21.05.2011

Erwin Kostedde zieht Bilanz

»Wo bin ich geblieben?«

»Damals war es schon schlimm, wenn Du sonntags in Jeans herumliefst. Aber ich trug tagaus, tagein die falsche Hautfarbe«, sagt Erwin Kostedde. Erinnerungen an einen lebenslangen Kampf gegen den Rassismus.

Interview: Ralf Piorr Bild: imago

Erwin Kostedde, welche Erinnerungen sind Ihnen von Ihrer Fußballkarriere geblieben? 



Viele! Obwohl es lang zurück liegt und damit meine ich mehr als nur die Jahre, die vergangen sind. Mit der Nationalmannschaft 1975 vor 100.000 im Wembley-Stadion ist unvergesslich oder die Atmosphäre am Bieberer Berg in Offenbach. Unser erstes Bundesligaspiel gegen Eintracht Frankfurt 1972. Die Rivalität zwischen Offenbach und Frankfurt ist genauso wie bei Dortmund gegen Schalke. Schon vier Wochen vor dem Derby ging das Theater los. Ich machte das 1:0, aber danach legten Grabowski, Hölzenbein & Co. richtig los. Zwei Tore von Grabowski waren die Folge, und wir hechelten hinterher. Und dann weiß ich es noch wie heute: Die letzten fünf Minuten brechen an. Sigi Held geht durch, flankt, ich bin da: 2:2. Und kurz vor Schluss mache ich sogar noch das 3:2-Siegtor. Am Montag darauf musste ich mit meinem Auto zu meiner Fiat-Werkstatt nach Frankfurt: Die haben mich nicht bedient! Nach einer Stunde bin ich abgehauen. Dann das Rückspiel im Waldstadion. Tausende von Frankfurter sangen: »Zehn Schwule und ein Nigger!« 



Haben solche Schmähungen Sie nicht von der Kindheit an verfolgt? 



Natürlich. Die Väter der anderen kamen aus der Kriegsgefangenschaft wieder und da hieß es: »Was ist das denn für einer?« Manchmal merkte ich auch, dass es Eltern nicht mochten, wenn ich mit den anderen Kindern spielte. Ich habe Dinge erlebt, die kann ich nicht erzählen. Im »schwarzen« Münster war es schon schlimm, wenn Du sonntags in Jeans herumliefst, aber ich trug tagaus, tagein die falsche Hautfarbe. Nach dem Krieg waren wir in Münster drei Mischlinge und wir kannten uns alle drei. Der Erste war Messdiener und kam nach einer Beerdigung bei einem Verkehrsunfall um. Der Zweite ertrank im Aasee. Da bekam ich schon als Kind panische Angst, dass irgendein Unheil oder Fluch über uns liegen würde. 


Fanden Sie durch den Fußball die nötige Anerkennung?

Für mich gab es nur Fußball. Wir hatten eine Schulmannschaft, und ich war der Beste. Das merkt man sofort – auch als Zehnjähriger. Ich war kein guter Schüler und hatte auch keine Lust, zu lernen. Nur in Erdkunde war ich ganz gut. Ich wollte ja immer weg. Am Besten nach Amerika, aber das habe ich nicht geschafft. 



Stattdessen ging es zum MSV Duisburg.


Und dort ging es richtig gut los. Ich bekam hervorragende Kritiken. Vom »neuen Péle« wurde geschwärmt, weil der Presse aufgrund meiner Hautfarbe nichts anderes einfiel. Ich wohnte in Duisburg bei netten Leuten in einem kleinen Zimmer in der Lotharstraße. Wie es früher so war, ging man nach dem Training gemeinsam einen trinken. Wir standen an der Theke und dann war der eine weg, dann der andere. Auf einmal war ich allein. Aber was soll’s! Das Zimmer hat mich nicht gereizt, also habe ich durchgemacht und am nächsten Tag das Training verpennt. Ich war einfach zu jung und allein. Der Ruhm stieg mir zu Kopf, und ich bin um die Häuser gezogen. Der Ärger mit meinem Trainer Gyula Lorant blieb nicht aus. Also habe ich mir eine Auszeit genommen und bin mitten in der Saison nach Amsterdam abgehauen. Ich träumte von der »wilden Liga« in den USA, bin dann aber doch zurück. Das Publikum nahm mich sofort wieder auf und verzieh mir alles. Heute schäme ich mich ein bisschen dafür, dass ich damals so versumpft bin. Ich hätte in Duisburg mehr leisten können und die Leute dort hätten es verdient gehabt. Dass ich dann den geraden Weg wieder gefunden habe, habe ich meiner Frau zu verdanken. 


Wie kamen Sie 1968 nach Lüttich? 



Ich sollte zur Alemannia nach Aachen. Ich hatte schon ein Training am Tivoli gehabt und ging abends durch die Stadt spazieren. Plötzlich hielt ein Mercedes neben mir und vier Jugoslawen sprangen heraus. »Bist Du Erwin Kostedde?« – »Ja!« – »Du kannst bei Standard Lüttich spielen.« Ich winkte ab, da ich ja bei der Alemannia schon unterschrieben hatte. Aber die weiter: »Alles Quatsch! Was verdienst Du denn hier? In Lüttich kriegst Du 80.000 Mark pro Jahr!« Ich sagte nur: »Wie bitte?!« 



Eine Menge Kohle zur damaligen Zeit.

Und ich konnte auch nicht widerstehen. Ich wohnte beim damaligen Aachener Mäzen, einem Würstchenkönig, in der Villa, schnappte mir nur meinen Ausweis und ab über die Grenze. Zuerst versteckten mich die »Spielervermittler« eine Woche im belgischen Küstenort Knokke aan Zee. Ich bekam ausreichend Handgeld und machte Urlaub, während die Aachener mich suchten. Als sich beide Vereine geeinigt hatten, musste ich ein Training bei Standard Lüttich absolvieren. Zu meiner Überraschung war der Vertrag also noch gar nicht perfekt! Der versammelte Vorstand war anwesend. Zum Glück meinte es der Trainer gut mit mir. Ich hatte nur wenig trainiert und keine Luft. Er stellte mich in den Sechzehner und ließ mich Flanken verarbeiten. Léon Semmeling, belgischer Nationalspieler, von rechts, und Antan Nosz, ungarischer Nationalspieler, von links. Die Flanken kamen butterweich, und von zehn habe ich neun in den Knick gehauen. Alle waren am Staunen, und danach ging es hoch zum Vorstand. Da lagen die 80.000 DM in bar auf dem Tisch. »Na prima«, dachte ich nur.

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