23.10.2012

Ex-DFB-Sicherheitschef Helmut Spahn über Gewalt im Fußball

»Da reden Personen, die keine Ahnung haben«

Helmut Spahn war fünf Jahre lang Sicherheitsbeauftragter des DFB, heute arbeitet er beim ICSS in Katar. Im Interview spricht er über die Lage in deutschen Stadien. Eine Zunahme der Gewalt sieht er nicht, vielmehr warnt Spahn vor der Einmischung der Politik und weiteren Repressionen gegen Fans.

Interview: Ron Ulrich Bild: Imago

Helmut Spahn, momentan kursiert eine Debatte über die zunehmende Gewalt im deutschen Fußball. Was halten Sie davon?
Dazu muss man sich die Daten und Fakten anschauen und Emotionen außen vor lassen. Wenn man das tut, kommt man zu einem eindeutigen Ergebnis: Es gibt eine Vielzahl von Vorfällen, die verhindert werden sollten. Aber die Situation ist bei weitem nicht so dramatisch, wie sie wahrgenommen wird. Man muss es mal so deutlich sagen: Es unterhalten sich teilweise Personen über Themen wie Pyrotechnik, Gewalt, Stadionverbote oder Sicherheitsrichtlinien, die von der Materie nullkommanull Ahnung haben. Das Problem ist, dass die Medienmaschine so immer wieder mit dem Thema angeheizt wird und damit eine gewisse Stimmung erzeugt wird.

Woran liegt das?
Wir erleben eine unglaubliche mediale Aufmerksamkeit für den Fußball. Dadurch wird das »Produkt«, ich benutze mal den Begriff der DFL, in extremster Weise promotet. Es gibt Unmengen von Fernsehsendungen und Zeitungen, die mit Fußball gefüllt werden. Die Kehrseite ist, dass über die negativen Seiten des »Produkts« genauso expansiv berichtet wird. In der Saison 2010/11 gab es 846 Verletzte in Erster und Zweiter Bundesliga, im Übrigen bei weitem nicht alle verursacht aufgrund gewalttätiger Auseinandersetzungen. Jeder Verletzte ist einer zu viel, aber diese Anzahl weist das Oktoberfest an einem einzigen Tag auf. Doch im Fußball wird gleich von bürgerkriegsähnlichen Zuständen gesprochen. Und man hat in der Berichterstattung den Eindruck, als wenn durch den Fußball unsere Republik aus den Angeln gehoben wird.

Was dazu führt, dass immer härtere Strafen gefordert werden.
Mein Vater ist 82, wenn der die Zeitung aufschlägt und von »Chaoten und Irren beim Fussball« liest, dann sagt er auch: »Die muss man wegsperren. Es müssen härtere Strafen her.« Nur hat er sich mit der Materie noch nicht eingehend beschäftigt. Durch die aufgebauschte Stimmung kommt es dazu, dass man das Problem nicht mehr seriös lokalisieren kann. Wenn ich einen Schnupfen habe und der Arzt amputiert mir daraufhin den rechten Unterschenkel, dann bringt das auch nichts.

Bei der diesjährigen Sicherheitskonferenz stellten die Verbände als mögliche Maßnahme eine Verlängerung der Stadionverbotslaufzeiten auf bis zu zehn Jahre vor. Ist das auch ein Behandlungsfehler?
Diese Maßnahme richtet sich gegen eine kleine Gruppe von Personen, die immer wieder auffällig werden. Wenn ich bei denen sehe, dass sie teilweise fünfmal durch gewalttätige Aktionen aufgefallen sind, dann muss ich konstatieren: Da greift der erzieherische Effekt nicht mehr, da sollte es in diesen Ausnahmefällen zu einem längeren Ausschluss kommen. Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass man mit mehr Polizei, mehr Restriktionen, mehr Überwachung das Problem nicht löst. Momentan müssen die Verbände aber in der Außendarstellung etwas transportieren, weil der politische Druck wächst, und greifen dabei auf altbekannte Instrumente wie die Verlängerung der Stadionverbotslaufzeiten zurück.

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