Ewald Lienen über St. Pauli, Geld und Helmut Schmidt

»Die Utopie wird hier gelebt«

Ewald Lienen und der FC St. Pauli – Ende 2014 kam endlich zusammen, was schon immer zusammengehörte. Oder? Für unsere Titelgeschichte über den FC St. Pauli trafen wir den Trainer zum Interview.

Tobias Kruse
Heft: #
166

Ewald Lienen, Sie waren einer der wenigen Profis, die sich in den achtziger Jahren politisch engagierten. So gesehen müsste der FC St. Pauli, der als linker, nach Basisdemokratie strebender Klub gilt, Ihr Traumverein sein?
Mir haben Freunde aus Hamburg schon vor vielen Jahren gesagt: »Ewald, Du und dieser Klub, das wäre die ideale Verbindung.« Aber weder in meiner Zeit als Spieler noch als Trainer kam es zu einer Kontaktaufnahme.

Aber jetzt sind Sie hier.
Letztlich muss ich als Trainer überzeugt davon sein, eine Aufgabe in Zusammenarbeit mit den handelnden Personen bewältigen zu können. Dieses Gefühl habe ich hier bei den Gesprächen sofort gehabt. Die gesellschaftspolitische Ausrichtung steht dabei erst einmal im Hintergrund, ist für mich aber eine zusätzliche Motivation, um mich hier total willkommen und an der richtigen Stelle zu fühlen. 

Die Freunde hatten also Recht mit der Aussage.
Ohne Frage: Dies ist ein Klub, der für Werte steht, die viele meiner Freunde und ich schon immer vorbehaltlos unterschrieben hätten. Es geht um die permanente Auseinandersetzung, ein tolerantes und respektvolles Miteinander in der Gesellschaft und damit auch im Klub zu erreichen. Damit sind Faschismus, Sexismus, Ablehnung von Homosexualität und so weiter, automatisch Ausrichtungen, die wir im Verein vorbehaltlos ablehnen und bekämpfen. Hier wird Demokratie mit allen Konsequenzen aktiv gelebt. Wer das nicht versteht, hat den FC St. Pauli nicht verstanden.

Der Klub und sein Anhang leben in der Übereinkunft, sich nicht allen Deformationen des modernen Fußballs zu öffnen. Dem FC St. Pauli entgehen jährlich rund 2,5 Millionen Euro, weil er sich weigert, den Stadionnamen zu verkaufen, LED-Banden aufzustellen oder die 15-minütige werbefreie Phase vor Anpfiff abzuschaffen. Geld, das Sie für das Team gut gebrauchen könnten.
Dieser Verein lebt auch davon und dadurch, dass man sich in einem Meinungsbildungsprozess, trotz einer Vielfalt unterschiedlicher Meinungen, auf eine bestimmte Ausrichtung geeinigt hat. Als Spieler habe ich erfahren, wie versucht wurde, mir mein Recht auf freie Meinungsäußerung abzusprechen. Deshalb gefällt es mir, dass man hier Strukturen immer wieder hinterfragt und sich mit neuen und abweichenden Meinungen unaufgeregt auseinandersetzt. Das ist das Wesen der Demokratie und damit bleibt man frei, handlungsfähig und bereit für Veränderungen.

Fürchten Sie nicht, in einer Zeit, in der Klubs wie RB Leipzig mit dem Geld von Investoren nach oben gespült werden, den Anschluss zu verlieren?
Natürlich würde es aus sportlicher Sicht Sinn machen, Geld zu generieren, aber beim FC St. Pauli muss dies eben auf sozialverträgliche Weise passieren und ohne unsere grundsätzlichen Werte über Bord zu schmeißen. Die bedingungslose Verknüpfung mit einem oder mehreren Investoren kann wirtschaftlich reizvoll sein, aber in anderer Hinsicht auch die eigene Handlungsfreiheit massiv einschränken.

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