Fabian Boll über zwölf Jahre beim FC St. Pauli

»Mein Klub, meine Jungs, mein Viertel!«

Fabian Boll hat in zwölf Jahren über 300 Pflichtspiele für den FC St. Pauli bestritten. Seit kurzem besitzt er aus jeder Saison das jeweilige Original-Trikot. Ein Rückblick auf die schönsten Leibchen und größten Spiele.

Per Kasch
Heft: #
150

Früher stand er in der Nordkurve oder der Gegengerade und feuerte seinen FC St. Pauli nach vorne. Ab 2002 lief er selbst unter tosendem Applaus in seinen Lieblingstrikots auf den Platz. Kurz vor seinem Karriere-Ende haben wir Fabian Boll für ein Foto-Shooting in einem Kiez-Hinterhof auf St. Pauli getroffen. Dort öffnete Fabian Boll seine Trikot-Schatzkiste. Das Ergebnis seht ihr im neuen Heft 11FREUNDE #150: Jetzt am Kiosk und im App-Store.

Nebenbei sprachen wir noch über eine zwölfjährige Karriere am Millerntor. Das Interview lest ihr hier:

Fabian Boll, sind Sie ein Trikotsammler?
Nein. Doch ich wollte zum Karriereende gerne alle Trikots besitzen, die ich in zwölf Jahren beim FC St. Pauli getragen habe.
 
Das sind insgesamt 33.
Richtig. Dummerweise hatte ich einige Trikots im Laufe der Zeit verschlampt oder an letzten Spieltagen ins Publikum geworfen. So fehlten mir bis vor einigen Wochen noch fünf Stück zur Komplettierung der Sammlung. Also habe ich einen Aufruf über meine Facebook-Seite und in der Stadionzeitung gestartet. Wichtig war: Es mussten originale Matchworn-Trikots sein, also Trikots, die ich tatsächlich mal in einem Spiel getragen haben, die auf der Rückseite zusätzlich mit der 17 und meinem Namen bedruckt sind und die auf dem Ärmel den originalen Werbe- oder Wettbewerbs-Patch aufweisen.
 
Und die Fans haben geliefert?
Ja, die waren super hilfsbereit. Das letzte Trikot erhielt ich von einer netten Dame, die den Aufruf in der Stadionzeitung gelesen hatte.
 
Wir wollen heute mit Ihnen über die Lieblingsstücke aus Ihrer Sammlung sprechen. Welche Trikots sind Ihnen besonders in Erinnerung?
Natürlich vor allem die, mit denen die Mannschaft und ich große Spiele bestritten haben. Fangen wir mal mit diesem hier an (zeigt auf die Trikots der Oberliga-Mannschaft von 2002/03, d. Red.): Das war meine Premieren-Saison bei den Amateuren des FC St. Pauli. Das erste Mal dieses Wappen tragen – das war ein sehr besonderes Gefühl!
 
Weil Sie schon lange Fan des FC St. Pauli waren?
Zugegeben: Meine ersten Stadionerlebnisse hatte ich beim HSV. Die Mannschaft ist damals häufig zum Trainingslager in meine Heimat, Bad Bramstedt, gekommen. Die Spiele in dieser riesigen Betonschüssel waren allerdings echt trostlos, sowohl das  Sportliche als auch die Atmosphäre. Mit 15 oder 16 Jahren bin ich dann mit Freunden das erste Mal ans Millerntor gegangen.
 
Kurze Zeit später wechselten Sie aber in die A-Jugend des HSV. Gab es da keine Interessenkonflikte?
Und ob. Zumal ich im Training sogar gelegentlich ein St. Pauli-Trikot angezogen habe. Da gab es den einen oder anderen Rüffel. Doch ich ließ mich nicht mehr abbringen von meinen Besuchen am Millerntor. Das erste Spiel Millerntor war ein Schlüsselerlebnis. Ein Freitagabendspiel unter Flutlicht gegen Hansa Rostock. Wir gewannen 2:0.
 
Wo haben Sie gestanden?
In der Nordkurve. Ich habe auch einige Jahre eine Dauerkarte besessen. Später bin ich in die Gegengerade gewechselt, hinein in die Singing Area. Gelegentlich war ich sogar auswärts mit dabei. Weil ich damals schon höherklassig gespielt habe, kollidierten die Spiele der Profis häufig mit unseren, und meine Besuche wurden seltener.
 
