Fans in der DDR: Ein Stasi-Mann packt aus

»Sicher auch mal den Falschen getroffen«

25 Jahre Wiedervereinigung, das ist auch die Chance, das Gewesene besser zu verstehen. Unser Interviewpartner arbeitete jahrelang für die Stasi – und beobachtete den »rowdyhaften Anhang« in Berlin.

imago

Jan Wiese*, sind Sie Fußballfan?
Kann man so nicht sagen.

Waren Sie es in der DDR?
Ehrlich gesagt, auch nicht.

Trotzdem haben Sie sich jahrelang hauptberuflich mit dem DDR-Fußball beschäftigt, besser gesagt mit den Fans. Wie sind Sie dazu gekommen?
Ich bin während meiner dreijährigen Armeezeit angesprochen worden, ob ich nicht zum Ministerium für Staatssicherheit kommen wolle. Über konkrete Aufgabenbereiche, also wo ich eingesetzt werden würde, wurde im Vorfeld nicht gesprochen. Ich bin dann 1984 bei der Abteilung XX/2 der MfS-Bezirksverwaltung Berlin gelandet. Meine Einheit saß in Friedrichsfelde.

Worin bestand deren Aufgabe?
Die Abteilung XX/2 war zuständig für »negative Jugend«, ganz allgemein. Ein Schwerpunkt waren Punks, ein anderer der rowdyhafte Fußballanhang. Das Referat 2 hatte vierzehn, fünfzehn Mitarbeiter, vier davon kümmerten sich um die Berliner Fußballfans.

Um die Hooligans?
Ja, um die gewalttätigen Fußballfans. In der DDR hießen die nicht Hooligans, sondern Fußballrowdys.
 
Um die Berliner Rowdys kümmerten sich vier hauptamtliche Stasimitarbeiter?
Ja, zwei waren für die des BFC Dynamo zuständig, zwei für Union. Von den vier war ich der einzige, der sich nicht für Fußball interessierte. Die BFCer waren auch BFC-Fans. Im ersten Jahr war ich für die BFC-Fans zuständig, danach für die Unioner. Das heißt, ich war bei jedem Spiel dabei, ob zu Hause oder auswärts.

Der Spielplan war quasi ihr Dienstplan?
Sozusagen, ich habe höchstens mal im Urlaub ein Spiel verpasst.

Wie muss man sich Ihren damaligen Job vorstellen. Haben Sie und ihr Kollege sich unter die Fans im Stadion An der Alten Försterei gemischt?
Nein. Es gab einen festen Raum im Stadion, eine Art Blechkasten neben der Tribüne, von wo aus wir die Fans während des Spiels beobachtet und auch fotografiert haben. Zusammen mit der Polizei.

Das wusste jeder?
Ich denke schon. Bei Union gab es wie bei allen Oberligavereinen Leute, die für die Kommunikation mit den Fans und für Sicherheit zuständig waren. Die waren unsere Ansprechpartner. Beim BFC Dynamo lief es im Prinzip genauso. Da saßen die beiden Kollegen halt im Jahn-Sportpark.

Können Sie Ihren Auftrag beschreiben?
Wir sollten vor allem vorbeugend tätig werden. Auch in der DDR hatten sich Fußballfans in den Achtzigern oft zu Prügeleien verabredet. Wir versuchten Informationen zu kriegen, wo sich Randale anbahnt.  Wenn wir es mitbekamen, gaben wir das weiter an die Volkspolizei in Berlin oder in den betreffenden Städten. Manchmal wusste man ja auch aus Erfahrung, dass es in Dresden immer da kracht und in Leipzig immer dort. In den Städten gab es außerdem Mitarbeiter in den MfS-Bezirksverwaltungen, mit denen wir uns natürlich im Vorfeld der Spiele austauschten: Wie sind »unsere« Fans gerade drauf? Wie brisant ist das Spiel, wie könnten die Reaktionen der Fans auf das jeweilige Ergebnis aussehen?  

Wer hatte den Hut auf im Kampf gegen die Fußballrowdys - das MfS oder die Polizei?
Die Volkspolizei. Wir haben Beweismaterial zugeliefert und die Rowdys maximal zur Polizei vorgeladen, aber keine Verhaftungen durchgeführt oder Prozesse initiiert. Hausbesuche bekamen bestimmte Fans ebenfalls von den Polizisten. Wir sind erst aktiv geworden, wenn wir intensive Kontakte einiger Fußballfans nach außen festgestellt haben, die extrem rechts gerichtet waren.

Was heißt das?
Unser Hauptaktionsfeld war nicht zuerst die Gewaltbereitschaft der Hooligans, sondern das, was sich daraus entwickelte.

Wenn im Stadion Sprechchöre kamen wie »Die Mauer muss weg«?
Die habe ich selbst nie gehört. Aber bei solchen Sprechchören wurde noch nicht eingegriffen. Das wurde in unseren Berichten notiert und unter uns eingeordnet: Kommt das von einer Person, um die wir uns Sorgen machen müssen oder hat da nur einer seinen Frust abgelassen.

*Der richtige Name des Mannes ist der Redaktion bekannt, er arbeitet heute als selbstständiger IT-Berater in Berlin.

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