Ex-Hannover-Profi Hakan Bicici über den Europacup '92

»Votava wollte mir die Beine brechen«

Erstmals seit 1992 spielt Hannover 96 wieder im Europapokal. Ganz Niedersachsen hoffte damals auf einen internationalen Gegner für den Zweitligisten, doch es kam alles anders. Ex-96-Spielmacher Hakan Bicici über teure Uhren und harte Worte von Mirko Votava. Ex-Hannover-Profi Hakan Bicici über den Europacup '92

Groß geworden in Hannovers Fußballjugend, schaffte Hakan Bicici 1989 erstmals den Sprung in die erste Mannschaft. Mit den 96ern spielte der gebürtige Türke in der 2. Bundesliga, zwischenzeitlich war er auch für Eintracht Braunschweig, TuS Celle, sowie in der Türkei für Antalyaspor, Gençlerbirliği und Denizlispor aktiv. Heute spielte er in der Traditonsmannschaft von Hannover 96.


Hakan Bicici, Sie standen zwischen 1989 und 1998 dreimal bei Hannover 96 unter Vertrag, in der Aufstellung für das DFB-Pokalfinale 1992 fehlen Sie allerdings. Warum?


Hakan Bicici: Da müssen Sie Michael Lorkowski fragen. Der hat 96 damals trainiert, kam aber offenbar mit meiner Spielweise nicht zurecht und sortierte mich im Sommer 1991 aus. Während sich mein Herzensverein Hannover bis ins Pokalfinale vorkämpfte und dort als Zweitligist sensationell gegen Borussia Mönchengladbach gewann (4:3 nach Elfmeterschießen, d. Red.) spielte ich für TuS Celle in der Oberliga Nord.

[ad]

Fühlten Sie sich um den größten Erfolg Ihrer Karriere betrogen?

Hakan Bicici: Es war auf alle Fälle eine blöde Situation. Als wesentlich schmerzhafter empfand ich es, nicht mehr für Hannover 96 spielen zu dürfen. Als die Fernsehkameras meinen Freund Lorkowski zeigten, wie er den DFB-Pokal in die Höhe stemmte, war ich mir eigentlich sicher: Der wird den Verein in nächsten Jahren unter keinen Umständen verlassen, der ist da jetzt der große Held!

Stattdessen wechselte Lorkowski vor der Saison 1992/93 zum FC St. Pauli...

Hakan Bicici: ...und der neue Trainer Eberhard Vogel holte mich zurück nach Hannover. Mir fiel ein Stein vom Herzen.

Als amtierender deutscher Pokalsieger war der Zweitligist aus Hannover automatisch für den Europapokal der Pokalsieger qualifiziert. Wie sehr hat das Thema Europapokal die Kabinengespräche beherrscht?

Hakan Bicici: Es dauerte eine Weile, ehe wir das Thema Europapokal auf dem Schirm hatten. In der Vorbereitung ließen sich die Jungs natürlich noch für ihren Sensationserfolg gegen Mönchengladbach feiern und als die Saison begann, mussten wir uns auf die Punktspiele konzentrieren. Als dann der Tag der Auslosung näher rückte, wurden wir allerdings immer nervöser...

Wie oft haben Sie in dieser Zeit die Europakarte nach möglichen Gegnern abgegrast?

Hakan Bicici: Kann ich Ihnen gar nicht mehr genau sagen. Was ich weiß: Kurz vor der Auslosung bekamen wir vom Verein eine Komplettausstattung für den Europapokal überreicht. Hose, schickes Jackett, weißes Hemd, schwarze Schuhe – wir sahen großartig aus! In meinem Kopf spielte sich schon das Szenario ab: Wie die stolze Zweitliga-Truppe von Hannover 96 in todschicken Klamotten lässig am Flughafen eincheckt, um nach Spanien, England oder Italien zu fliegen...

Und dann kam alles anders.

Hakan Bicici: Ich glaube, ich saß zu Hause und verfolgte die Auslosung vor dem Fernseher. Hannover 96 gegen... Werder Bremen.

Hannover und Bremen trennen 130 Kilometer. Fahrtzeit: Eineinhalb Stunden...

Hakan Bicici: Da saßen wir nun mit unseren tollen Europapokalanzügen, setzten uns in den Mannschaftsbus und fuhren nach Bremen. Nix mit Spanien oder Italien. Es fühlte sich an wie ein schlechter Scherz.

Soll ich Ihnen mal vorlesen, welche Gegner Sie durch das Los damals verpassten?

Hakan Bicici: Bitte nicht...

AS Monaco...

Hakan Bicici: (...)

Atletico Madrid...

Hakan Bicici: (...)

FC Liverpool...

Hakan Bicici: Aufhören!

