Erkennen Sie Jupp Heynckes wieder, Herbert Laumen?

»Als junger Trainer war er schwierig«

Hals- und Pfostenbruch: Zum Bundesliga-Abschied von Jupp Heynckes spricht Gladbach-Legende Herbert Laumen über den Noch-Bayern-Trainer als Gegenspieler bei dessen Heimatverein Grün-Weiß Holt, als Mitspieler in der Fohlen-Elf und als Erfolgscoach.

Herbert Laumen, Sie sind bei Borussia Mönchengladbach für die Traditionspflege zuständig. Wer hat sich denn von den früheren Spielern zum letzten Saisonspiel gegen die Bayern angesagt?

Da kommen einige. Der Verein hat die Pokalsieger von 1973 eingeladen. Wir treffen uns am Freitag zum Grillen im Stadion und schauen uns am Samstag gemeinsam das Spiel an. Bis auf Allan Simonsen, der gerade in Dänemark einen neuen Trainerjob übernommen hat, haben alle zugesagt.

Jupp Heynckes auch?
Der hat sich bereit erklärt, am Freitag für zwei Stunden vorbeizukommen.

Für Samstag müssen Sie ihm aber keinen Platz am Tisch der Ehemaligen frei halten?
Da sitzt er ja unten auf der Bank. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass er nach dem Spiel noch bei uns vorbeischaut. Für die Bayern beginnt ja im Grunde mit dem Schlusspfiff die Vorbereitung auf das Champions-League-Finale.

Wenn es perfekt läuft, kann Heynckes in dieser Saison drei Titel mit den Bayern holen.
Das ist schon grandios, was er in diesem Jahr mit der Mannschaft geleistet hat. Die brechen ja alle Rekorde. Nur ein Spiel verloren, auswärts noch gar nicht. Das ist schon Wahnsinn. Ich weiß nicht, ob das überhaupt noch mal übertroffen werden kann. Es sei denn von den Bayern selbst.

Aus der Ferne betrachtet: Was hat Heynckes richtig gemacht?
Es gibt Leute, die sagen: Bei den Bayern mit diesen Spielern erfolgreich zu sein – das kann doch jeder. Das sehe ich ganz anders. So viele Weltstars bei Laune zu halten ist sicher nicht einfach. Ich glaube, da hat Jupp genau den richtigen Ton getroffen. Er hat den Spielern das Gefühl vermittelt, dass jeder gebraucht wird. Das hat er grandios hinbekommen.

Mit seinem 1011. Spiel als Spieler und Trainer endet Heynckes’ Karriere in der Bundesliga am Samstag genau da, wo alles begonnen hat: in seiner Geburtsstadt Mönchengladbach, bei seinem Klub Borussia.
Ja, da schließt sich der Kreis. Das ist doch schön. Man wird ihn wahrscheinlich auch gebührend verabschieden. Jupp hat sich bei Borussia nichts zuschulden kommen lassen. Er ist hier immer gut angesehen gewesen. Und er hat ja auch ganz klar gesagt, dass sein Verein nach wie vor Gladbach ist.

Haben Sie noch regelmäßig Kontakt?
Eigentlich nicht. Jupp hat zwar ein Haus in der Nähe von Mönchengladbach, und wir wohnen auch nur drei oder vier Kilometer Luftlinie auseinander, aber über den Weg gelaufen sind wir uns noch nie.

1965 sind Sie gemeinsam in die Bundesliga aufgestiegen. Sie kennen sich also seit fast 50 Jahren …
… sogar noch länger. Wir haben schon in der Jugend gegeneinander gespielt. Wenn wir mit Borussia gegen die Klubs aus den Gladbacher Stadtteilen angetreten sind, kriegten die von uns immer die Hucke voll. Jupp Heynckes spielte damals nebenan bei Grün-Weiß Holt. Der arme Kerl! Der war der Einzige, der in dieser Mannschaft überhaupt auffiel. Aber das nutzte ihm auch nichts. Die Ergebnisse waren fast immer zweistellig.

Was hat Heynckes damals ausgezeichnet?
Er hat nie aufgegeben, bis zur letzten Minute gekämpft, weil er unbedingt Tore schießen wollte. Man konnte sofort sehen, dass Jupp in eine bessere Mannschaft gehörte. Zum Glück ist er dann zu uns gekommen.

