Fabian Ernst im Interview

„Meine Koffer waren gepackt“

Seit dem Wechsel zu Schalke lief es für einen der besten deutschen Sechser nicht mehr rund. Fabian Ernst über die Ausbootung durch Klinsmann, Schalker Nöte, und ob er auf dem Platz eher Bassist oder Klavierspieler ist. Frank Crosby
Heft #58 09 / 2006
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Fabian Ernst, Sie gelten als einer der größten Musikfans der Bundesliga. Wie viele CDs besitzen Sie?

Etwa 700. Da ich mir inzwischen die meisten Songs bei iTunes runterlade, kaufe ich nicht mehr so viele wie früher.

Woher kommt Ihr Interesse an Musik?

Als ich noch in Hannover wohnte, hatte ich einen Kumpel mit einem Plattenladen, „Crazy Tunes“, durch den ich viele interessante Sachen kennen gelernt habe. Er hat mir sogar Importe aus den USA besorgt.

Worauf war der Laden spezialisiert?

In erster Linie auf HipHop und R&B. Inzwischen ist mein musikalisches Spektrum allerdings etwas breiter gefächert.

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Und wo kaufen Sie auf Schalke Ihre CDs?

In Gelsenkirchen ist es zugegeben ein bisschen schwierig. Aber ein Kollege aus der Geschäftsstelle hat mir ein paar Adressen von Insiderläden in Köln gegeben. Da werde ich bei Gelegenheit mal vorbeifahren.

Genießen Sie als Profi mit einem ausgeprägten Musikinteresse in Ihrem Team einen Exotenstatus?

Na ja, da auch in den Clubs viel R&B, HipHop und Black Beat gespielt wird, bin ich mit meinem Musikgeschmack ja nicht völlig neben der Spur. Nur bei Sachen, die weniger tanzbar sind, wundern sich die Kollegen, was ich so höre.

Nehmen Sie manchen Teamkollegen regelmäßig Mix-CDs auf?

In Bremen habe ich für Tim Borowski öfter CDs mit R&B zusammengestellt. Hier in Schalke würde ich damit ziemlich auf den Bauch fallen: Asa (Gerald Asamoah, d. Red.) hat nur den Kopf geschüttelt, als er letztens bei mir im Wagen die Musik gehört hat.

Kriegen Sie auch mit, was die anderen Kollegen hören?

Wenn unsere Uruguayer in der Umkleide ihre Weltmusik aufdrehen, lässt sich das schwer ignorieren. Und von DJ Asa habe ich irgendwo eine Playlist gelesen – war ganz okay.

Gehen Sie viel tanzen?

Ich achte schon darauf, dass in den Läden, in die ich gehe, auch die Musik stimmt. Aber der exzessive Tänzer bin ich, ehrlich gesagt, nicht.

Interessieren Sie sich für die Charaktere, die hinter der Musik stehen?

Ich surfe viel im Internet und lese nach, wie der Musiker lebt und welche Einstellung er zu bestimmten Dingen hat. Denn auf diesen hohlen Blingbling-Rap, wie zum Beispiel von 50 Cent, stehe ich überhaupt nicht. Bei ihm habe ich den Eindruck, dass es nur noch um die Kohle, die Goldketten und die Sportwagen geht. Dabei fand ich seine ersten beiden Alben sehr gut.

Was halten Sie von deutschem Rap?

Curse, Kool Savas und Azad finde ich gut. Die übrigen Bands sind nicht so mein Fall.

Bei welchen Musikern stimmt die Außendarstellung?

Bei Gang Starr beispielsweise: Die kommen immer durchdacht und intelligent rüber. Und die Beats, die DJ Premier dazu macht, sind genial. Genauso genial, wie alles, was 2Pac zu Lebzeiten aufgenommen hat. Ansonsten höre ich momentan gerne AZ und Timbaland.

Als Fußballer genießen Sie, zumindest in Ansätzen, ebenfalls den Status eines Popstars. Über welche Showelemente denken Sie bei Ihren Auftritten nach?