Erinnern Sie sich noch an den Moment, als Sie sich in der Kabine zum ersten Mal das Trikot übergezogen haben?
Klar, ein Kappa-Jersey, eng geschnitten, angenehmer Stoff, ein schönes Teil. Es ging gleich gegen Altona 93, ein Derby vor über 1000 Leuten in der Adolf-Jäger-Kampfbahn.
 
Haben Sie damals schon die Nummer 17 getragen?
Nein, bei den Amateuren hatte ich die 10. Und ich muss auch zugeben, dass die beiden Trikots aus dieser Oberliga-Zeit nicht matchworn sind, sondern sogenannte Fantrikots. Die Originale habe ich jahrelang vergeblich gesucht.
 
Welches Trikot liegt Ihnen noch am Herzen?
Natürlich das aus der Saison 2003/04, mein erstes Jahr als Profi. Optisch gefiel mir das schwarze Auswärtstrikot zwar besser, doch mit dem weißen Jersey habe ich gegen Chemnitz mein erstes Tor erzielt. Ein Doppelpass mit Philipp Albrecht über 50 Meter. Herrlich!
 
Die Umstellung von den Amateuren lief also problemlos?
Nicht unbedingt. Ich hatte Schwierigkeiten, mich auf das neue Trainingspensum einzustellen. Vorher hatten wir nur dreimal die Woche trainiert, nun musste ich jeden Tag ran. Zusätzlich hatte ich ja noch meinen Job als Kommissar. Die Folge: Ich habe mich prompt verletzt, eine Schambeinentzündung, die mich drei oder vier Monate außer Gefecht setzte. Als ich wieder fit war, wurde mir ein Vereinswechsel nahe gelegt. Es hieß, ich sei nicht gut genug für die Regionalliga. Doch wie es so ist im Fußball: Die Situation kann sich innerhalb einer Woche komplett ändern.
 
Wie kamen Sie denn zurück?
Die erste Mannschaft legte im Frühjahr 2004 eine besonders üble Niederlagenserie hin, die in einer Pleite bei Rot Weiss Essen mündete. Wir gewannen an dem Wochenende mit den Amateuren zeitgleich ein Spiel mit 5:0, und ich schoss zwei Tore. Prompt waren ich und zwei, drei andere aus der Amateurmannschaft wieder im Profiteam. Ein paar Tage später kam das Spiel gegen Chemnitz, eine Bogenlampe, ein irritierter Torwart, und drin war das Ding – im ersten Spiel bei den Profis gelang mir gleich der Siegtreffer.
Sind Sie eigentlich ein Trikot-Ästhet?
Nicht wirklich. Das Gesamtpaket muss stimmen.
 
Das Heimtrikot Ihrer ersten Profisaison 2003/04 besticht durch Stehkragen und Knöpfe.
Im Grunde war es mir immer egal, ob Trikots Steh- oder Rundkragen haben. Ich mochte eine gewisse Schlichtheit, aber die hatten ja fast alle Trikots. Da fällt mir noch eine lustige Anekdote zu dem weißen Trikot dieser ersten Profisaison ein: Das habe ich vor dem DFB-Pokalspiel gegen Arminia Bielefeld (St. Pauli gewann die Erstrundenpartie mit 4:3 n.E., d. Red.) von allen Mitspielern unterschreiben lassen. Ich dachte: So ein Spiel erlebe ich nie wieder.
 
Sie sollten sich irren. In der Saison 2005/06 besiegte der Regionaligist St. Pauli im DFB-Pokal hintereinander Wacker Burghausen, den VfL Bochum, Hertha BSC und Werder Bremen.
Das Trikot ist daher unvergessen (zeigt auf das Pokaltrikot, d. Red.), auch wenn uns das Material an manchen Tagen verrückt gemacht hat. Die Dinger sind ständig eingelaufen, so dass ich immer XXL trug, in der Hoffnung, dass es nach dem fünften Waschgang passt. Aber zum Thema: Diese Pokalspiele waren wahrlich dramatisch, das 4:3 nach Verlängerung gegen Hertha oder das 3:1 gegen Werder Bremen. Der Verein hat durch diese Spiele so viel Geld eingenommen, dass er sich mal eben sanieren konnte. Nach fünf Spielen hatte er plötzlich eine schwarze Zahl auf dem Konto.
 
