Ex-Schiedsrichter Bernd Heynemann über Druck

»Ich pfiff unabhängig von Zeit und Raum«

Bierbecherhagel und wüste Beschimpfungen von agressiven Trainern. Ein Unparteiischer muss viel erleiden. Wir sprachen mit dem ehemaligen Schiedsrichter Bernd Heynemann über Regenschirme nach dem Spiel. Ex-Schiedsrichter Bernd Heynemann über Druck

Bernd Heynemann, Fußballspieler schwören sich in der Kabine ein, manche beten oder bilden einen Kreis. Gab es bei Ihnen auch Rituale vor dem Spiel?

Am Mittag vor dem Spiel habe ich immer Steak und Nudeln gegessen. Das war ungewöhnlich und nicht bei allen Kollegen beliebt. Die meisten haben spät gefrühstückt und vor dem Spiel gar nichts mehr gegessen. Ich habe das einmal gemacht und hatte sofort einen Hungerast.

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Und der schmälert die Konzentration.

Genau. Zum Essen gab es auch immer ein Bier. Das regte nicht nur die Verdauung an, sondern machte auch müde. Ich habe mich nach dem Essen immer für anderthalb Stunden hingelegt. Und direkt vor dem Spiel habe ich in der Kabine autogenes Training gemacht.

Autogenes Training?

Man horcht in seinen Körper, konzentriert sich auf einzelne Partien, wie die Füße, den Magen oder den Kopf, und achtet auf die Atmung. Das lernt man sogar bei nationalen und internationalen Schiedsrichterlehrgängen!

Und danach ging es raus auf den Platz. Die Zuschauer johlen, die Mannschaften sind angespannt. Wie haben Sie das erlebt?

Das wichtigste ist, dass das Stadion voll ist. Es gibt nichts Hässlicheres, als Lücken in der Kulisse. Am liebsten war mir immer ein volles Haus in Dortmund. Es ist einfacher vor 80.000 Zuschauern zu pfeifen, als vor 80.

Warum?

Bei 80 Zuschauern verstehst du jedes Wort. Man kriegt sofort mit, wenn jemand »Du Idiot!« ruft. Bei 80.000 hört man ein Rauschen. Es ist aber vor allem wichtig, sich auf die Spieler zu konzentrieren. In der ersten Minute musst du erkennen, wie eine Mannschaft psychisch drauf ist. Wie ist die Körpersprache? Wie läuft der Ball? Schreien sie sich untereinander an? So habe ich meine Spielleitung festgelegt.

Wie reagierten Sie auf unruhige Mannschaften?

Nervosität fällt im Zweikampfverhalten auf. Wenn die Spieler härter reingehen, muss der Schiedsrichter mehr pfeifen, um die Gemüter zu beruhigen. Ich habe die Spieler auch oft angesprochen, um so zu beruhigen. Viele Spieler bemängeln heute, dass das zu wenig passiert.



Wie sind Sie damit umgegangen, wenn Sie das ganze Stadion nach einer Entscheidung auspfiff?

Man muss emotionslos sein. Ich habe mir immer vorgestellt, dass nicht Dortmund gegen Bayern spielt, sondern gelb gegen rot. So bekam ich Distanz zu den Geschehnissen auf dem Platz. Ein Schiedsrichter sollte immer ganz genau pfeifen, unabhängig von Zeit und Raum.

Zeit und Raum?

Zugegeben, das hört sich etwas komisch an. Ich meine damit, dass es egal sein sollte, ob ich in der 70. Minute eine rote Karte gebe, oder wenige Sekunden nach dem Anpfiff. Manche Kollegen haben damit ein Problem. Es gibt auch Schiedsrichter, die ein Foul an der Mittellinie ahnden, das gleiche Vergehen im Strafraum aber nicht pfeifen. Sie haben Angst vor dem Elfmeterpfiff. Das geht nicht. Man muss unabhängig den Regeln Geltung verschaffen.

Sie waren also völlig gefühllos?

Nein, natürlich nicht. Ich habe immer gemerkt, wie das Publikum, die Mannschaften oder die Ersatzbank reagieren. Man muss aber versuchen, diese Dinge auszublenden. Wenn ich Vorträge halte, sage ich immer, dass eins und eins immer ungleich null ist. Das heißt, dass man nicht einen Fehler mit einem anderen ausgleichen kann. Wenn eine Mannschaft durch einen Fehler benachteiligt wird, ist das nicht durch eine andere Fehlentscheidung wieder gut machen.

Wenn es zum Fehler kommt, und Sie als Schiedsrichter das Spielfeld unter einem Bierbecherhagel verlassen mussten, bekamen Sie die pure Abneigung zu spüren. Haben Sie solche Erfahrungen mit nach Hause genommen?

Mir ist das noch natürlich nie passiert (lacht). Im Ernst, jeder Schiedsrichter reflektiert noch einmal das Spiel. Es gibt die Auswertung mit dem Schiedsrichterbeobachter. Zudem guckt man sich das Spiel abends im Fernsehen an und bekommt zusätzlich eine DVD mit nach Hause. Es gibt aber noch eine vierte und neue Reflektionsebene: das Handy.

Was meinen Sie damit?

Es gibt Kollegen, die kaum in der Kabine sind und sofort zu Hause anrufen, um zu wissen wie das Echo in den Medien aussah. Es geht gar nicht darum, ob es tatsächlich ein Fehler war, sondern wie darüber berichtet wurde. Diese neue Handygeneration ruft teilweise sogar in der Halbzeit an und fragt nach den Einschätzungen. Wenn ich so etwas als Beobachter mitbekam, hatte ich einen richtigen Hals.

Warum?

Die sollen sich aufs Spiel konzentrieren und nicht irgendwelche Anrufe tätigen!



Das würde ja bedeuten, dass die Medien direkten Einfluss auf das Spiel haben.

(wird laut) Ich bitte Sie, was interessiert mich in der Halbzeit, ob der Elfmeter aus der 10. Minute einer war, oder nicht! Das kann man doch nicht mehr ändern. Ich muss mich auf die zweite Halbzeit konzentrieren und nicht mehr mit dem Kram der ersten Hälfte befassen. Das geht nicht. (beruhigt sich wieder) Nach dem Spiel wird analysiert und nicht in der Halbzeit. Das ist ja wie beim Kanzler Schröder. Frei nach dem Motto: Doris, wie war ich?

Hat sich das Verhalten der jüngeren Schiedsrichter seit Ihrer Zeit verändert?

Ja. Ich habe es selbst in meiner Zeit als Beobachter erlebt, dass ich einem Schiedsrichter eine Situation erklärte und der mir sagte, dass es im Fernsehen aber anders dargestellt wurde. Es kann doch nicht sein, dass die Aussage der Medien den Sachverhalt bestimmen und nicht der Fachmann.

Nochmal: Haben die Medien konkreten Einfluss auf das Spielgeschehen?

Eine direkte Einflussnahme auf das Spielgeschehen sehe ich nicht. Der Schiedsrichter hört den Kommentator ja nicht. Es bleibt aber kein Fehler umkommentiert. Der Einfluss der Medien zeigt sich in der Berichterstattung nach den Spielen. Dann wird entschieden, ob eine Situation richtig oder falsch war.

Wie sind Sie persönlich mit eigenen Fehlentscheidungen umgegangen?

Ich habe mich darüber geärgert. Dann ist es wichtig zu prüfen, warum man daneben gelegen hat. Ein oder zwei Nächte musste ich darüber schlafen, um Abstand zu bekommen. Letztendlich muss man sich aber als Schiedrichter auch sagen: neues Spiel, neues Glück.

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