Ex-Bukarest-Profi Marcel Raducanu über seine Flucht

»Die Securitate hörte mit«

250 Spiele machte Marcel Raducanu für Schalkes heutigen Gegner Steaua Bukarest. Dann setzte er sich 1981 in der Halbzeit eines Spiels der rumänischen Nationalelf in den Westen ab. Hier erzählt er von abgehörten Telefonaten und den Tränen seiner Mutter. Ex-Bukarest-Profi Marcel Raducanu über seine Flucht

Marcel Raducanu, wie kamen Sie zum Fußball?

Schon mein Onkel war Nationalspieler. Er war es, der mich zum Fußball gebracht hat, als ich sieben war, und mir beibrachte, was es heißt, Berufsfußballer zu sein. Gut zehn Jahre später war ich in der ersten rumänischen Liga angelangt und machte nach kurzer Zeit mein erstes Länderspiel.

Eine rasante Entwicklung. Was war Ihr schönster Moment im rumänischen Nationaltrikot?

1980 schoss ich beim EM-Qualifikationsspiel gegen England in Bukarest das Tor zum 1:1. 110.000 Zuschauer feierten mich. Ein unglaubliches Glücksgefühl.

Welche Rolle spielte der Fußball im Rumänien der 70er und 80er Jahre?

Eine enorm große! Denn es gab nichts anderes. Unter Diktator Nicolae Ceaucescu hatte man so gut wie keine Möglichkeit, sich zu entfalten – außer eben im Sport.

Hat das Ihren Ehrgeiz zusätzlich geschürt?

Zunächst nicht. Als ich jung war, ging es mir reinweg ums Spielen. Erst später machte ich mir Gedanken, wie ich durch den Fußball den engen Strukturen entkommen könnte. In der Schule war ich keine Leuchte, auch weil der Sport eine immer größere Bedeutung in meinem Leben bekam. Deshalb wurde ich oft von meinem Vater verprügelt – er hatte nicht das geringste Verständnis für meine Liebe zum Fußball. »Geh arbeiten!«, schrie er. Ich habe nicht auf ihn gehört.

Sie behielten Recht und wurden ein berühmter Fußballer. Haben Sie ihrem Vater die Prügel verziehen?

Ja. Er ist sehr früh gestorben, mit 52 Jahren. Ich hatte an diesem Tag ein Spiel, erst danach hat man mich informiert. Ich lief vom Stadion zu unserem Haus und hielt drei Tage lang Totenwache. Ja, ich habe ihm verziehen.

Wie lang war der Arm von Vater Staat?

Steaua Bukarest, für das ich spielte, war ein Militärverein. Schon mit achtzehn Jahren hatte ich den Rang eines Unteroffiziers – natürlich nur auf dem Papier, ein Gewehr habe ich nie angefasst. Der staatliche Einfluss auf den Klub war sehr groß. Oder sagen wir so: Der Staat hat sich stark bemüht, Einfluss zu nehmen. Ständig kamen Offiziere in die Kabine und hielten politische Reden. Mein Gott, war das langweilig! Ich bin immer eingeschlafen.

Wurden Spiele zu Gunsten von Ceaucescus Prestige-Klub verschoben?

Ja. Das war so, und das ist auch jetzt noch so – mehr als achtzehn Jahre nach Ceaucescus Tod. Das ist ein generelles Problem im osteuropäischen Fußball, ob man nun nach Bulgarien, Russland oder die Ukraine schaut. Früher war Geltungssucht die Ursache, heute sind es Geldgier und Korruption.

1981 setzten Sie sich in den politischen Westen ab.

Rein sportlich hatte ich in Rumänien eine tolle Zeit erlebt und war gerade zweimal in Folge Fußballer des Jahres geworden. Ich bin also nicht abgehauen, weil es mir schlecht ging. Vielmehr wollte ich mir und allen anderen beweisen, dass ich es überall schaffen kann.

Wann trafen Sie diese existentielle Entscheidung?

Es war bei einem Auswärtsspiel in Wembley. Ich war in Top-Form und wollte unbedingt vor dieser Kulisse spielen. Doch der Trainer ließ mich auf der Bank. Dreimal schickte er mich zum Aufwärmen, aber er wechselte mich nicht ein. Darüber war ich unglaublich traurig, ich habe die Leute beschimpft und habe geheult. Es war grausam! Als ich auch beim darauf folgenden Spiel in Ungarn nicht zum Einsatz kam, bin ich mit einem Mannschaftskameraden abgehauen. Wir sind einfach aus dem Hotel ausgebüchst und haben uns auf die Margareteninsel geschlichen. Dort war die Diskothek »Moulin Rouge« – ein Nachtclub mit Tänzerinnen, Sie verstehen.