Über gar keine. Fußballer sind am effektivsten, wenn sie auf dem Platz nicht allzu viel nachdenken.

Wie wichtig ist Ihnen die Wahrnehmung als Prominenter?

Mir wäre es oft lieber, weniger wahrgenommen und nicht immer mit irgendwelchen Dingen behelligt zu werden.

Aber sind Sie nicht auch Fußballer geworden, um reich und berühmt zu werden?

Ich glaube nicht, dass ein Fünfjähriger, der das erste Mal gegen einen Ball tritt, darüber nachdenkt, eines Tages Geld damit zu verdienen.

Hatten Sie als Kind ein Fußball-Idol?

Ich komme aus Hannover. Als ich anfing, Fußball zu spielen, war 96 in der 2. Liga. Da gab es keinen Spieler, der zum Idol getaugt hätte. Später stand ich dann auf Eintracht Frankfurt mit Anthony Yeboah, Thomas Doll und Uwe Bein.

Gibt es einen Song, den Sie zur Frustbewältigung nutzen?

Nein, da fällt mir keiner ein.

Einen, der Sie vor Spielen besonders motiviert?

„Lose yourself“ von Eminem haben wir öfter im Kreis der Nationalmannschaft gehört, weil die Botschaft des Songs zu unserem Vorhaben gepasst hat. Sie lautet: Es gibt nur eine Chance, also nutze sie.

Sind denn alle Nationalspieler in der Lage zu verstehen, worum es Eminem in dem Song geht?

In einem Fußballteam kann man nicht davon ausgehen, dass alle Spieler gut englisch sprechen. Ich habe ihn jedenfalls verstanden. (grinst)

Was halten Sie von der inoffiziellen Nationalmannschaftshymne, Xavier Naidoos „Dieser Weg“?

Ich muss zugeben, dass Xavier in mein Geschmacksspektrum noch hinein passt. Der Song ist wirklich stark.

Und welcher der unzähligen WM-Songs hat Ihnen am besten gefallen?

Der Ohrwurm von den Sportfreunden Stiller.

Was ist mit dem Lied des Hannoveraners Oliver Pocher? Der hat ja zur WM einen ähnlichen Gassenhauer wie die Sportfreunde abgeliefert.

Da gibt es aber wesentliche Qualitätsunterschiede: Die Sportfreunde Stiller haben einen guten Chartsong gemacht, Oliver Pocher war eher darauf aus, im Stadion zum Mitgrölen zu animieren.

Mal ehrlich, konnten Sie die Begeisterung für die WM und ihre Songs überhaupt teilen, nachdem Jürgen Klinsmann Sie aus dem Kader gestrichen hatte?

Ab der KO-Runde ging das. Schließlich wurde man während der WM derart mit den Songs bombardiert, dass sie sich regelrecht in den Gehörgängen festgesetzt haben.

Beschreiben Sie mal den Moment, als Klinsmann Ihnen für die WM abgesagt hat.

Wir wussten, dass uns der Bundestrainer einen Tag vor der Abreise ins Trainingslager nach Sardinien anrufen würde. Meine Koffer waren schon weitgehend gepackt, gegen halb elf Uhr morgens rief er dann an. Das Gespräch war schnell beendet, weil ich nach der Absage nicht mehr so viel zu sagen wusste.

Das heißt, Sie wurden von seiner Entscheidung komplett überrascht?

Ich war völlig unvorbereitet, was mich, ehrlich gesagt, auch enttäuscht hat. Denn bis dahin gab es keinerlei Anzeichen, dass ich nicht berücksichtigt werden würde. Es wäre leichter zu verkraften gewesen, wenn einer aus dem Trainerstab vorher mal gesagt hätte: „Fabe, pass auf, verbessere das und das, sonst wird es eng mit der Nominierung.“ Aber ich bin immer nur gelobt worden. So waren meine Frau und ich völlig vor den Kopf gestoßen.

War das der härteste Moment Ihrer Karriere?

Mit Sicherheit.

