Erik Wegener über den DFB-Pokal

»Bayern-Fans sind peinlich«

Erik Wegener lebt in München und ist Schalke-Fan. Wie er das aushält und warum S04 heute Abend das Endspiel erreichen wird, erklärt der Autor des Schalke-Romans »11 Feinde« im Interview mit Roland Wiedemann. Erik Wegener über den DFB-Pokal

Schalke gegen Bayern – zwei Fußball-Welten Welten prallen im Pokal-Halbfinale aufeinander. Wir haben mit Erik Wegener gesprochen. Er ist Autor, Schalke-Fan, lebt in München – und hat einen Schalke-Roman geschrieben. Darin rächt sich ein Schalke-Fan für den 19. Mai 2001, den Tag, an dem sich Schalke für viereinhalb Minuten als Meister fühlte, bevor Bayern München auf wundersame Weise durch ein Tor vorbeizog.  

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Der FC Schalke 04 steht im Pokal-Halbfinale und liegt in der Liga auf Platz zwei. Aber Herr Magath tritt ganz ordentlich auf die Euphoriebremse. Verstehen Sie das?

Na klar, Magath ist ja kein Träumer. Ich bin da voll auf seiner Linie. Woche für Woche warte ich fast darauf, dass der Einbruch kommt und die Mannschaft mal verliert. Aber sie tut es nicht. Das ist umso erstaunlicher, als da teilweise 18-Jährige auf dem Platz stehen.

Und jetzt kommen die FC Bayern-Wochen…

Diese Spiele gegen den FC Dusel, die haben was Geiles, Überragendes, sehr Intensives. Für mich sind die noch viel emotionsgeladener als die Derbys mit dem BVB. Denn die Lüdenscheider verlieren ja meistens sowieso gegen S04, aber Bayern ist immer eine superharte Nuss. Bayern zu schlagen, ist wie eine kleine Meisterschaft! Ich bin ziemlich sicher, dass Schalke sie im Pokal raushaut. 

Niko Malente, der Protagonist Ihres provokanten Schalke-Romans »11 Feinde«, lässt an den Bayern-Fans kein gutes Haar. Sind die Roten wirklich so schlimm?

Ich habe schon viele getroffen, die sich sofort dafür entschuldigt haben, dass sie zum FCB halten. Das ist bezeichnend! Die Bayern-Fans sind tatsächlich ein bisschen uninspiriert, unoriginell und oft auch peinlich. Die haben offenbar keine Fan-Rituale, wie beispielsweise die Sechziger. Da wackelt auf der Fahrt in die Allianz Arena der ganze U-Bahnwaggon und alle singen „Wer nicht hüpft, der ist ein Roter“. So etwas habe ich von Bayern-Fans in zehn Jahren noch nicht erlebt.

Schalke-Fans dagegen sind über die Maßen leidgeprüft. Skandale, selbstherrliche Präsidenten und Finanzchaos – sehnt man sich da nicht manchmal nach ein bisschen Normalität oder ist dieses Wort auf Schalke schlichtweg verpönt?

Man wünscht sich schon eine produktive Ruhe im Verein und die ist mit Magath ja eingekehrt. Schalke ist auch dann noch spannend genug. Ich gebe ja gerne zu, dass der FC Bayern ein vorbildlich geführter Klub ist, ein Finanzstreber. Da haben Leute das Sagen, die vernünftige Entscheidungen treffen und kompetent sind. Bei Schalke war das in der Vergangenheit leider nicht immer so.

Schafft es Felix Magath, aus dem FC Schalke 04 tatsächlich einen halbwegs normalen Bundesliga-Verein zu machen?

Schalke wird nie ein normaler Verein werden. Der Schalker Kreisel, Szepan und Kuzorra, Libuda, Abi und Fischer, der uralte Knappen-Mythos, die Vereinshymne, das Königsblau – all' das ist einmalig. Der Stolz der Schalker, diese Inbrunst, diese uneingeschränkte Liebe der Fans, ist nicht zu toppen. Der Klub polarisiert, weil er neidisch macht. Daran soll sich nichts ändern. Aber in der Führung muss S04 deutlich professioneller  und cleverer werden. Felix Magath ist der ideale Mann dafür.

Inwiefern?

Wie kaum ein anderer Trainer besitzt er das richtige Format für S04. Gefühlt ist Schalke ja noch mal viel größer als im Realen, gefühlt gehört Schalke in eine Liga mit Liverpool und Inter. Wer auf Schalke Erfolg haben will, muss erstens ein Kind der Bundesliga sein, er muss woanders was Großes geleistet haben, und zwar als Spieler und Trainer, und er muss ein Dickkopf sein. Deswegen konnte es mit Leuten wie Neubarth, Slomka und Rutten niemals klappen. Magath ist ein Fuchs, er hat geniale Ideen, er trifft haufenweise unpopuläre Entscheidungen, führt gnadenlos neue Strukturen ein und er macht die Spieler besser. Es ist auch sein Verdienst, dass die Fans wieder voll hinter dem Team stehen und auch mal Fehler verzeihen. Magath hat es geschafft, dass die Fans wieder stolz auf ihre Mannschaft sind.