Der Goldene Westen.

Ich war schon 25 Jahre alt, aber so etwas hatte ich noch nie gesehen (lacht). In diesem Etablissement hielten sich Rumänen auf, die sich über Ungarn nach Österreich abgesetzt hatten. Sie kamen auf mich zu und sagten: »Wir nehmen dich mit, und dann machst du Karriere!« Aber ich hatte Familie und lehnte ab.

Doch der Wunsch war geweckt worden.

Genau so ist es. Als ich wieder zu Hause war, ärgerte ich mich: »Warum bist du nicht mitgegangen?«

Einige Monate später ergab sich eine neue Gelegenheit – bei einem Trainingslager in Nordrhein-Westfalen.

Es war mein Schicksal, in Deutschland zu bleiben. Eine lange Geschichte, aber ich versuche, mich kurz zu fassen. Ein Freund von mir, der schon in Deutschland lebte, suchte mich auf bei einem Freundschaftsspiel in der Nähe von Kassel auf. Ich sagte ihm, dass ich nicht wieder nach Rumänien zurückkehren wollte. »Kein Problem, Marcel«, sagte er, »du kannst bei mir in Hannover bleiben! Ich helfe dir.« Dann schmiedeten wir einen Plan: Beim Spiel gegen Dortmund im Westfalenstadion sollte ich in der ersten Halbzeit gut spielen und mich so noch einmal für deutsche Vereine interessant machen. Dann aber sollte ich eine Verletzung vortäuschen und mich auswechseln lassen.

Und in einem unbemerkten Moment flohen sie aus dem Stadion.

Ja. Ich hatte mir mein Knie dick bandagieren lassen und habe über die Schmerzen gejammert, die ich eigentlich gar nicht hatte. Plötzlich war ich allein in der Kabine. Ich nahm meine kleine Tasche mit meinen sieben Sachen und ging aus dem Stadion. Draußen wartete mein Freund im Wagen – und wir sind losgefahren.

Wann fiel Ihren Landsleuten auf, dass Sie nicht mehr da waren?

Erst nach dem Spiel. Vier Stunden lang haben sie das Stadion durchsucht, lauter Leute von der rumänischen Botschaft. Aber ich war schon in Hannover. Dort machte ich einen fatalen Fehler. Ich rief meine Frau an und sagte: »Ich bin abgehauen!« Sie weinte bitterlich: »Komm zurück!« Aber ich konnte nicht mehr, es war zu spät. Leider wurde das Telefonat von der Securitate (rumänischer Geheimdienst, Anm. d. Red.) abgehört. Sie haben danach meinen gesamten Besitz konfisziert, mein Haus, mein Auto, alles. Meine über alles geliebte Mutter sah ich erst acht Jahre später wieder. An diesem Tag haben wir geweint und gelacht, gelacht und geweint – alles gleichzeitig!

Es gibt Indizien, dass der aus der DDR in den Westen geflohene Lutz Eigendorf von der Stasi getötet worden ist. Hatten Sie Angst um Ihr Leben?

Am Anfang nicht. Ich war untergetaucht und fühlte mich recht sicher. Aber dann kam das Heimweh. Aber wie gesagt: Ich konnte nicht mehr zurück. Da ich einen militärischen Rang inne hatte, wäre ich wegen Fahnenflucht für sechs Jahre ins Gefängnis gekommen. Also versuchte ich, über Telefonate die Verbindung meiner Familie aufrecht zu erhalten – obwohl ich wusste, dass ich abgehört wurde. Irgendwann rief die Securitate zurück: »Wir kriegen dich, Verbrecher!« Dann kam die Angst.

Haben Sie Vorsichtsmaßnahmen getroffen?

Ja, ich habe Borussia Dortmund informiert, und die Verantwortlichen organisierten Personenschutz für mich. Zwei Wochen lang wurde ich von zwei Kripo-Beamten begleitet. Auch unser Mannschaftsbus wurde durchsucht, bevor wir zu Auswärtsspielen aufbrachen.

In Dortmund hatten Sie rund ein Vierteljahr nach Ihrer Flucht einen Vertrag unterzeichnet. Wie war es, als Sie zum ersten Mal für den BVB im Westfalen-Stadion aufliefen?