Martín Demichelis hat nach der Absage von José Pekerman vor der WM gesagt: „Ich habe nicht nur keine Lust mehr Fußball zu spielen, ich habe keine Lust mehr zu leben.“

(lacht) Für solche dramatischen Reaktionen bin ich nicht der Typ. Ich habe an dem Tag meine Koffer wieder ausgepackt und einige enge Vertraute angerufen. Dann bin ich für zwei Wochen nach Dubai gefahren, um möglichst weit weg von den deutschen Medien zu sein.

Wen haben Sie angerufen? Etwa Kevin Kuranyi, den dasselbe Schicksal ereilt hat wie Sie?

Nein. Als ich mitbekam, dass er auch nicht dabei ist, habe ich ihm eine Nachricht geschrieben. Ich habe mit Asa, meinem Berater, Andreas Müller und Mirko Slomka gesprochen.

Wären Sie auch aus dem Kader geflogen, wenn Sie für Bayern München spielen würden und nicht für Schalke 04?

Das will ich doch hoffen.

Ist Joachim Löw als neuer Bundestrainer ein Vorteil für Sie?

Das wird sich zeigen. Derzeit habe ich keinen Kontakt zu ihm. Deshalb muss ich versuchen, die entscheidenden Signale für eine Rückkehr ins DFB-Team auf dem Platz zu geben.

Sie klingen sehr abgeklärt und beherrscht. Rasten Sie nie aus?

Ich bin Zwilling und kann nach außen sehr kontrolliert sein. Aber in Extremsituationen drehe ich auch schon mal durch. In mir schlummert ein kleiner Choleriker.

Wer kriegt das dann ab?

Da bleibt oft nur meine Frau. (lacht) Aber keine Angst, ich schmeiße keine Teller gegen die Wand.

Bringt Sie auch der Fußball manchmal zum Ausrasten?

Nein. Fußball muss man mit Abstand sehen und nicht überbewerten. Früher habe ich mit Kumpels auf dem Bolzplatz gekickt, heute spiele ich in ausverkauften Arenen. Ansonsten hat sich nichts geändert. Und ich finde, so muss man es auch sehen.

Hat Ihre besonnene Art Ihnen auch schon geschadet? Etwa, weil Sie dadurch weniger wahrgenommen werden als andere?

Das kann schon sein. Aber, wenn ich sehe, wie verbissen manche an ihren Job als Fußballer rangehen, möchte ich nicht mit denen tauschen. Meine relaxte, aber professionelle Einstellung schützt mich davor, zu verkrampfen. Auch in der jetzigen Situation.

Auch bei Schalke sind Sie in der letzten Saison hinter den Erwartungen zurück geblieben. Oder sehen Sie das anders?

Nein, ganz klar: Ich habe mich extrem schwer getan.

Woran lag’s?

Keine Ahnung. Aber Fußball ist nun mal nicht so, dass man einen Spieler auf derselben Position einfach von Verein A zu Verein B verfrachtet. Es kommen viele Begleiterscheinungen dazu, die nicht kalkulierbar sind.

Ist es auf Schalke ein Problem für Sie, weil die Wahrnehmung eines Spielers hier viel extremer ist als etwa bei Werder Bremen?

Natürlich ist man auf Schalke permanent dem Druck von außen ausgesetzt. Man muss lernen, das abzublocken. Die Menschen hier lechzen mehr als bei jedem anderen Verein nach einem großen Erfolg.

Haben Sie Angst, dass sich die Situation entwickelt wie zu Ihrer Zeit beim HSV, wo Sie zwei Jahre auf der Bank saßen?

Das lässt sich nicht vergleichen. Als ich in Hamburg gespielt habe, war ich 19. Da hat niemand Größeres von mir erwartet. Damals wusste ich, dass Trainer Frank Pagelsdorf nicht mit mir plant und andere Spieler vorzieht. Deshalb habe ich damals nie an mir gezweifelt. In Schalke weiß ich, dass Mirko Slomka hinter mir steht und mir jede Chance einräumt, zu zeigen, was ich kann.

