06.11.2009

Fans und Polizei: Das Streitgespräch

»Euch fehlt Selbstkritik«

An fast jedem Spieltag prallen irgendwo in Deutschland Fans und Polizisten aufeinander. Am Montag war es beim Spiel zwischen Rostock und St. Pauli wieder soweit. Wir haben beide Seiten zu einem Streitgespräch geladen.

Interview: Lars Spannagel Bild: Imago
Über Gewalt beim Fußball diskutierten Wilko Zicht, Sprecher vom Bündnis Aktiver Fußball-Fans (Baff), und Jörg Radek, Mitglied im Bundesvorstand der Gewerkschaft der Polizei.



Herr Radek, kennen Sie den »Goldenen Schlagstock«?

RADEK: Ich kenne eine Menge Auszeichnungen für die deutsche Polizei, der Goldene Schlagstock sagt mir aber nichts.

Den Preis verleiht Herr Zichts Organisation Baff jedes Jahr für die »unangemessenste Behandlung von Fans« durch deutsche Sicherheitskräfte. 

RADEK: Das ist bezeichnend für das Spannungsverhältnis zwischen Polizei und Fans. Da ist jemand, der ein schönes Erlebnis haben will, das von anderen gestört wird. Und die Polizei soll das in einer Art Schiedsrichterfunktion richten. Dabei entsteht das Missverständnis, dass die Polizei der Spielverderber ist.

ZICHT: Die Polizei hat sicher eine undankbare Aufgabe. Beim Goldenen Schlagstock picken wir uns die Sachen raus, die extrem misslungen sind. Dabei stellen wir fest, dass bei der Polizei oft jede Selbstkritik fehlt.

Fans tragen T-Shirts mit der Aufschrift »All cops are bastards«, auf der anderen Seite ist von prügelnden Horden die Rede. Sind Fans und Polizisten natürliche Feinde? 

ZICHT: Ich glaube, es ist in den letzten Jahren schwieriger geworden. Die entspannte Atmosphäre der WM 2006 konnte nicht in den Alltag hinübergerettet werden. Das hat viele Fans frustriert. 

RADEK: Es kommt immer auf den Einzelfall an: Ich bin mal gefragt worden, warum vor dem DFB-Pokalfinale auf dem Weg ins Stadion Schneeketten beschlagnahmt worden seien, das sei doch eine völlig überzogene Reaktion. Schneeketten? Im Mai? Eine Schneekette ist eine wunderbare Waffe. Hätte der Kollege sie nicht beschlagnahmt, hätte es hinterher geheißen: Die Polizei ist noch blöder, als wir annehmen. 

Warum haben sich die Fronten zuletzt verhärtet?

ZICHT: Wenn Vorfälle nicht aufgearbeitet werden, weil beide Seiten uneinsichtig sind, dann schaukelt sich das hoch. Die vernünftigen Leute in den Fanszenen haben es dann schwieriger, die wilderen im Zaum zu halten. Aber diese Selbstheilungskräfte gilt es zu stärken. 

Jetzt hat der Bundesgerichtshof geurteilt, dass Vereine Stadionverbote auch ohne konkrete Beweise aussprechen können. Ist das richtig?

ZICHT: Nein. Wir überlegen, dagegen vor das Verfassungsgericht zu ziehen. Wenn beim Fußball etwas passiert, ist es für die Polizei sehr schwer, einen Täter zu ermitteln. Deswegen werden die Namen der Verdächtigen einfach an den Verein weitergegeben, der nicht an die Unschuldsvermutung gebunden ist und ein Stadionverbot ausspricht, während das Strafverfahren meist eingestellt wird. So hebelt man die rechtsstaatlichen Grundsätze aus. Jedes unberechtigte Stadionverbot macht das Sicherheitsrisiko sogar größer, weil sich die gesamte Fanszene angegriffen fühlt.

RADEK: Ich sehe das anders. Wir tun bei dieser Diskussion immer so, als würden Stadionverbote grundsätzlich willkürlich verhängt. Ist das denn so?

ZICHT: Nein, es gibt natürlich auch berechtigte Stadionverbote, aber die Rechtsprechung ermöglicht eben weiterhin auch unfaire Stadionverbote.

RADEK: Wir erleben doch eine verschobene Debatte. Wir diskutieren über das Stadionverbot an sich, aber nicht über die Ursache: Und die ist Gewalt gegen jedermann, gegen Polizeibeamte. Und ich kann nicht erkennen, dass es eine Distanzierung von dieser Gewalt gibt. 

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