(seufzt) Oooooh, das war... das war... fantastisch! Es war ein Freundschaftsspiel gegen den FC Brügge, wir haben 2:0 gewonnen. Wie die Fans und die Mitspieler mich aufgenommen haben – das war genial. Ich hatte ein neues Zuhause gefunden.

Wie lief es sportlich?

Ich hatte die Rückendeckung des Trainers, Branko Zebec. Er hatte mich ja schon in dieser einen Halbzeit gesehen, meiner letzten für Rumänien, und wollte mich unbedingt haben. Borussia brauchte einen Spielmacher, das wussten auch meine Mannschaftskameraden, und deshalb haben sie alles getan, um mich zu integrieren. Mein Vorteil war zudem, dass ich vorher ein paar Monate Zeit gehabt hatte, mich an Land und Leute zu gewöhnen. Heute müssen die Jungs, die aus dem Ausland kommen, ja leider sofort funktionieren.

In Deutschland entstanden neue Freundschaften, Ihre alten in Rumänien mussten sie aufgeben.

Ja, leider. Ich habe zwar versucht, den Kontakt aufrecht zu erhalten, doch viele meiner Freunde sagten: »Marcel, bitte ruf nie wieder an!« Dann war Schluss. Sie hatten Angst vor Problemen. Dabei war ich doch nicht nach Deutschland gegangen, um Politik zu machen. Ich wollte einfach nur Fußball spielen!

Haben Sie sie nach 1989 wieder gesehen?

Ja. Vor der WM 1990 in Italien hatte der damalige Nationaltrainer Emerich Jenei den Plan, mich zurückzuholen. Ich spielte damals schon in der Schweiz beim FC Zürich. Ich reiste nach München und nahm an einem Freundschaftsspiel zwischen Rumänien und dem FC Bayern teil. Dort sah ich einige meiner alten Freunde wieder. Doch leider hatte Georghe Hagi, der neue Star, etwas gegen meine Nominierung, weil ich keine Qualifikationsspiele absolviert hatte. Er legte sein Veto ein, und ich fuhr nicht mit nach Italien. Schade.

Sie spielten noch drei Jahre in der Schweiz, danach eröffneten Sie eine Fußballschule in Dortmund. Haben Sie auch mit dem Gedanken gespielt, als Vereinstrainer zu arbeiten?

Na, klar. Aber ich hatte das Pech, dass in meiner Trainerklasse beim DFB absolute Koryphäen saßen: Morten Olsen, Jürgen Röber und auch Thomas Schaaf. Ich war drei Jahre lang weg gewesen aus der Bundesliga – da war es schwer für mich, mich gegen eine solche Konkurrenz durchzusetzen. Deshalb gründete ich meine Fußballschule. Es macht mir unglaublich viel Spaß, mit den Kindern zu arbeiten. Für die nähere Zukunft plane ich ähnliche Projekte auch in Rumänien.

Fühlen Sie sich dort noch zu Hause?

Nein, nicht mehr. Ich bin gern mal eine oder zwei Wochen in Rumänien – aber dann ist Schluss, und ich muss wieder weg. Bukarest ist eine Riesenstadt mit drei Millionen Einwohnern. Dort herrscht Chaos und Korruption, für mich wäre es ein Horror, dort zu leben. Ich bin nun seit 27 Jahren in Deutschland, das ist mehr als die Hälfte meines Lebens, und habe mich an Ordnung und Disziplin gewöhnt.

Sind Sie manchmal im Westfalenstadion zu Gast?

Natürlich! Ich liebe die Atmoshäre dort über alles! 80.000 Zuschauer in einem Pokalspiel gegen den abstiegsbedrohten Zweitligisten Jena – wo hat man das sonst? Nur in Dortmund!

Was hat der gegenwärtige BVB noch mit dem Verein zu tun, für den Sie aktiv waren?

Der Fußball an sich hat sich doch vollkommen verändert. Er ist viel schneller geworden, athletischer, verbissener. Ob das für die Zuschauer schöner anzusehen ist, wage ich zu bezweifeln. Schauen Sie sich die aktuelle Mannschaft der Borussia an: Dede und Petric können Fußball spielen, vielleicht noch Frei, wenn er fit ist. Aber der Rest? Alles Malocher! Man will aber doch ab und zu auch mal was Schönes sehen.


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