24.01.2008

Fanclub-Sprecherrat Roger im Interview

„Das Ding muss weg“

Gegen die neue Stadionwährung auf St.Pauli stemmen sich die Fans mit aller Kraft. Doch was ist am Millerntaler denn eigentlich so schlimm? Wir sprachen mit Roger, dem Sprecherrat der offiziellen Fanclubs des FC St.Pauli.

Interview: Maximilian Hendel Bild: Imago
Roger, wie ist der aktuelle Stand des Millerntaler-Einführungsverfahren?

Es gab vorgestern eine Pressekonferenz von Corny Littmann, auf der er noch einmal bekräftigt hat, dass der Millerntaler beginnend mit dem Jena-Spiel definitiv eingeführt wird. Zunächst an der Südtribüne.

Mit welcher Begründung?


Die einzig vorgebrachte Begründung war, dass, aufgrund des Neubaus und der Erweiterung des Millerntors ein größeres Zuschaueraufkommen einsetzt und durch den Millerntaler eine beschleunigte Abfertigung an den Versorgungsständen garantiert wird.



Wobei der Verein mittlerweile zurückruderte und den Euro im Stadion nicht „abschaffen“ will, sondern eine Koexistenz mit dem Taler befürwortet.

So soll es wohl zum jetzigen Zeitpunkt geplant sein. Aber der Teufel steckt ja im Detail: Denn sollte der Millerntaler angenommen werden, so die Ankündigung, weitet man sukzessive auch die jeweiligen Stände aus, wo nur mit Stadionwährung gezahlt werden kann.

Warum lehnen Sie den Millerntaler ab?


Die Einführung derartigen Spielgeldes ist vorrangig ein weiterer Schritt in Richtung totaler Kommerzialisierung. In 21 Staaten Europas wird mit Euro bezahlt und am Millerntor mit Millerntaler. Die Einführung des Talers, der dann auch noch die Form von Jetons beziehungsweise Pokerchips hat, ist ein ganz klares Signal in die falsche Richtung. Das Hauptargument, alles würde schneller gehen, krankt an allen Ecken und Enden.

Welche Lösung haben Sie dafür parat?

Möchte man, dass die Schlangen vor den Ständen kleiner werden, nimmt man andere Zapfanlagen, stellt neues Personal ein, baut neue Stände. Die müssen sowieso aufgebaut werden, weil es beim Millerntaler zum Beispiel auch der einen oder anderen Wechselstube bedarf. Das Argument mit der Beschleunigung ist völliger Quatsch.

Welche Probleme könnten für den Gästeanhang auftreten?

Wir haben bei uns im Stadion immer darauf geachtet, soweit es möglich ist, eine Gleichbehandlung von Heim- und Gästefans stattfinden zu lassen. Nicht umsonst konnten wir durchsetzen, dass alles, was uns im Stadion an Fanutensilien erlaubt ist, auch den Gästefans erlaubt ist. Das hat sich bewährt und wurde auch vom DFB und DFL mittlerweile positiv aufgegriffen. Auf Schalke, in München oder Frankfurt, Arenen mit eigener Stadionwährung, hat fast jeder Auswärtsfan die Erfahrung gemacht, bei bestimmten Auswärtsspielen von der Polizei so eskortiert worden zu sein, dass es unmöglich ist, auf dem Weg zum Stadion einen Imbiss zu nehmen. Dadurch wird man im Stadion zur Selbstversorgung gezwungen. Nach Spielschluss muss man dringend wieder weg, um etwa Busse oder Züge zu kriegen, sodass überhaupt keine Chance besteht, irgendetwas wieder umzutauschen. Diese Abzocke liegt auf der Hand und wird momentan verschwiegen, ohne jemandem zu unterstellen, dass damit kalkuliert wird. Klar, wir hätten langfristig die Möglichkeit, das Zeug loszuwerden, aber unsere Gästefans haben das nicht.

Abgesehen vom Kommerzeffekt oder den befürchteten Problemen der Gästefans: Meinen Sie, dass das eindeutige Aussehen der Jetons gewisse Suchtrisiken birgt, indem gerade jüngere Fans beispielsweise zum Glücksspiel verführen werden könnten?

Wir leben in einem Stadtteil, in dem wir tagtäglich mit derartigen Verlockungen konfrontiert werden. Gerade der Ausbau des Millerntors hat unter anderem auch das Ziel, Platz zu schaffen für junge Fans, die aufgrund der Dauerkarten-Situation ja kaum die Chance haben, an Karten zu gelangen. Gerade die Form des Talers steht natürlich in einem krassen Widerspruch: Einerseits Fans auf die Art an einen geldlosen Handel zu gewöhnen. Das heißt nebenbei übrigens, ihnen auch die Möglichkeit zu erschweren, tatsächliche Geldausgaben kontrollieren zu können - dass aber auf der anderen Seite durch die eindeutige Form der Pokerchips ein klarer Zusammenhang zur Verschwendung gegeben ist. Kinder und Jugendliche werden dabei in einer gewissen Form in Richtung Spielsucht trainiert. Das lehnen wir allein aus pädagogischen Gründen und der Verantwortung dem Stadtteil gegenüber rigoros ab. Es gibt also eine ganze Latte von Gründen, sowohl aus materieller, ideeller wie auch pädagogischer Sicht.

Man könnte meinen, dass die Anhänger des FC St.Pauli auf jede Form von etwaigem Kommerz beinahe paranoid reagieren?

Der Vorwurf ist absoluter Quatsch. Wir haben schon genug geschluckt, kämpfen seit Jahren gegen den kommerziellen Missbrauch der Ideologie, reinen Fußball sehen zu wollen, oder auch der politischen Ansätze, die wir ins Stadion tragen. Wir schlucken aber damit immer wieder auch, dass daran anknüpfend Geld gemacht wird, weil wir natürlich an unserem Verein hängen.

Gegen wen genau richtet sich der Widerstand?

Zunächst einmal haben der Caterer und der hinter dem Caterer stehende Geldgeber das Maß überschritten. Der Verein hat da nur bedingt Einflussmöglichkeiten, weil die Cateringrechte ja auf ein paar Jahre vergeben sind. Allerdings macht Corny Littman ja deutlich, dass er dahinter steht. Von daher hat der Verein ein stückweit die Verantwortung mit übernommen. Unser Protest richtet sich in erster Linie gegen den Caterer aber auch gleichzeitig gegen Corny Littmann.

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