Erwin Kostedde über Rassismus

»Bin ich schwarz oder weiß?«

Erwin Kostedde war der erste schwarze deutsche Nationalspieler und einer der besten Stürmer seiner Generation. Wir sprachen mit dem heute 63-Jährigen über rassistische Anfeindungen, hessische Derbys und den »Erwin-Shuffle«. Erwin Kostedde über Rassismus

Herr Kostedde, unsere Leser gehören größtenteils einer Generation an, die Sie nicht mehr haben spielen sehen. Als was für einen Spielertyp würden Sie sich selbst beschreiben?

Das ist schwierig zu beantworten. Ich werde ja oft als Goalgetter hingestellt, habe natürlich auch immer viele Tore gemacht. Aber ich war immer froh, wenn ich am Spiel teilgenommen habe, wenn ich einbezogen wurde. Klar musste man als Stürmer auch mal vorne stehen und warten, aber mir hat es immer Spaß gemacht, wenn ich viel am Ball war. Und die Technik hatte ich ja, war zwar nicht der Schnellste, aber für ein gutes Konterspiel braucht man ja vor allem geistige Schnelligkeit.

Dem ein oder anderen ist noch der »Erwin-Shuffle« ein Begriff. Eine Erfindung von Ihnen?

Na ja, den dreifachen Übersteiger hat mir damals Felix »Fifi« Gerritzen in meiner Zeit bei TuS Saxonia Münster als B-Jugendlicher beigebracht. »Fifi« war ja selber ein toller Rechtsaußen gewesen. Und ich hab das damals angenommen, habe stundenlang geübt, bis ich den Trick drauf hatte. Viele aus der Mannschaft hatten das schon aufgegeben (lacht). Gegen Peter Nogly ist mir in einem Bundesligaspiel gegen den Hamburger SV mal ein fünffacher Übersteiger geglückt. In Offenbach nannte man das dann den »Erwin-Shuffle«.

Bei Kickers Offenbach haben Sie Ihre erfolgreichste Zeit in der Bundesliga verbracht, sind dort immer noch Rekordtorschütze. War das die wichtigste Station Ihrer Karriere?

Ich kam ja gerade aus Belgien zurück nach Deutschland und Offenbach war eben erst abgestiegen. Zur gleichen Zeit wurde auch Siggi Held verpflichtet und wir hatten für die zweite Liga natürlich eine überragende Mannschaft. Winfried Schäfer war dabei, auch Horst Gecks. Nach dem direkten Wiederaufstieg haben wir hier dann sehr erfolgreich gespielt. Das kannte man in Offenbach gar nicht so. In der Folgezeit haben wir sogar gegen Eintracht Frankfurt fast immer gewonnen (lacht).

Sie avancierten schnell zum Publikumsliebling.

Wenn man viele Tore erzielt, dann geht das natürlich auch schnell. Gerade gegen die Eintracht habe ich oft getroffen. Mein erstes Derby haben wir mit 3:2 gewonnen und ich habe alle drei Treffer erzielt. In Offenbach schaut man immer etwas nach Norden in Richtung Frankfurt, zum Rivalen. Da prägt man sich natürlich bei den Zuschauern, wenn man in den Derbys oft wichtige Tore geschossen hat.

Welche Rolle spielte Glück in Ihrer Karriere?

Man muss dabei natürlich auch immer ein bisschen Glück haben. Ich war ja in meiner gesamten Karriere eigentlich nie richtig schwer verletzt. Zwar hatten wir Stürmer damals äußerst harte Gegenspieler – ich erinnere mich an Gerd Zimmermann oder Detlef Pirsig. Trotzdem bin ich immer glimpflich davongekommen.

Vor dem Wechsel Richtung Offenbach spielten Sie in Belgien bei Standard Lüttich. Mit Erfolg: dreimal hintereinander belgischer Meister und im dritten Jahr mit 29 Treffern sogar Torschützenkönig. Wichtige Erfahrungen?

Absolut. Meine erste Station in der Bundesliga war zuvor schon der MSV Duisburg. Dort war mit Trainer Gyula Lorant ein harter Hund am langen Hebel. Der hat mich auch als Spieler durchaus hart rangenommen. Hier habe ich zunächst gute Spiele gemacht, war aber letztlich noch nicht Profi genug, um diesen Weg weiterzugehen. Das habe ich hier verpasst, aber nur für eine kurze Zeit.