Trainer Hennes Weisweiler soll nach seinem Amtsantritt ziemlich erbost gewesen sein, dass Heynckes noch keinen Lizenzspielervertrag besaß. Ist Weisweiler sein Entdecker?
Ach was, Jupps Talent konnte man gar nicht übersehen. Schon Weisweilers Vorgänger Fritz Langner hat ihn bei der ersten Mannschaft trainieren lassen. Jupp wusste, was er konnte und was er wollte. Dementsprechend ist er aufgetreten. Für seine 18, 19 Jahre war er rotzfrech.
Sie waren beide erfolgreiche Stürmer. Haben Sie sich als Konkurrenten gesehen?
Eigentlich nicht. Wir sind in etwa gleich gestrickt. Wir haben auch ein gutes Team gebildet vorne. In unserem zweiten Meisterjahr 1970/71 hat er 19 Tore geschossen, ich 20. Wir waren einfach ein gutes Sturmduo. Wir wussten genau, wenn der eine nicht trifft, trifft halt der andere. Das machte die Mannschaft damals stark, und deswegen haben wir nie Probleme miteinander gehabt.

Waren Sie nicht schrecklich sauer, als Heynckes 1967 nach Hannover gegangen ist?
Hennes Weisweiler war sogar stinksauer. Die haben mindestens ein Jahr nicht miteinander gesprochen. Aber das kann man auch verstehen: Weisweiler hatte eine Mannschaft geformt, die auf dem Weg nach ganz oben war – und dann musste er nicht nur Heynckes ersetzen, sondern auch Bernd Rupp, der nach Bremen ging. Da hat es ein bisschen Theater gegeben.

Immerhin ist Heynckes 1970 zu Borussia zurückgekommen.
Mit Hannover hat das nicht so geklappt, wie Jupp sich das vorgestellt hat. Ich nehme mal an, er hat eingesehen, dass es ein Fehler war, von Borussia wegzugehen. Wir standen kurz vor unserer ersten Meisterschaft, als seine Rückkehr ein Thema wurde. Weisweiler hat damals mit der Mannschaft gesprochen und uns Spieler befragt: Was haltet ihr davon?

Und?
Es gab auch Gegenstimmen. Unser Verteidiger Heinz Wittmann hatte sich in einem Spiel gegen Hannover bei einem Zweikampf mit Jupp Heynckes das Bein gebrochen. Das haben ihm einige wenige bei uns übel genommen. Aber ich stand gerade mal zwei oder drei Meter daneben, als es passiert ist. Das war mit Sicherheit keine Absicht. Zum Glück waren die meisten dafür, dass Jupp zurückkommt. Das war natürlich ein Volltreffer – obwohl es ein paar Wochen gedauert hat, bis er wieder Stammspieler war.

Wieso?
Am Anfang hat die Mannschaft weitergespielt, die gerade Meister geworden war. Bis Weisweiler mich vor unserem Europapokalspiel gegen Larnaca zur Seite genommen hat: „Hör mal, ich muss den Jupp mal einsetzen“, hat er gesagt. „Gehst du freiwillig raus?“ Nach der Pause wurde er für mich eingewechselt. Am Wochenende darauf spielten wir bei den Bayern, Heynckes kam beim Stand von 1:2 für Ulrik Le Fevre rein und erzielte in der 90. Minute den Ausgleich. Von da an war er wieder in der Mannschaft.

Erkennen Sie Ihren früheren Trainer Hennes Weisweiler in Heynckes wieder?
Weisweiler wird sein großes Vorbild gewesen sein, ganz bestimmt. Und es gibt sicher Ähnlichkeiten. Der Hennes konnte auch nicht verlieren. Eigentlich hat er uns Spieler geduzt. Wenn er uns mit Sie ansprach, wussten wir: Jetzt wird es eng.

Wie hat sich Heynckes als Trainer verändert?
Als junger Trainer war er schwierig. Er war von Ehrgeiz zerfressen. Ich weiß das von Spielern, die anfangs unter ihm trainiert haben. Wenn da ein Spiel in die Hose gegangen ist, durfte keiner einen Mucks sagen, man durfte nicht lachen, und es wurde genau darauf geachtet, was getrunken wurde. Aber er ist mit den Jahren gereift. Und was daraus geworden ist, sieht man ja jetzt. Er ist sachlicher geworden. Ein Trainer, der die ganzen Faxen nicht mitmacht und rumkaspert wie manch andere, sondern immer die Ruhe bewahrt und stets überlegt, was er sagt.

Das gefällt Ihnen besser als ein Rumpelstilzchen an der Seitenlinie?
Auf jeden Fall.

Für diese Rolle haben die Bayern ja jetzt Matthias Sammer.
Bei Sammer habe ich manchmal das Gefühl, dass das ein bisschen Show ist, was er da abzieht. Wie er zum Beispiel dem Jupp nach Toren um den Hals gefallen ist: Ich weiß nicht, ob der Jupp das unbedingt wollte.

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