Gegen Werder Bremen haben Sie im Viertelfinale das wichtige 2:1 gemacht. Erinnern Sie sich noch an die Entstehung des Treffers?
Das Tor werde ich nie vergessen. Schulle (Timo Schultz, d. Red.) trat eine Ecke, und der Ball drehte sich so scharf zum Tor, dass Andi Reinke nur noch mit den Fingerspitzen dran kam. Fabio (Morena, d. Red.) stand einschussbereit, doch die alte Holzkuh traf den Ball nicht richtig. Irgendwie kam sein Aufsetzer zu mir, Getümmel, Seitfallzieher – und plötzlich war der Ball drin.
 
Das Spiel hat später für einigen Diskussionsstoff gesorgt.
Die Werder-Verantwortlichen haben sich beschwert, dass das Spiel überhaupt angepfiffen wurde. Zugegeben: Die Bedingungen waren nicht gut, das Spiel fand auf schneebedecktem Boden statt, und Miroslav Klose verletzte sich. Aber das war nicht der Grund für unseren Sieg.
 
Sondern?
Wir waren einfach heiß. Dieses Spiel steht exemplarisch für den damaligen Mannschaftsgeist. Wir hatten ja in keiner dieser Pokalrunden die besseren Einzelspieler, doch als Team sind wir stets über uns hinaus gewachsen.
 
Gegen Bayern war dann im Halbfinale Schluss.
Obwohl wir auch hier gut mitgehalten haben, Bayern hat das Spiel ja erst in den letzten zehn Minuten entschieden. Ich erinnere noch, dass es bei diesem Spiel unfassbar laut im Stadion war. Schon als wir zum Warmmachen aufs Feld liefen, war das komplette Millerntor bis auf den letzten Platz besetzt. So war es in dieser Pokalserie häufiger. Was natürlich zwangsweise zu einem Kulturschock geführt hat, als wir wenige Tage später gegen Kickers Emden zu Gast hatten. Da bist du dann auf den Platz gelaufen und hast gedacht: Geisterspiel?
 
Sie haben mal gesagt, Sie seien abergläubisch. Haben Sie später das Trikot dieser Pokalserie unter ein anderes gezogen?
Ich bin ein bisschen abergläubisch, das stimmt. Doch wissen Sie was? Ein ausgeprägter Aberglaube im Fußball bedeutet vor allem eines: Stress. Man muss sich jede Woche daran erinnern, welchen Schuh man bei dem tollen Sieg vor acht Wochen zuerst zugemacht, welche Stutzen man bei der fantastischen Aufholjagd vor vier Wochen als erste hochgezogen hat. Dann kommst du irgendwann durcheinander, und dann geht gar nichts mehr.
 
Sie hatten also nie ein Glückstrikot oder ein Ritual?
Doch. Sogar in der Saison 2005/06. Denn die Pokalspiele fielen in eine Phase, wo wir auch in der Liga zwölf Spiele in Folge ungeschlagen blieben. Da spielten wir mit den braunen Congstar-Trikots. Und weil es in der Liga so gut lief, haben Ralph Gunesch und ich dieses Leibchen während der Pokalspiele immer drunter gezogen. Hat scheinbar geholfen. Da fällt mir noch eine andere Geschichte zum Thema Aberglaube ein.
 
Erzählen Sie.
Weil wir nach dieser legendären Pokalserie in den folgenden DFB-Pokal-Jahren stets so früh ausgeschieden sind, legte der Klub in der Spielzeit 2012/13 das Camouflage-Pokaltrikot von 2005/06 neu auf. Der Erfolg war überschaubar: Wir sind in der zweiten Runde mit 0:3 gegen den VfB Stuttgart rausgeflogen.
 
Wie wichtig ist Ihnen das Trikot der Saison 2006/07?
Das ist ein weiterer Mosaikstein gewesen: der Aufstieg in die Zweite Liga. Das war immens wichtig für den Klub, denn nach der Pokalserie, die den Verein auf einen Schlag entschuldet hat, hatte er nun endlich wieder regelmäßig hohe Einnahmen. Das Stadion war immer ausverkauft, die Stimmung bombastisch.
 