In Lüttich wurde das anders?

Ja. Dort habe ich mich schnell zu Recht gefunden. Man muss sich das auch mal vorstellen:  dort war ich ja nahezu der einzige Nicht-Nationalspieler im Team. Das gab es damals in der Bundesliga damals noch nicht, dass so viele internationale Fußballer in den Vereinen gespielt haben. In Belgien habe ich also sehr viel gelernt, auch was es bedeutet Fußball-Profi zu sein.

Von welchen Spielern haben sie besonders profitiert?

Da war zum Beispiel Milan Galic (51-facher Jugoslawischer Nationalspieler, d. Red.). Ihn habe ich damals aus dem Team verdrängt, er war schon etwas älter. Aber von ihm habe ich unglaublich viel gelernt.

Zurück in der Bundesliga, wurden Sie in Offenbach auch zum Nationalspieler. Hat es Sie damals mit stolz erfüllt für Deutschland zu spielen?

Oh ja, das hat mich wirklich stolz gemacht. In Belgien hatte man mich damals schon angesprochen, ob ich nicht Belgier werden möchte. Ich wäre sofort Nationalspieler dort geworden. Aber mein Jugendtraum war es immer, für Deutschland zu spielen. Das geschafft zu haben, darauf bin ich sehr stolz. Ich war ja nun mal auch der erste Farbige, der das geschafft hat.

Hat Sie das mit einem besonderen Stolz erfüllt?

Ja natürlich. Aber ich habe mich immer als jemanden gesehen, der Schwarz und Weiß gleichzeitig war. Als Kind war ich immer fasziniert, vom Muhamed Ali. Als er eines Tages in Frankfurt gegen Deutschen Karl Mildenberger geboxt hat, wusste ich nicht, zu wem ich halten sollte. Bin ich jetzt weiß oder schwarz? Das ist immer ein wenig mein Dilemma gewesen.

Nach Ihnen folgten noch weitere farbige deutsche Nationalspieler, wie Jimmy Hartwig oder Gerald Asamoah. Mit der U-19- und U-21-Nationalmannschaft wurden gleich mehrere dunkelhäutige Nachwuchskicker Europameister und stehen auf dem Sprung.

Ja, das freut mich außerordentlich. Da gibt es mittlerweile einige, die es in die Nationalmannschaft schaffen. Da bin ich auch wirklich stolz drauf, dabei der erste gewesen zu sein. Ich weiß, dass man es als Jemand mit anderer Hautfarbe nicht immer leicht hat, umso stärker schätze ich die Leistung dieser Jungs ein.

Haben Sie in Ihrer Karriere auch unter Rassismus leiden müssen?

Ja, Berührungen mit Rassismus gab es schon. Außer mir und David Scheu beim Karlsruher SC gab es niemanden mit anderer Hautfarbe.

Wie äußerte sich das?

Ach, ich habe das nicht ständig gespürt. Ein paar Idioten sind natürlich immer irgendwo dabei. Richtig dramatisch wurde es höchstens, wenn ich mit Offenbach in Frankfurt gespielt habe, wo man bei der Ankunft mit dem Bus mit Schmähgesängen begrüßt wurde. Das war aber natürlich der Pöbel, und ich werde gewiss nicht alle Frankfurt-Fans über einen Kamm scheren. Aber da ging es natürlich auch immer um die lokalen Rivalitäten. Ich konnte das immer richtig einschätzen und auch für mich gut damit umgehen. Ich war aber nicht so ein Typ, wie Jimmy Hartwig, der war ein ganz harter Knochen. Hartwig stellte sich im Stadion vor die Kurve und dirigierte das rassistische Gebrüll einfach mit. Da waren diese Leute natürlich still. Das war nichts für mich, und ich bin sicher keine Mimose, das können Sie mir glauben (lacht). Ich war dann doch ein etwas anderer Typ, bin damit nicht so offensiv umgegangen. Ich habe lieber zwei Tore geschossen und wir haben das Spiel gewonnen. Dann haben die Idioten auch den Mund gehalten (lacht).

