Evertons Steven Naismith über verschenkte Tickets und falsche Klischees

»Viele Profis haben den Bezug zur Realität nicht verloren«

Vor einigen Tagen sorgte Everton-Star Steven Naismith für Schlagzeilen, weil er Tickets an arbeitslose Fans verschenkt. Wir sprachen mit ihm über ein verzerrtes Profibild und seine Beweggründe.

Steven Naismith, mit dem FC Everton haben Sie ihr letztes Testspiel gegen SC Paderborn verloren. Waren Sie überrascht über die Stärke des Bundesliga-Aufsteigers?
Es war mehr drin für uns, aber Paderborn hat gut gekämpft und nicht unverdient gewonnen.

Wie war Ihr Eindruck  von der Stimmung in Deutschland so kurz nach dem WM-Triumph?
Die Stimmung war sehr gut. Überhaupt bin ich der Meinung, dass man in Deutschland einen sehr guten Business Plan hat. Die Stadien sind meist voll und die Stimmung hervorragend, die Eintrittskarten sind erschwinglich. Da können sich andere Nationen eine Scheibe abschneiden

Sie haben kürzlich für Aufsehen gesorgt, weil Sie sich für jene Fans einsetzen, die sich den Eintritt ins Stadion nicht leisten können. Wie kam es dazu?
Im Fußball wird sehr viel Geld umgesetzt und davon profitieren wir enorm. Aber es gibt eben noch eine andere Seite. Seitdem ich Profi bin, ist mir bewusst, dass ich in einer privilegierten Position bin. Wir Spieler haben eine Vorbildfunktion und können manchmal mit geringem Aufwand viel erreichen.

Was haben Sie getan?
Als ich nach Liverpool zum FC Everton gewechselt bin, habe ich hier und da Essen an Hilfsbedürftige ausgegeben. Vor dem Start der neuen Saison kam mir die Idee, Eintrittskarten für Heimspiele zu vergeben.

Wie sieht das konkret aus?
Ich habe vier Dauerkarten, die ich bei jedem Heimspiel zur Verfügung stelle. Der FC Everton hat mir bei der Vergabe geholfen. Wir haben uns an das Arbeitsamt gewandt und dort mit den zuständigen Leuten gesprochen. Wir haben vereinbart, dass die vier Tickets an Leute vergeben werden, die durch unglückliche Umstände in die Arbeitslosigkeit geraten sind und alles versuchen, wieder einen Job zu finden.

Wer kümmert sich  um die Verteilung?
Das jeweilige Arbeitsamt trifft die Entscheidung, wer am Ende den Zuschlag bekommt. Es gibt in Liverpool nicht genügend Jobs, aber Menschen, die gerne arbeiten würden. Wer keinen Job hat, kann sich selten ein Ticket leisten. Die zuständigen Mitarbeiter entscheiden, wer sich ein Ticket verdient hat. Vor jedem Heimspiel wandern die Dauerkarten zu einem anderen Job Center.

Wie waren die Reaktionen?
Durchweg positiv. Der Verein hat mich sehr gut unterstützt und auch die Spieler fanden die Idee gut.

Werden wir demnächst mehr Spieler sehen, die Tickets an Fans vergeben?
Das weiß ich nicht. Einige der Kollegen  haben mir aber erzählt, dass sie diverse soziale Projekte unterstützen. Die meisten Spieler kommen aus einfachen Verhältnissen und haben den Bezug zur Realität nicht verloren, jedoch wird darüber nicht immer in den Medien berichtet. 

Hätten Sie sich solch ein Engagement ihrer Vorbilder von früher auch gewünscht?
Ich bin von klein auf Fan der Glasgow Rangers. Mein Vater nahm mich mit zu den Spielen und ich habe mir über solche Dinge keine Gedanken gemacht. Erst seitdem ich selbst Profi bin, ist mir bewusst, wie viele Leute aufgrund der hohen Ticketpreise nicht ins Stadion gehen können. 

Haben Sie denn schon jemanden getroffen, der die Tickets gewonnen hat?
Ich habe mit denen gesprochen, die für unser erstes Heimspiel gegen Arsenal die Tickets bekommen haben. Sie haben sich riesig gefreut und mir erzählt, wie schwer es ist, an Arbeit zu kommen. Am Tag, als sie die Eintrittskarte bekommen haben, erhielt sogar einer vom Arbeitsamt die Nachricht, dass er wieder einen Job hat.

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