondern an bestimmte Momente. Der erste Titel mit Independiente, der Super Cup in Südamerika, wird immer besonders bleiben. Nicht nur weil es mein erster internationaler Titel war, sondern auch, weil wir der erste ausländische Klub waren, der im Maracana-Stadion einen Titel gewinnen konnten. Bei einer Weltmeisterschaft zu spielen, war ebenfalls großartig. Ich erinnere mich noch, wie ich mir vor dem ersten Spiel der Weltmeisterschaft 1998 die Banner im Stadion anschaute und meinen Namen sah. In dem Moment Begriff ich erst: Du spielst für Kolumbien bei einer Weltmeisterschaft! Ein paar Jahre früher saß ich noch zu Hause und habe die Spiele im Fernsehen gesehen, jetzt spielte ich selbst dort. Auch die drei Titel mit Galatasaray oder der Aufstieg mit Köln waren unglaublich. Ich habe mir danach die Augen ausgeweint, weil wir so viel Druck und eine Verpflichtung hatten, zurück in die erste Liga zu kommen. Da dann vor unseren Fans zu spielen und zu gewinnen, werde ich nie vergessen.

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