19.11.2010

Ex-Schiedsrichter Bernd Heynemann über Druck

»Ich pfiff unabhängig von Zeit und Raum«

Bierbecherhagel und wüste Beschimpfungen von agressiven Trainern. Ein Unparteiischer muss viel erleiden. Wir sprachen mit dem ehemaligen Schiedsrichter Bernd Heynemann über Regenschirme nach dem Spiel.

Interview: 11Freunde Bild: Imago
Bernd Heynemann, Fußballspieler schwören sich in der Kabine ein, manche beten oder bilden einen Kreis. Gab es bei Ihnen auch Rituale vor dem Spiel?

Am Mittag vor dem Spiel habe ich immer Steak und Nudeln gegessen. Das war ungewöhnlich und nicht bei allen Kollegen beliebt. Die meisten haben spät gefrühstückt und vor dem Spiel gar nichts mehr gegessen. Ich habe das einmal gemacht und hatte sofort einen Hungerast.



Und der schmälert die Konzentration.

Genau. Zum Essen gab es auch immer ein Bier. Das regte nicht nur die Verdauung an, sondern machte auch müde. Ich habe mich nach dem Essen immer für anderthalb Stunden hingelegt. Und direkt vor dem Spiel habe ich in der Kabine autogenes Training gemacht.

Autogenes Training?

Man horcht in seinen Körper, konzentriert sich auf einzelne Partien, wie die Füße, den Magen oder den Kopf, und achtet auf die Atmung. Das lernt man sogar bei nationalen und internationalen Schiedsrichterlehrgängen!

Und danach ging es raus auf den Platz. Die Zuschauer johlen, die Mannschaften sind angespannt. Wie haben Sie das erlebt?

Das wichtigste ist, dass das Stadion voll ist. Es gibt nichts Hässlicheres, als Lücken in der Kulisse. Am liebsten war mir immer ein volles Haus in Dortmund. Es ist einfacher vor 80.000 Zuschauern zu pfeifen, als vor 80.

Warum?

Bei 80 Zuschauern verstehst du jedes Wort. Man kriegt sofort mit, wenn jemand »Du Idiot!« ruft. Bei 80.000 hört man ein Rauschen. Es ist aber vor allem wichtig, sich auf die Spieler zu konzentrieren. In der ersten Minute musst du erkennen, wie eine Mannschaft psychisch drauf ist. Wie ist die Körpersprache? Wie läuft der Ball? Schreien sie sich untereinander an? So habe ich meine Spielleitung festgelegt.

Wie reagierten Sie auf unruhige Mannschaften?

Nervosität fällt im Zweikampfverhalten auf. Wenn die Spieler härter reingehen, muss der Schiedsrichter mehr pfeifen, um die Gemüter zu beruhigen. Ich habe die Spieler auch oft angesprochen, um so zu beruhigen. Viele Spieler bemängeln heute, dass das zu wenig passiert.

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