15.09.2011

Ex-Bukarest-Profi Marcel Raducanu über seine Flucht

»Die Securitate hörte mit«

250 Spiele machte Marcel Raducanu für Schalkes heutigen Gegner Steaua Bukarest. Dann setzte er sich 1981 in der Halbzeit eines Spiels der rumänischen Nationalelf in den Westen ab. Hier erzählt er von abgehörten Telefonaten und den Tränen seiner Mutter.

Interview: Dirk Gieselmann Bild: imago

Marcel Raducanu, wie kamen Sie zum Fußball?

Schon mein Onkel war Nationalspieler. Er war es, der mich zum Fußball gebracht hat, als ich sieben war, und mir beibrachte, was es heißt, Berufsfußballer zu sein. Gut zehn Jahre später war ich in der ersten rumänischen Liga angelangt und machte nach kurzer Zeit mein erstes Länderspiel.

Eine rasante Entwicklung. Was war Ihr schönster Moment im rumänischen Nationaltrikot?

1980 schoss ich beim EM-Qualifikationsspiel gegen England in Bukarest das Tor zum 1:1. 110.000 Zuschauer feierten mich. Ein unglaubliches Glücksgefühl.

Welche Rolle spielte der Fußball im Rumänien der 70er und 80er Jahre?

Eine enorm große! Denn es gab nichts anderes. Unter Diktator Nicolae Ceaucescu hatte man so gut wie keine Möglichkeit, sich zu entfalten – außer eben im Sport.

Hat das Ihren Ehrgeiz zusätzlich geschürt?

Zunächst nicht. Als ich jung war, ging es mir reinweg ums Spielen. Erst später machte ich mir Gedanken, wie ich durch den Fußball den engen Strukturen entkommen könnte. In der Schule war ich keine Leuchte, auch weil der Sport eine immer größere Bedeutung in meinem Leben bekam. Deshalb wurde ich oft von meinem Vater verprügelt – er hatte nicht das geringste Verständnis für meine Liebe zum Fußball. »Geh arbeiten!«, schrie er. Ich habe nicht auf ihn gehört.

Sie behielten Recht und wurden ein berühmter Fußballer. Haben Sie ihrem Vater die Prügel verziehen?

Ja. Er ist sehr früh gestorben, mit 52 Jahren. Ich hatte an diesem Tag ein Spiel, erst danach hat man mich informiert. Ich lief vom Stadion zu unserem Haus und hielt drei Tage lang Totenwache. Ja, ich habe ihm verziehen.

Wie lang war der Arm von Vater Staat?

Steaua Bukarest, für das ich spielte, war ein Militärverein. Schon mit achtzehn Jahren hatte ich den Rang eines Unteroffiziers – natürlich nur auf dem Papier, ein Gewehr habe ich nie angefasst. Der staatliche Einfluss auf den Klub war sehr groß. Oder sagen wir so: Der Staat hat sich stark bemüht, Einfluss zu nehmen. Ständig kamen Offiziere in die Kabine und hielten politische Reden. Mein Gott, war das langweilig! Ich bin immer eingeschlafen.

Wurden Spiele zu Gunsten von Ceaucescus Prestige-Klub verschoben?

Ja. Das war so, und das ist auch jetzt noch so – mehr als achtzehn Jahre nach Ceaucescus Tod. Das ist ein generelles Problem im osteuropäischen Fußball, ob man nun nach Bulgarien, Russland oder die Ukraine schaut. Früher war Geltungssucht die Ursache, heute sind es Geldgier und Korruption.

1981 setzten Sie sich in den politischen Westen ab.

Rein sportlich hatte ich in Rumänien eine tolle Zeit erlebt und war gerade zweimal in Folge Fußballer des Jahres geworden. Ich bin also nicht abgehauen, weil es mir schlecht ging. Vielmehr wollte ich mir und allen anderen beweisen, dass ich es überall schaffen kann.

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