15.09.2011

Ex-Bukarest-Profi Marcel Raducanu über seine Flucht

»Die Securitate hörte mit«

250 Spiele machte Marcel Raducanu für Schalkes heutigen Gegner Steaua Bukarest. Dann setzte er sich 1981 in der Halbzeit eines Spiels der rumänischen Nationalelf in den Westen ab. Hier erzählt er von abgehörten Telefonaten und den Tränen seiner Mutter.

Interview: Dirk Gieselmann Bild: imago
Wann trafen Sie diese existentielle Entscheidung?

Es war bei einem Auswärtsspiel in Wembley. Ich war in Top-Form und wollte unbedingt vor dieser Kulisse spielen. Doch der Trainer ließ mich auf der Bank. Dreimal schickte er mich zum Aufwärmen, aber er wechselte mich nicht ein. Darüber war ich unglaublich traurig, ich habe die Leute beschimpft und habe geheult. Es war grausam! Als ich auch beim darauf folgenden Spiel in Ungarn nicht zum Einsatz kam, bin ich mit einem Mannschaftskameraden abgehauen. Wir sind einfach aus dem Hotel ausgebüchst und haben uns auf die Margareteninsel geschlichen. Dort war die Diskothek »Moulin Rouge« – ein Nachtclub mit Tänzerinnen, Sie verstehen.

Der Goldene Westen.

Ich war schon 25 Jahre alt, aber so etwas hatte ich noch nie gesehen (lacht). In diesem Etablissement hielten sich Rumänen auf, die sich über Ungarn nach Österreich abgesetzt hatten. Sie kamen auf mich zu und sagten: »Wir nehmen dich mit, und dann machst du Karriere!« Aber ich hatte Familie und lehnte ab.

Doch der Wunsch war geweckt worden.

Genau so ist es. Als ich wieder zu Hause war, ärgerte ich mich: »Warum bist du nicht mitgegangen?«

Einige Monate später ergab sich eine neue Gelegenheit – bei einem Trainingslager in Nordrhein-Westfalen.

Es war mein Schicksal, in Deutschland zu bleiben. Eine lange Geschichte, aber ich versuche, mich kurz zu fassen. Ein Freund von mir, der schon in Deutschland lebte, suchte mich auf bei einem Freundschaftsspiel in der Nähe von Kassel auf. Ich sagte ihm, dass ich nicht wieder nach Rumänien zurückkehren wollte. »Kein Problem, Marcel«, sagte er, »du kannst bei mir in Hannover bleiben! Ich helfe dir.« Dann schmiedeten wir einen Plan: Beim Spiel gegen Dortmund im Westfalenstadion sollte ich in der ersten Halbzeit gut spielen und mich so noch einmal für deutsche Vereine interessant machen. Dann aber sollte ich eine Verletzung vortäuschen und mich auswechseln lassen.

Und in einem unbemerkten Moment flohen sie aus dem Stadion.

Ja. Ich hatte mir mein Knie dick bandagieren lassen und habe über die Schmerzen gejammert, die ich eigentlich gar nicht hatte. Plötzlich war ich allein in der Kabine. Ich nahm meine kleine Tasche mit meinen sieben Sachen und ging aus dem Stadion. Draußen wartete mein Freund im Wagen – und wir sind losgefahren.

Wann fiel Ihren Landsleuten auf, dass Sie nicht mehr da waren?

Erst nach dem Spiel. Vier Stunden lang haben sie das Stadion durchsucht, lauter Leute von der rumänischen Botschaft. Aber ich war schon in Hannover. Dort machte ich einen fatalen Fehler. Ich rief meine Frau an und sagte: »Ich bin abgehauen!« Sie weinte bitterlich: »Komm zurück!« Aber ich konnte nicht mehr, es war zu spät. Leider wurde das Telefonat von der Securitate (rumänischer Geheimdienst, Anm. d. Red.) abgehört. Sie haben danach meinen gesamten Besitz konfisziert, mein Haus, mein Auto, alles. Meine über alles geliebte Mutter sah ich erst acht Jahre später wieder. An diesem Tag haben wir geweint und gelacht, gelacht und geweint – alles gleichzeitig!

Es gibt Indizien, dass der aus der DDR in den Westen geflohene Lutz Eigendorf von der Stasi getötet worden ist. Hatten Sie Angst um Ihr Leben?

Am Anfang nicht. Ich war untergetaucht und fühlte mich recht sicher. Aber dann kam das Heimweh. Aber wie gesagt: Ich konnte nicht mehr zurück. Da ich einen militärischen Rang inne hatte, wäre ich wegen Fahnenflucht für sechs Jahre ins Gefängnis gekommen. Also versuchte ich, über Telefonate die Verbindung meiner Familie aufrecht zu erhalten – obwohl ich wusste, dass ich abgehört wurde. Irgendwann rief die Securitate zurück: »Wir kriegen dich, Verbrecher!« Dann kam die Angst.

Haben Sie Vorsichtsmaßnahmen getroffen?

Ja, ich habe Borussia Dortmund informiert, und die Verantwortlichen organisierten Personenschutz für mich. Zwei Wochen lang wurde ich von zwei Kripo-Beamten begleitet. Auch unser Mannschaftsbus wurde durchsucht, bevor wir zu Auswärtsspielen aufbrachen.

In Dortmund hatten Sie rund ein Vierteljahr nach Ihrer Flucht einen Vertrag unterzeichnet. Wie war es, als Sie zum ersten Mal für den BVB im Westfalen-Stadion aufliefen?


(seufzt) Oooooh, das war... das war... fantastisch! Es war ein Freundschaftsspiel gegen den FC Brügge, wir haben 2:0 gewonnen. Wie die Fans und die Mitspieler mich aufgenommen haben – das war genial. Ich hatte ein neues Zuhause gefunden.

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