21.05.2011

Erwin Kostedde zieht Bilanz

»Wo bin ich geblieben?«

»Damals war es schon schlimm, wenn Du sonntags in Jeans herumliefst. Aber ich trug tagaus, tagein die falsche Hautfarbe«, sagt Erwin Kostedde. Erinnerungen an einen lebenslangen Kampf gegen den Rassismus.

Interview: Ralf Piorr Bild: imago
Sie wurden mit Lüttich dreimal Meister und 1970/71 Torschützenkönig in der Jupiler League. Sollten Sie nicht sogar belgischer Nationalspieler werden? 



Es gab eine Anfrage vom belgischen Verband, aber ich habe abgelehnt. Ich fühlte mich als Deutscher und wollte es in meinem Geburtsland schaffen. Das konnte man in Belgien nicht verstehen. Der Ruf Deutschlands wurde sehr von den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs geprägt. Wilfried Van Moer, ein belgischer Weltklassespieler, der mir unzählige Bälle auflegte, lästerte immer: »Duitsland, Duitsland über alles!« Viele erklärten mich auch für verrückt, wie ich überhaupt auf den Gedanken kommen könnte, ein Farbiger würde mal in der deutschen Nationalmannschaft stehen. Zehn Jahre später landete ich in Frankreich bei Stade Laval. Zu dem Zeitpunkt hatte ich meine Länderspiele schon hinter mir, und ein Mitspieler aus dem Senegal, der sogar ein paar Brocken deutsch konnte, stammelte ganz ungläubig: »Du deutscher Nationalspieler? Aber Du schwarz!« 



Helmut Schön berief Sie 1974 in die Nationalmannschaft. War Ihnen da klar: »Ich schreibe jetzt Geschichte!«?

Unbedingt! Und ich bin bis heute sauer auf mich selbst, dass ich nur drei Spiele gemacht und dabei kein Tor geschossen habe. Jupp Derwall und Franz Beckenbauer waren meine Fürsprecher. Ich war stolz darauf, Nationalspieler zu sein. Vielleicht zu stolz, denn bei den Spielen war ich zum Teil völlig übermotiviert. Ich war dem Geldverdienen in meiner Karriere nie abgeneigt, wer ist das schon, aber in Sachen Nationalmannschaft war es mir vollkommen egal. Ich stand da, der kleine farbige Junge aus Münster, dem die Schulkameraden früher ins Ohr geflüstert hatten: »Gleich kommen die Deutschen und erschießen Dich. Du bist ein Ami!«, und hatte es geschafft. Jetzt war ich endlich kein Außenseiter mehr. Jedenfalls hoffte ich das. Aber später sollte sich zeigen, dass das wohl ein Irrtum war.

Hätte sich etwas geändert, wenn Sie weiß gewesen wären? 


Als Weißer hätte ich jedenfalls nie so im Mittelpunkt gestanden. Sie dürfen es mit heute nicht vergleichen. Heutzutage hat jede Mannschaft einen schwarzen oder farbigen Spieler mit oder ohne deutschen Pass oder die vielen dunkelhäutigen Brasilianer. Aber früher? Es liefen 22 Spieler auf und nur einer stach heraus: Ich – der Farbige Erwin Kostedde. Das war kein Segen, sondern eine Last! Als Farbiger musste man also immer besser sein oder man ging unter. Das hatte ich schnell gelernt. 



Ihr Geld haben Sie durch einen dubiosen Anlageberater mit Scheinfirmen und Bauherrenmodelle in England und Belgien verloren.

Ja, ich dachte ich hätte das Geld gut und krisenfest angelegt und immer wieder etwas nachgeschoben. Ich habe leider oft den falschen Freunden vertraut. Heute denke ich, wie blöd ich damals war und wie »neureich« ich gedacht habe. Ich habe über eine Million Mark verloren. Dafür hatte ich viel einstecken müssen: »Hosianna« und »Kreuzigt ihn!«. Das war alles Schmerzensgeld, und alles war weg.

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