Stattdessen mussten Sie am 15. September 1992 im Bremer Weserstadion antreten.

Hakan Bicici: Immerhin gegen den amtierenden Sieger dieses Wettbewerbs (Werder hatte 1992 den Europapokal der Pokalsieger im Endspiel gegen den AS Monaco gewonnen. d. Red.). Das war für uns Zweitligakicker natürlich trotzdem eine große Ehre.



Sie verloren mit 1:3 durch Tore von Wynton Rufer und Rune Bratseth. Das zwischenzeitliche 1:1 schoss Roman Wojcicki. Für das Europapokal-Feeling dürfte immerhin der Schiedsrichter gesorgt haben. David Elleray aus England.

Hakan Bicici: Ach, der hat uns doch sogar noch verpfiffen.

Was meinen Sie?

Hakan Bicici: Der hat dem Michael Schjönberg nach 63 Minuten die Gelb-Rote Karte gezeigt, nur weil Michael sich weigerte einen Freistoß auszuführen. Milos Djelmas lag schließlich noch verletzt am Boden. Der Schiri hat Michael trotzdem runtergeschmissen. Wir lagen da zwar schon 1:3 zurück, aber der Platzverweis verhinderte einen möglichen Anschlusstreffer.

Das Rückspiel in Hannover gewannen Sie zwei Wochen später mit 2:1.

Hakan Bicici: Ich weiß auch noch, wer die Tore für uns geschossen hat: Der gute Reinhold Daschner. Wir hatten zwei gute Spiele abgeliefert und waren trotzdem ausgeschieden. Sehr ärgerlich.

Hatten Sie denn trotzdem Ihren Spaß?

Hakan Bicici: Oh ja. Besonders die Duelle gegen Bremens Mirko Votava haben richtig Spaß gemacht. Ich hatte ihn ganz gut im Griff, er fing an mich zu beschimpfen und drohte mir, die Beine zu brechen.

Was haben Sie ihm geantwortet?

Hakan Bicici: Dass ich gleich meine Jungs hole und er hier nicht lebendig raus kommt... (lacht) Kleiner Spaß, ich habe gar nichts gesagt. Ich wollte unbedingt eine Bude machen und es ihm auf diesem Wege heimzahlen. Das hat leider nicht geklappt.

Haben Sie trotzdem nach dem Spiel die Trikots getauscht?

Hakan Bicici: Durften wir leider nicht. Damals hatte Hannover wenig Geld, Ersatztrikots waren rar. Also hatten wir die strikte Order: Kein Trikottausch mit den Bremern!

Gab es denn wenigstens eine Anstecknadel oder eine Medaille zur Erinnerung?

Hakan Bicici: Im Falle eines Sieges hätten wir 20.000 Mark pro Nase Prämie bekommen, so gab es immerhin eine Uhr von Maurice Lacroix im Wert von 1000 Mark. Und auf der Rückseite stand eingraviert: »Hannover 96 - Werder Bremen, 30.9.1992«. Die habe ich heute noch.

Heute spielt Hannover 96 gegen Standard Lüttich in der Europa League, das erste Mal nach 1992 ist der Verein wieder im Europapokal vertreten. Interessiert Sie das noch?

Hakan Bicici: Was glauben Sie denn? Natürlich! Hannover 96 ist mein Lieblingsverein, ich spiele auch noch in der Traditionsmannschaft mit. Wir haben hier alle die sensationellen Spiele in der Euro-League-Quali gegen Sevilla abgefeiert und dass die Mannschaft jetzt in der Gruppenphase spielt, ist einfach überragend!

Wer gefällt Ihnen aus der aktuellen Mannschaft am besten?

Hakan Bicici: Altin Lala.

Altin Lala?

Hakan Bicici: Ja. Ein Supertechniker. Wenn der Lust hat, spielt er drei, vier, fünf Gegenspieler aus... ein echter Künstler!

Sie nehmen uns doch auf die Schippe?

Hakan Bicici: Ja. (lacht) Mit Altin habe ich noch zusammengespielt, der musste sein. Im Ernst: Als offensiver Mitteldspieler gefallen mir natürlich Didier Ya Konan oder Mohammed Abdellaoue, denen hätte ich gerne früher ein paar Steilpässe auf die Reise geschickt.

Welche Chancen hat Hannover 96 in der Europa League?

Hakan Bicici: Kaum war die Gruppe ausgelost, hieß es ja schon wieder: Jetzt muss Hannover auf jeden Fall in die nächste Runde kommen! Völliger Quatsch, 96 muss überhaupt nichts. Es ist schon großartig, dass wir in der Europa League spielen. Trotzdem, mein Tipp für das Spiel heute gegen Lüttich lautet: 3:1 für Hannover.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!