Fabian Ernst über die Türkei

»yamyam heißt Menschenfresser«

In der millionenschweren Auswahl von Bernd Schuster spielt er die entscheidende Rolle: Fabian Ernst ist im Spiel von Besiktas Istanbul eine tragende Säule. Wir sprachen mit Ihm über Ricardo Quaresma und Freestyle-Interviews. Fabian Ernst über die Türkei

Fabian Ernst, Glückwunsch zu Ihrem sensationellen Kopfballtor in der 90. Minute gegen ZSKA Sofia vor genau einer Woche in der Europa League! Wir wussten gar nicht, dass Sie so hoch springen können.

Möglicherweise wurde meine Kopfballstärke in Deutschland jahrelang unterschätzt? Bei Besiktas bin ich dieser Saison jedenfalls bei Standartsituationen fest eingeplant.

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Als Sie 2009 nach Istanbul wechselten, gab es wilde Jubelszenen am Flughafen, die Leute haben Sie ja fast bis aufs Trainingsgelände getragen. Hat sich die Euphorie um Ihre Person inzwischen gelegt?

Ja und nein. Mal eben einen Kaffee nach dem Training trinken gehen, ist immer noch nicht drin und wird wahrscheinlich auch nicht möglich sein, ohne, dass sich gleich ein Menschenauflauf bildet und ich eine halbe Stunde lang Fotomodell stehen muss. Gleichzeitig hat Besiktas neue Stars geholt...

...den ehemaligen Real Madrid-Spieler Guti und Ricardo Quaresma...

...die nun im Rampenlicht stehen. Die Leute mögen mich noch, aber es gibt neue Helden. Das ist doch eine ganz angenehme Situation.

Guti und Quaresma sind bekannte Kreativspieler, Sie kennt man als zuverlässigen Arbeiter im defensiven Mittelfeld. Woher kommt Ihre Popularität?

Viele Besiktas-Fans rekrutieren sich aus der Arbeiterklasse, die Leute schätzen es einfach, wenn sich jemand 90 Minuten lang auf dem Platz zerreißt. Vielleicht ist das eine Erklärung.

Besiktas hat in dieser Saison erneut viel Geld in die Hand genommen: Wie wertvoll sind die genannten Guti und Quaresma?

Bislang haben sie sich erstaunlich gut eingefügt. Guti trainiert jedenfalls nicht so, wie man es vielleicht von einem verdienten Real-Profi erwarten könnte, der haut sich voll rein und kann mit seinen Pässen noch immer Spiele entscheiden. Und Quaresma ist einfach ein unglaublich begnadeter Fußballer. Der schießt mit dem Außenrist so wie andere mit dem Innenrist. Das habe ich vorher noch nie gesehen.

Außerdem neu in der Mannschaft ist Trainer Bernd Schuster. Wird Besiktas jetzt Anlaufstelle für ehemalige Mitarbeiter von Real  Madrid?

Keine Ahnung, aber der Trainer spricht tatsächlich sehr viel spanisch im Training...

Was hat sich unter Schuster geändert?

Wir haben inzwischen viel mehr Struktur in unserem Spiel, mehr Ordnung und taktisches Verständnis. Das ging der Mannschaft in der vergangenen Saison teilweise abhanden. Da war es etwas wild, typisch türkisch. Mit Schuster kam die Konstanz.

Was ist eigentlich der wesentliche Unterschied zwischen deutschem und türkischem Fußball?

(überlegt) Es gibt keinen. Fußball ist inzwischen überall gleich.



Viele sagen, die türkischen Medien seien für Fußballprofis in Istanbul eine extreme Erfahrung.

Mag sein, aber für mich gilt das nicht. In Deutschland musste ich mehr Interviews geben und hier steht mir immer ein Übersetzer zur Seite. Bislang komme ich ganz gut mit den Medien klar. Was natürlich auch daran liegt, dass wir meistens erfolgreich sind.

Von Christoph Daum gibt es die Anekdote, dass sich ein türkischer Journalist einmal im Flugzeug mit dem schlafenden Trainer fotografieren ließ. Am nächsten Tag durfte ein Daum ein vollkommen erfundenes »Traum-Interview« in der Zeitung lesen.

Stimmt, der journalistische Freestyle ist hier eine Kunst für sich. Mir wurden auch schon einige Dinge in den Mund gelegt, die ich niemals gesagt habe.

Was haben Sie dagegen unternommen?

Gar nichts. Es waren nur nette Sachen.

Zum Beispiel?

»Besiktas-Spieler Fabian Ernst spricht vor dem Derby zu seinen Mittelfeldkollegen: `Leute, rennt ihr nur alle nach vorne und schießt uns zum Sieg. Ich bleibe hinten und lasse keinen durch!´«

Klingt gut.

Ist aber völliger Unsinn.

Sie sind jetzt 31 Jahre alt. Haben Sie sich eigentlich schon Gedanken über die Zeit nach der Karriere gemacht?

Es gibt Pläne, aber die sind noch vage. Ende dieser Saison läuft mein Vertrag bei Besiktas aus und was danach passiert, weiß ich im Moment noch nicht genau.

In die Bundesliga...

...werde ich wohl nicht mehr zurückkehren. Wenn überhaupt, dann zu meinem Heimatverein Hannover 96. Allerdings bin ich Istanbul an den internationalen Wettbewerb gewöhnt und den würde ich ungern missen wollen.

Und der Rest der Liga interessiert Sie nicht mehr?

Ich habe in Hamburg, Bremen und auf Schalke gespielt. Alles außer Hannover reizt mich in Deutschland nicht mehr.

Und nach der Karriere?

Dann werden meine Familie und ich auf jeden Fall nach Hannover ziehen, wir bauen dort gerade ein Haus. Was danach geschieht? Ich weiß es nicht. Vielleicht nehme ich mir ein Jahr lang eine komplette Auszeit. So viel Zeit muss sein.

Fabian Ernst, wie gut ist eigentlich Ihr türkisch?

Ich war mal ganz gut, aber seit drei Monaten habe ich keinen Unterricht mehr gehabt. Es ist also etwas eingeschlafen.

Sagen Sie uns trotzdem Ihr Lieblingswort?

yamyam.

Was bedeutet das?

»Menschenfresser«. Das ist mir im Gedächtnis geblieben. Ich weiß auch nicht warum.

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