Ist Mirko Slomka als Trainer die bessere Variante als Ralf Rangnick?


Mirko hat eine kumpelhafte Art. Das ist sicherlich ein Vorteil für ihn, weil er auf diese Weise schnell einen guten Draht zur Mannschaft bekommen hat.

Fehlt Schalke 04 die Galionsfigur Rudi Assauer?

Dazu möchte ich nichts sagen. Nur soviel: Ich habe zu dieser Personalie eine dezidierte Meinung, aber die ist nicht für die Öffentlichkeit bestimmt (lächelt).

Können Sie als rationaler Niedersachse das emotionale Empfinden eines Schalkers eigentlich nachvollziehen?


Wenn man in der Arena vor 60 000 Zuschauern bei überkochender Stimmung spielt, schnallt man schon, wie die Leute hier ticken. Und es gibt auch viel mehr Kontakt zu den Fans als bei anderen Klubs, so dass man gar nicht anders kann als zu verstehen, was die Menschen bewegt.

Sind die Fans hier offensiver?
Mentalitätsbedingt bekommt man viel öfter gesagt, was den Leuten an einem missfällt. Aber das motiviert auch.

Wie, glauben Sie, könnten die Schalker Fans zu etwas mehr Gelassenheit finden?

Wenn der Verein endlich wieder den Titel holen könnte, würde das die ganze Situation bestimmt beruhigen. Deshalb ist für mich in den vier Jahren, die ich hier noch unter Vertrag stehe, das wichtigste Ziel, Meister zu werden.

Wichtiger als ein erneuter Gewinn des UEFA-Cups oder gar ein Sieg in der Champions League?

Das steht auf einem anderen Blatt. Aber die Meisterschaft genießt schon einen extrem hohen Stellenwert.

Welche Marschrichtung gilt für die laufende Saison?

Wir brauchen mehr Konstanz als 2005/06. Fast jeder Spieler hatte im letzten Jahr Schwächeperioden, ohne dass wir in der Mannschaft offen darüber gesprochen hätten. In dieser Hinsicht müssen wir mehr Teamgeist beweisen.

Wieso hat es mit der Kommunikation nicht geklappt?

Ein Trainer oder Manager kann zwar von oben Direktiven geben, aber die Mannschaft muss die auch verinnerlichen. Wir Spieler wissen sehr gut, dass wir daran arbeiten müssen.

Warum glauben Sie, dass es dieses Jahr besser läuft?


Wichtig ist, dass wir im Team die Probleme angesprochen haben und offener aufeinander zugehen. Ob wir es über eine ganze Saison schaffen, den Teamgeist zu erhalten, wird sich zeigen.

Mit anderen Worten: Wenn die Ergebnisse nicht so sind wie erwartet, könnte es schnell wieder problematisch werden auf Schalke.

Deshalb müssen wir permanent daran arbeiten, uns noch besser kennen zu lernen, damit jeder weiß, wie sein Mitspieler tickt – auch wenn der Erfolg zeitweise mal ausbleibt.

Wie fügen sich die Neueinkäufe in das neue Schalker Kommunikationsmodell?

Gut. Bei Halil (Altintop, d. Red.) ist das kein Problem, sein Gegenstück Hamit kennen wir hier in Schalke ja schon. Und Peter und Matze (Lövenkrands und Abel, d. Red) scheinen auch umgängliche Typen zu sein. Außerdem bringen die jungen Spieler aus der A-Jugend einen frischen Wind rein, der dem Team gut tut.

Zurück zur Musik. Haben Sie selbst mal ein Instrument gespielt?

Nein, aber ich hätte gerne Klavier gelernt.

Warum Klavier?

Weil es ein Melodieinstrument ist, auf dem man mit einfachen Mitteln einen großen Effekt erzielt.

Dabei sind Sie auf dem Platz eher der Bass-Typ: Sie wirken im Hintergrund, treiben das Spiel im Ganzen nach vorne und schließen Lücken, wo sie sich auftun.

Interessante Ansicht, da ist was dran. Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht.

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