Was hat St. Pauli in dieser Saison so stark gemacht?
Wir hatten uns gut verstärkt, ein paar gestandene Profis wie Florian Bruns, Jens Scharping oder Daniel Stendel geholt. Allerdings gelang uns anfangs recht wenig. Nach der Hinrunde standen wir nur auf Platz 12. Andreas Bergmann musste gehen, Holger Stanislawski kam. Und plötzlich lief es. Wir haben uns in einen Rausch gespielt. Zuhause haben wir bis zum sicheren Aufstieg jedes Spiel zu Null gewonnen, es wehte wieder dieser Pokal-Geist durch das Millerntor. Wir haben gemerkt, was man für eine Power entwickeln kann, wenn alle an einem Strang ziehen.
 
Gab es ein Schlüsselspiel?
Vielleicht die Auswärtspartie gegen die zweite Mannschaft von Werder Bremen: Ein Flutlichtspiel unter der Woche, 10000 Zuschauer im Weserstadion, davon 8500 St. Pauli-Fans. Das Spiel gucke ich mir manchmal bei Youtube an, da bekomme ich immer wieder eine Gänsehaut. Nach dem Spiel waren wir zum ersten Mal Spitzenreiter. Jeder wusste: Wir können es packen!
Drei Jahre später: Neues Trikot, neuer Aufstieg.
Da fällt mir sofort das erste Saisonspiel gegen Rot Weiss Ahlen ein. Unser Paradebeispiel für Effektivität, Nils Pichinot, kam in der 77. Minute ins Spiel und schoss den 2:1-Siegtreffer in der 90. Minute (es war Pichinots erstes und letztes Profispiel für den FC St. Pauli, d. Red.). Danach kam die Maschine wieder ins Rollen. In der Saison gab es etliche überragende Spiele, zum Beispiel in Aachen, wo wir bei der Stadioneinweihung des neuen Tivolis mit 5:0 gewonnen haben. Oder das 4:0 in Karlsruhe, das 5:1 und das 6:1 gegen Koblenz, die beiden 2:0-Siege gegen Rostock.
 
Dramatisch wurde es am Ende doch noch, als es gegen Verfolger Augsburg ging.
Mit Augsburg war das in jenen Wochen so eine Sache. Die waren uns immer dicht auf den Fersen, und ich weiß noch, wie ich jedes Wochenende vor den Internet-Livetickern klebte, um zu sehen, wie Augsburg gespielt hat – sehr zum Leidwesen meiner Frau. (lacht)
 
Am 30. Spieltag hätte Augsburg mit einem Punkt herankommen können.
Es war ein klassisches Sechs-Punkte-Spiel. Doch Marius Ebbers hat grandios gespielt und zwei Tore geschossen. Am Ende haben wir 3:0 gewonnen.
 
Wie haben Sie den Aufstieg gefeiert?
Drei Wochen später in Fürth. Das halbe Stadion war voll mit St. Pauli-Fans, inklusive Platzsturm und einer riesigen Party. Im braunen Dacia-Auswärtstrikot mit Brustring. Unvergesslich.
 
Was hat es eigentlich mit dem Dacia-Trikot auf sich, auf dem das alte Wappen prangt?
Mit dem haben wir ein einziges Freundschaftsspiel bestritten: 2010, zur 100-Jahr-Feier, gegen Celtic Glasgow. Das Trikot ist dem ersten St. Pauli-Jersey nachempfunden, altes Wappen, Knüpfkragen und Wollstoff. Daher ist Trikot eigentlich auch das falsche Wort, denn es gleicht eher einem Pullover, der irgendwann so schwer wurde, dass man sich nur noch über den Rasen schleppen konnte.
 
Kommen wir zur Bundesligasaison 2010/11 und zu den Derbys.
Gerne.
 
Beim 1:1-Hinspiel gegen den HSV lief der FC St. Pauli mit einem Trikot auf, das die Spieler danach nie wieder getragen haben. Auch Aberglaube?
Nein, das war eine Sonderedition, quasi das dritte Trikot der Saison. Einmal pro Saison erlaubt die DFL das Tragen eines solchen Spezialtrikots.
 
