Ex-DFB-Sicherheitschef Helmut Spahn über Pyrotechnik

»Ich hätte die Gespräche fortgesetzt«

Helmut Spahn, langjähriger Sicherheitschef des DFB, sprach im vergangenen Jahr mit Vertretern der Initiative »Pyrotechnik legalisieren« über Pilotprojekte. Im Interview erklärt er, wie es dazu kam, und was bei der Kommunikation falsch gelaufen ist. Spahn bleibt dabei, dass man Pyrotechnik mit »herkömmlichen Methoden« nicht in den Griff bekommt.

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Helmut Spahn, Sie haben sich mit Vertretern der Initiative »Pyrotechnik legalisieren« an einen Tisch gesetzt. Wie kam es dazu?
Spahn: Das war keine fixe Idee von mir persönlich. Ich habe ja nicht zu Hause auf dem Sofa gelegen und angefangen zu träumen, wie schön Pyrotechnik ist. Ganz im Gegenteil: Ich bin der Meinung, dass Pyrotechnik, so wie sie derzeit angewendet wird, im Stadion nichts verloren hat. Punkt. Aus. Allerdings haben wir uns jedes Jahr mit den Sicherheitsbeauftragten der Vereine zusammengesetzt und dabei festgestellt: Die Vorfälle häufen sich von Jahr zu Jahr und die Vereine müssen immer wieder Strafen bezahlen. Mit den herkömmlichen Methoden bekommen wir das Problem nicht in den Griff, war die einhellige Auffassung.

Momentan gehen viele Vereine dazu über, bessere Videotechnik einzusetzen.
Spahn: Es wurden bereits viele Dinge ausprobiert. Mehr Ordnungsdienst, bessere Kameras, vor manchen Auswärtsblocks wurden Zelte aufgebaut, in denen sich Fans ausziehen mussten. Doch wir müssen auch mal der Realität ins Auge blicken: Wir haben die modernsten Stadien der Welt, das modernste Stadionmanagement – und trotzdem immer wieder Pyrotechnik im Stadion. Das haben wir in den unterschiedlichsten Arbeitsgruppen thematisiert und in der Analyse gemerkt, dass wir nach neuen Möglichkeiten Ausschau halten müssen. Just zu diesem Zeitpunkt kamen Vertreter der Initiative auf uns zu und haben uns ein Konzept übergeben. Darin gab es erstmals eine seriöse Auseinandersetzung mit dem Thema Pyrotechnik.

Sie wurden dafür kritisiert, dass Sie die folgenden Gespräche als »ergebnisoffen« bezeichnet haben.
Spahn: Dazu stehe ich. Ich kann doch keine Gespräche führen, aber vorher sagen, dass schon klar ist, wie es ausgeht. Man muss auch zwei Dinge beachten: Am Ende unserer Gespräche hätte genau das gleiche Ergebnis stehen können, wie es jetzt der Fall ist: Eine klare Absage an jegliche Form von Pyrotechnik. Zweitens war allen Beteiligten klar, dass unsere Ergebnisse von den Gremien genehmigt werden müssen. Das DFB-Präsidium hätte so oder so unabhängig von unserer Empfehlung entscheiden können.

Es gab ein Treffen im Mai, eins im Juli. Dann wurde der Dialog abgebrochen. Warum?
Spahn: Ich war zu dieser Zeit nicht mehr beim DFB tätig und habe die Entscheidung, dass die Gespräche abgebrochen werden, nur aus der Ferne mitbekommen. Der Verband hat sich so entschieden, das ist sein gutes Recht. Allerdings wurden die Gespräche abgebrochen, ohne dass man sich mit den Fangruppierungen noch einmal zusammengesetzt und die Entscheidung erklärt hat. Das führte natürlich zu Irritationen und Enttäuschungen.

Für Außenstehende wirkt es so, als hätten Ihre Gespräche mit den Fans nach Ihrem Weggang ihre Gültigkeit verloren. Waren die Gespräche ein Alleingang von Ihnen?
Spahn: Klares Nein. Schon die erste Übergabe des Konzeptes geschah auf der öffentlichen Veranstaltung »Feindbilder im Abseits« in Frankfurt. Dort waren sämtliche Verbandsvertreter anwesend. Auch bei den Gesprächen saßen weitere Vertreter von DFB und DFL mit am Tisch. Zudem gibt es von jeder Sitzung Protokolle, die in die Gremien gereicht wurden. Wenn sich heute ein Verbandsvertreter hinstellt und sagt, dass er davon nichts gewusst hat, dann ist das eher ein Kommunikationsproblem innerhalb der eigenen Organisation.

Sie haben die Gespräche vor Ihrem Weggang nach Katar begonnen. Hätten Sie das auch getan, wenn Sie beim DFB geblieben wären?
Spahn: Natürlich. Wir haben uns mit dem Konzept der Initiative beschäftigt, als noch gar nicht klar war, dass ich nach Katar gehe.



