21.05.2011

Erwin Kostedde über Rassismus

»Bin ich schwarz oder weiß?«

Erwin Kostedde war der erste schwarze deutsche Nationalspieler und einer der besten Stürmer seiner Generation. Wir sprachen mit dem heute 63-Jährigen über rassistische Anfeindungen, hessische Derbys und den »Erwin-Shuffle«.

Interview: Jan Leder Bild: Imago

Herr Kostedde, unsere Leser gehören größtenteils einer Generation an, die Sie nicht mehr haben spielen sehen. Als was für einen Spielertyp würden Sie sich selbst beschreiben?

Das ist schwierig zu beantworten. Ich werde ja oft als Goalgetter hingestellt, habe natürlich auch immer viele Tore gemacht. Aber ich war immer froh, wenn ich am Spiel teilgenommen habe, wenn ich einbezogen wurde. Klar musste man als Stürmer auch mal vorne stehen und warten, aber mir hat es immer Spaß gemacht, wenn ich viel am Ball war. Und die Technik hatte ich ja, war zwar nicht der Schnellste, aber für ein gutes Konterspiel braucht man ja vor allem geistige Schnelligkeit.

Dem ein oder anderen ist noch der »Erwin-Shuffle« ein Begriff. Eine Erfindung von Ihnen?

Na ja, den dreifachen Übersteiger hat mir damals Felix »Fifi« Gerritzen in meiner Zeit bei TuS Saxonia Münster als B-Jugendlicher beigebracht. »Fifi« war ja selber ein toller Rechtsaußen gewesen. Und ich hab das damals angenommen, habe stundenlang geübt, bis ich den Trick drauf hatte. Viele aus der Mannschaft hatten das schon aufgegeben (lacht). Gegen Peter Nogly ist mir in einem Bundesligaspiel gegen den Hamburger SV mal ein fünffacher Übersteiger geglückt. In Offenbach nannte man das dann den »Erwin-Shuffle«.

Bei Kickers Offenbach haben Sie Ihre erfolgreichste Zeit in der Bundesliga verbracht, sind dort immer noch Rekordtorschütze. War das die wichtigste Station Ihrer Karriere?

Ich kam ja gerade aus Belgien zurück nach Deutschland und Offenbach war eben erst abgestiegen. Zur gleichen Zeit wurde auch Siggi Held verpflichtet und wir hatten für die zweite Liga natürlich eine überragende Mannschaft. Winfried Schäfer war dabei, auch Horst Gecks. Nach dem direkten Wiederaufstieg haben wir hier dann sehr erfolgreich gespielt. Das kannte man in Offenbach gar nicht so. In der Folgezeit haben wir sogar gegen Eintracht Frankfurt fast immer gewonnen (lacht).

Sie avancierten schnell zum Publikumsliebling.

Wenn man viele Tore erzielt, dann geht das natürlich auch schnell. Gerade gegen die Eintracht habe ich oft getroffen. Mein erstes Derby haben wir mit 3:2 gewonnen und ich habe alle drei Treffer erzielt. In Offenbach schaut man immer etwas nach Norden in Richtung Frankfurt, zum Rivalen. Da prägt man sich natürlich bei den Zuschauern, wenn man in den Derbys oft wichtige Tore geschossen hat.

Welche Rolle spielte Glück in Ihrer Karriere?

Man muss dabei natürlich auch immer ein bisschen Glück haben. Ich war ja in meiner gesamten Karriere eigentlich nie richtig schwer verletzt. Zwar hatten wir Stürmer damals äußerst harte Gegenspieler – ich erinnere mich an Gerd Zimmermann oder Detlef Pirsig. Trotzdem bin ich immer glimpflich davongekommen.

Vor dem Wechsel Richtung Offenbach spielten Sie in Belgien bei Standard Lüttich. Mit Erfolg: dreimal hintereinander belgischer Meister und im dritten Jahr mit 29 Treffern sogar Torschützenkönig. Wichtige Erfahrungen?

Absolut. Meine erste Station in der Bundesliga war zuvor schon der MSV Duisburg. Dort war mit Trainer Gyula Lorant ein harter Hund am langen Hebel. Der hat mich auch als Spieler durchaus hart rangenommen. Hier habe ich zunächst gute Spiele gemacht, war aber letztlich noch nicht Profi genug, um diesen Weg weiterzugehen. Das habe ich hier verpasst, aber nur für eine kurze Zeit.

In Lüttich wurde das anders?

Ja. Dort habe ich mich schnell zu Recht gefunden. Man muss sich das auch mal vorstellen:  dort war ich ja nahezu der einzige Nicht-Nationalspieler im Team. Das gab es damals in der Bundesliga damals noch nicht, dass so viele internationale Fußballer in den Vereinen gespielt haben. In Belgien habe ich also sehr viel gelernt, auch was es bedeutet Fußball-Profi zu sein.

Von welchen Spielern haben sie besonders profitiert?

Da war zum Beispiel Milan Galic (51-facher Jugoslawischer Nationalspieler, d. Red.). Ihn habe ich damals aus dem Team verdrängt, er war schon etwas älter. Aber von ihm habe ich unglaublich viel gelernt.

Zurück in der Bundesliga, wurden Sie in Offenbach auch zum Nationalspieler. Hat es Sie damals mit stolz erfüllt für Deutschland zu spielen?

Oh ja, das hat mich wirklich stolz gemacht. In Belgien hatte man mich damals schon angesprochen, ob ich nicht Belgier werden möchte. Ich wäre sofort Nationalspieler dort geworden. Aber mein Jugendtraum war es immer, für Deutschland zu spielen. Das geschafft zu haben, darauf bin ich sehr stolz. Ich war ja nun mal auch der erste Farbige, der das geschafft hat.

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