Was hat es so besonders gemacht?
Wenn man näher rangeht, erkennt man eine detailverliebte Collage aus wichtigen Ereignissen und prägenden Personen der Klub- und Stadtteilgeschichte. Ganz abgesehen vom Ausgang des Spiels ist das mein absolutes Lieblingstrikot. Es ist wirklich schön.
 
Sie haben in dem Spiel das 1:0 geschossen. Das beste Erlebnis Ihrer Karriere?
Ich habe nie zuvor und nie mehr danach gespürt, dass ein Stadion so stark beben kann. Es war der helle Wahnsinn.
 
Beschreiben Sie mal das Tor.
Ich trabe von der Mittellinie zum gegnerischen Tor. (überlegt) Falsch: Ich gehe mehr, als dass ich trabe. Deniz Naki, Carsten Rothenbach und Gerald Asamoah spielen sich über die rechte Seite durch, schließlich passt Asa den Ball in die Mitte, direkt an die Strafraumgrenze. So wie es meine Art ist, nehme ich den Ball total beschissen an (lacht), und er springt ein paar Meter weg. Prompt stürmen drei HSVer auf mich zu, und in der Not ziehe ich einfach ab. Der Ball schlägt unten links im Eck ein.

Im Rückspiel gewann St. Pauli sogar mit 1:0. Es war der erste Derbysieg seit 1977. Hat das Trikot dieses Spiels einen Ehrenplatz in Ihrem Wohnzimmer?
Bislang noch nicht, aber ich werde nach meinem nächsten Umzug vermutlich alle Trikots in Bilderrahmen hängen. Dann bekommt es einen Sonderplatz. Die Derby-Trikots habe ich übrigens noch nie gewaschen.
 
Was hat Ihre Frau gesagt?
Keine Sorge, sie riechen nicht mehr, ich habe sie ja sofort nach Spiel zum Lüften gehängt. An der Seite sieht man auch noch Original-Kreidespuren vom Volkspark-Rasen.
 
Außerdem ist es an den Ärmeln eingerissen.
Die Trikots waren in dieser Saison verdammt eng. Und weil ich die Ärmel gerne über die Ellenbogen gezogen habe, schnitt ich sie von unten nach oben immer ein bisschen ein.
 
Hat der HSV in diesen Partien eigentlich überheblich gespielt, oder war St. Pauli einfach außergewöhnlich gut?
Vermutlich haben bei uns mehr Leute gespielt, für die diese Spiele etwas Besonderes waren. Die Aussagen einiger HSV-Spieler nach der Niederlage bestätigen das jedenfalls. Da herrschte eine gewisse Egal-Haltung vor. Tatsächlich hätten wir dieses Rückspiel allerdings nie gewinnen dürfen, der HSV war ja haushoch überlegen und hatte etliche hochkarätige Chancen. Manchmal braucht man eben ein bisschen Glück. Doch wen interessiert das noch? Alle, die damals dabei waren, haben sich bei den Fans unsterblich gemacht. Nach 34 Jahren den schlafenden Riesen aus der Vorstadt zu schlagen – mehr geht nicht.
 
Was war in den Wochen danach auf dem Kiez los?
Wir glitten auf einer Welle der Euphorie durch den Stadtteil. Ich erinnere mich noch, wie ich einen Tag nach dem Sieg beim Bäcker meine Brötchen holen wollte. Plötzlich haben sich alle Leute umgedreht und lautstark applaudiert. Da ist mir bewusst geworden, welche Tragweite dieses Spiel hatte.
 
Trotz der Derbyerfolge ist St. Pauli am Ende abgestiegen. Hätten Sie den Sieg gegen den HSV gegen den Klassenerhalt eingetauscht?
Vermutlich ja. Doch manchmal denke ich auch: Wer würde sich heute noch an das Datum des Klassenerhalts erinnern? Das Datum des Derbysieges kennt jeder hier: 16. Februar 2011. Das ist halt das Schöne beim FC St. Pauli: Du spielst bei einem Verein, der sich nicht vornehmlich über sportliche Erfolge definiert.
 