Können Sie noch einmal kurz umschreiben, wie die Gespräche mit der Pyro-Initiative abgelaufen sind?
Spahn: Da muss man zunächst erst einmal eins festhalten: Es ging bei unseren Gesprächen nie um eine Legalisierung von Pyrotechnik, sondern um mögliche Pilotprojekte. Letztendlich prüften wir Möglichkeiten, die das kontrollierte Abbrennen von Pyrotechnik zulassen könnten – bei bestimmten Anlässen, vor oder nach dem Spiel, außerhalb der Tribünen, von geschultem Personal, genehmigt durch Behörden, Polizei, Verein und Verband. Ähnlich wie es bei Saisoneröffnungsfeiern schon stattgefunden hat. Und noch einmal: Ziel war, die Sicherheit aller Zuschauer noch besser zu gewährleisten, indem wir die unkontrollierte Pyrotechnik aus dem Stadion verbannen. Die Gespräche wurden in einer solch angenehmen und sachlichen Atmosphäre geführt, wie ich es in meinen positivsten Vorstellungen nicht erwartet hätte. Vor allem hat mich überrascht, dass die Fans auch Grenzen und Zwänge des Verbandes ohne Vorbehalte anerkannt haben.

Sie einigten sich auf ein Moratorium, in den ersten Wochen der vergangenen Saison sollte keine Pyrotechnik gezündet werden.
Spahn: Moratorium ist das falsche Wort. Wir saßen mit Vertretern aus unterschiedlichen Gruppen, Regionen und Vereinen am Tisch. Für mich war also nicht abzusehen, wie groß der Einfluss der Initiative war. Also vereinbarten wir, vier bis fünf Wochen lang die Sicherheitsreports der Vereine zu studieren und uns danach noch einmal zusammenzusetzen. Dieser Termin war aber keine Deadline für die Freigabe von Pyrotechnik. Einige Fans haben es aber leider so verstanden und fragten bei den Vereinen: »So, wann fangen wir an?« Da schrillten bei den Vereinsvertretern die Alarmglocken, sie riefen beim Verband an und fragten: »Was macht ihr denn da?« Ich muss mir diesen Fehler ankreiden: Wir hätten öffentliche kommunizieren müssen, dass es sich nicht um eine Deadline zur Freigabe handelte.

Sie haben aber bereits gesagt, dass alle beim Verband über den Stand der Gespräche eingeweiht waren. Wäre es dann nicht Aufgabe der DFL gewesen, die Vereine zu informieren?
Spahn: Das lasse ich unkommentiert. Fakt ist, dass es eine Misskommunikation von uns, von mir und den Fans gegeben hat. Wir hätten unsere Gespräche medial besser begleiten sollen und nach außen transparenter machen müssen. Auf diese Weise hätten wir auch so manchen Funktionär besser mitgenommen. So aber war es wie bei »Stille Post« und manche Fans dachten, dass Pyrotechnik legalisiert werden würde. Aber das konnte ja gar nicht stimmen. Der kontrollierte Einsatz von Pyrotechnik muss in Einzelfällen geprüft werden, am Ende sind die Vereine in der Verantwortung. Die Eigendynamik der Debatte führte aber dazu, dass der eine oder andere im Verband dachte: »Mein Gott, wie können wir das stoppen?«

Noch einmal zu den vier Wochen zu Beginn der vergangenen Saison. Gab es dabei Vorfälle?
Spahn: Ja, die gab es, in geringem Maße. Mir war klar, dass die Initiative nicht jeden Zuschauer der ersten Ligen kontrollieren kann. Deswegen waren die einzelnen Vorfälle für mich keine Überraschung. Wichtiger war mir, dass die Zahl der Vorfälle im genannten Zeitraum sehr stark zurückgegangen war.

Sie hätten also die Gespräche fortgeführt?
Spahn: Ich war Angestellter des Verbandes. Wenn der Präsident eine Entscheidung trifft, dann richte ich mich danach. Wenn mir allerdings nicht explizit untersagt worden wäre, die Gespräche fortzuführen, dann hätte ich es getan. Zumindest hätte ich noch einmal versucht, die Entscheidung zu erläutern. Ich kann die Entscheidung des DFB und der DFL letztendlich nachvollziehen, allerdings wuerde ich den Prozess dahin kritisch hinterfragen.

Das Gespräch mit Helmut Spahn wurde im Rahmen der Reportage »Der tiefe Graben zwischen Fans und Verbänden« für die 11FREUNDE-Ausgabe #132 geführt, die ab Donnerstag im Handel erhältlich ist. Lest hier im ersten Teil auf www.11freunde.de: Helmut Spahn über die Gewaltdebatte. Außerdem: Interviews mit Fanvertretern und Unions Präsident Dirk Zingler.

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