Haben Sie auch Toleranz erfahren im Verlauf Ihrer Karriere?

Natürlich. Ich erinnere mich an eine Episode aus Baden-Baden. Ich stand kurz vor meinem ersten Länderspieleinsatz gegen Malta im Dezember 1974 und wir waren mit dem Kader der Nationalmannschaft im Kursaal zur Premiere des Films über die Weltmeisterschaft von 1974 eingeladen. Als ich dort mit Berti Vogts und dem Sänger Udo Jürgens, der damals auch eingeladen war, durch den Eingang ging, kam ein älterer Polizist auf mich zu.  Er gab mir die Hand, fing an zu weinen und gratulierte mir zu meiner Berufung in die Nationalmannschaft, dass er sich sehr darüber freue. Diese Freudentränen haben mich damals so gerührt, dass werde ich nie vergessen.

Trotz allem reichte es nur zu drei Einsätzen im National-Dress. War die Konkurrenz in der DFB-Elf Mitte der 70er Jahre zu groß?

Das war sie sicherlich. Vorher war ja Gerd Müller im Sturm ein richtiges Phänomen. Es war auch insgesamt schwer reinzukommen, als Spieler bei einem kleineren Verein, wie damals Kickers Offenbach. Die Spieler von Bayern München oder aus Mönchengladbach kannten sich gut und waren auch dementsprechend eingespielt. Es gab diese beiden großen Blöcke damals. Leider hat es nicht zu mehr Länderspielen gereicht.

Ärgert Sie das heute noch?

Ja, das fuchst mich schon immer noch. Ich hätte gerne mehr Länderspiele gemacht und dabei auch gerne Tore geschossen.

Ihre Karriere führte Sie nach den Stationen Hertha BSC Berlin, Borussia Dortmund und einer einjährigen Rückkehr nach Lüttich nach Frankreich, wo Sie ein Jahr bei Stade Laval in der ersten französischen Liga spielten. Auch dort sind Sie mit 21 Treffern Torschützenkönig geworden.

Ja, und zwar zusammen mit dem Argentinier Delio Onnis vom AS Monaco (Onnis ist heute noch der führende in der ewigen Torschützenliste der französischen Liga, d. Red.) Und das auch noch vor Michel Platini und Johnny Rep, die damals bei AS St. Etienne spielten. Mit der Mannschaft waren wir nur unteres Mittelmaß, aber das war für Laval schon sehr erfolgreich. Und das jemand aus dem eigenen Team Torschützenkönig wurde kannten die dort gar nicht.

So haben Sie sich ein zweites Mal für die Bundesliga empfohlen. Rudi Assauer holte Sie damals als Manager des gerade aus der Bundesliga abgestiegenen Werder Bremen in die zweite Liga. Von Assauer stammt auch der Satz: »Bei uns braucht der Kostedde nicht mehr zu laufen, es genügt, wenn er im gegnerischen Strafraum steht und mit seinem Hintern noch Tore macht.«

Stimmt. Das habe ich ja dann auch gemacht (lacht). Nur mit Rumstehen war es unter dem Trainer Kuno Klötzer natürlich nicht viel, der hat einem dann Beine gemacht (lacht).

Mit 29 Toren trugen Sie dann wiederum maßgeblich zu einem Aufstieg bei. Bremen war zugleich auch ihre dritte Station unter dem Trainer Otto Rehhagel.

Herrn Rehhagel hatte ich in Offenbach, Dortmund und in Bremen als Trainer. In Bremen kam er dann nach dem Unfall von Klötzer. Wie man heute weiß, war das für Rehhagel das große Los.

Haben Sie noch Freunde, die Ihnen aus der Fußball-Zeit geblieben sind?

Also mit Willi Lippens bin ich noch eng befreundet. Sehr eng.

Sie sind in Münster geboren, wo auch Ihre Fußball-Karriere startete. Ist die Stadt Ihre Heimat?

Auf jeden Fall. Ich bin hier aufgewachsen, Münster ist meine Heimat. Sicherlich könnte ich auch in Lüttich sehr gut leben, dem „Klein-Paris“ (lacht). Dort hatte ich eine fantastische Zeit. Aber ich bin eben echter Münsteraner.

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