Haben Sie in der Bundesligasaison eigentlich oft Trikots getauscht?
Die beiden Derby-Trikots hätte ich nie hergegeben. Und auch sonst bin ich nicht der Typ, der nach dem Spiel Trikots tauscht. Ich finde, das hat was Groupiehaftes. Nur zweimal habe ich Gegenspieler nach ihren Trikots gefragt, allerdings nicht für mich. Nach dem Pokalspiel gegen den FC Bayern besorgte ich für meinen Bruder, der großer Bayern-Fan ist, ein Podolski-Trikot. Ein anderes Mal habe ich beim Heimspiel gegen Schalke das Trikot von Raúl ergattert.
 
Bei dem Becherwurf-Spiel?
Richtig. Meine Frau ist großer Schalke-Fan und hatte ein paar Tage nach dem Spiel Geburtstag. Ich dachte, ein Matchworn-Trikot von Raúl wäre doch ein ganz schönes Geschenk. Ich fragte ihn also schon vor der Partei, doch er schien mich nicht recht zu verstehen. Ich wollte ihn nach dem Spiel noch einmal darum bitten, doch dann kam es zum Becherwurf. Die Folgen: ein großes Durcheinander und der Spielabbruch. Ich ging Richtung Kabine, und hatte eigentlich gar nicht mehr an das Trikot gedacht, als plötzlich Raúls Dolmetscher vor mir stand und sagte: »Sie wollten das Trikot von Raúl? Hier, bitteschön!«
 
In der Saison gab es noch ein anderes legendäres Spiel: Das 1:8 gegen den FC Bayern.
Manchmal ist es gut, wenn man verletzt ist. (lacht) Ich saß bei dem Spiel nur auf der Tribüne und dachte die ganze Zeit: Schön, dass so etwas zum letzten Heimspiel von Stani (Trainer Holger Stanislawski, d. Red.) passiert. Der hatte ja bereits bekannt gegeben, dass er nach 18 Jahren auf St. Pauli zur TSG Hoffenheim wechseln würde. Naja,  1:1 kann ja jeder. (lacht)
 
An welchem Trikot hängen außerdem besonders gute Erinnerungen?
An dem aus der Saison 2011/12. Ich habe in diesem Jahr wirklich gut gespielt und noch einmal einen richtigen Schub bekommen. Dadurch, das Stani nicht mehr da war, fiel mir noch mehr Verantwortung zu. Ich musste den Verein nach außen häufiger präsentieren und das Team als Kapitän aufs Feld führen. Außerdem habe ich in der Saison sechs Tore gemacht. Gleich im ersten Spiel – es musste aufgrund des Becherwurfs gegen Schalke an der Lübecker Lohmühle ausgetragen werden – habe ich einen Doppelpack erzielt.
 
Den Aufstieg haben Sie dennoch knapp verpasst.
Trotz 64 Punkten, die in den Jahren zuvor immer zum Aufstieg gereicht hätten.
 
Zwischenzeitlich stand St. Pauli wieder vor einem Aufstieg. Sie hatten bereits im Februar bekannt gegeben, Ihre Karriere im Sommer zu beenden. Haben Sie nie überlegt, eventuell doch noch ein Jahr dranzuhängen?
Auf gar keinen Fall. Seit Beginn meiner Karriere wusste ich, dass ich im Fall der Fälle in meinen Job als Polizist zurückkehren kann. Ich war auch nie nervös, wenn sich Vertragsgespräche mal länger hingezogen haben oder wenn ein neuer Trainer kam, der mir meine Halbtagsstelle als Polizist hätte verbieten können. Ich dachte immer: Wenn der FC St. Pauli mich nicht mehr will, dann ist das schade, aber ich habe ja noch meinen Job.
 
Fabian Boll, Sie sind einer der wenigen noch aktiven Fußballer, die während Ihrer Profikarriere nie das Trikot eines anderen Vereins getragen haben. Hat es denn keine Angebote gegeben?
Es gab gelegentlich lose Anfragen von anderen Zweitligisten. Einmal wurde es etwas konkreter, als Bristol City Interesse zeigte. Die spielten damals in der zweiten englischen Liga. Das erschien mir durchaus attraktiv. Doch dann habe ich kurz drüber nachgedacht und schließlich gemerkt: Hamburg, St. Pauli, mein Klub, meine Jungs, mein Viertel – was soll ich denn in England? Ich bleibe hier.

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