Obwohl sie nicht gerade den attraktivsten Fußball spielt…

Die Defensive ist derzeit sicher die große Stärke, na und? Das ist keine Schande. Im Schalker Spiel ist endlich mal eine klare Linie zu erkennen. Auf Kuranyi ist Verlass, Matip ist ein Goldjunge und Rakitic ist um 200 Prozent besser geworden.

Die Schalke-Fans warten seit fast 52 Jahren auf den nächsten Meistertitel. Wann erlöst Felix Magath den treuen Anhang?

Vielleicht klappt es 2011. Die Erwartungen sind zwar jetzt schon wieder enorm gestiegen. Aber man muss auch berücksichtigen, woher man kommt. Noch vor wenigen Monaten steckte der Verein in großen finanziellen Schwierigkeiten. Felix Magath braucht auf jeden Fall noch, um seine Vorstellungen von einer Spitzenmannschaft durchzusetzen. Aber ich denke komischerweise gar nicht mehr so oft an die Schale. Momentan ist das »Gefühl Schalke« wieder ein richtig stimmiges. Das zählt. Weil der Kampf und die Leidenschaft zurück sind.

Niko Malente, dem Romanhelden, dauert das alles zu lange. Er setzt eine Freundin auf den Bayern-Stürmerstar an, er sorgt für einen Stromausfall mit anschließendem Spielabbruch in der Allianz Arena. Als das alles nichts nützt und die Bayern immer noch die Tabelle anführen, entführt Niko den Mannschaftsbus samt der Millionärstruppe.

Niko ist von den Ereignissen vom 19. Mai 2001 traumatisiert und er wohnt als Schalke-Fan in München, dieser oft kühlen Poser-Metropole. Da kommt viel zusammen. Ich habe wie Niko den 19. Mai im Stadion erlebt. »11 Feinde« ist für mich eine Art Verarbeitung der Ereignisse von damals, als die Bayern den Königsblauen den Titel weggenommen haben. 

Sie gehörten wie Niko Malente also zu den wenigen Zweiflern im Parkstadion, als nach dem 5:3-Sieg gegen Unterhaching die Meisterschaft bereits überschwänglich gefeiert wurde, obwohl das Bayern-Spiel in Hamburg noch lief?  

Damals kam der knallharte Realist in mir durch. Ebbe Sand hat einmal gesagt: »Wir waren für vier Minuten deutscher Meister. Es war ein so schönes Gefühl.« Da werde ich ein bisschen neidisch, bei mir währte dieses Gefühl nur für ein paar Sekunden. Aber es war wirklich phantastisch. In diesen zwei, drei Sekunden zog alles vor dem geistigen Auge vorüber, was ich in den vergangenen 24 Jahren als Schalke-Fan erlebt hatte und was meine Liebe zu diesem Verein ausmachte.

Was riss Sie aus allen Träumen?

Ich bin das schon so oft gefragt worden und immer wieder scheitere ich fast daran, diese surreal anmutende Szene zu beschreiben. Es war so absurd. Ich sah Oliver Kahn auf der Videoleinwand im Parkstadion und dachte mir zuerst, das ist ein gutes Zeichen. Der Geschehen muss sich vor dem Münchner Tor abspielen. Aber dann sah ich, dass Kahn in den gegnerischen Strafraum gelaufen war...

Gehen Sie seitdem noch zum Zahnarzt?

Na klar, ab und zu muss man da hin. Aber ich weiß, worauf sie anspielen. Das haben mir schon viele Leser gesagt: Eigentlich hätte mein Romanheld Niko nicht die Bayern-Spieler, sondern Herrn Merk entführen sollen.

Sie sind nachtragend.

Dafür ist das alles viel zu lange her. Rachegelüste bringen einen auch nicht weiter. Fakt ist: Herr Merk ist drei Irrtümern erlegen. Zum einen haben die Bayern beim Stand von 0:0 das Spiel immer wieder verzögert und sind am Ende dafür auch noch mit vier Minuten Nachspielzeit belohnt worden. Zudem war es natürlich kein Rückpass auf Schober. Das hat auch der DFB-Schiedsrichter-Lehrwart Eugen Strigel später bestätigt. Und dann hat Bayern-Verteidiger Willy Sagnol HSV-Torwart Mathias Schober beim Andersson-Freistoß auch noch gefoult. Ich habe immer wieder versucht, mich in Markus Merk hineinzuversetzen, um seine Entscheidung zu verstehen.

Mit welchem Ergebnis?

Ich denke, ihn beschlich eine gewisse Angst vor der Autorität des FC Bayern München im deutschen Fußball. Er hatte beim Stand von 0:0 ein Tor von Carsten Jancker nicht gegeben. Das war für ihn nicht so schlimm, so lange es eben 0:0 stand. Aber mit dem 1:0 für Hamburg wurde alles über den Haufen geworfen. Sein Unterbewusstsein stellte sich wohl die Frage: Verscherze ich es mir mit dem großen Aushängeschild FC Bayern oder doch lieber mit den herzensguten, kleineren Schalkern?

Der entscheidende Treffer fiel in der Nachspielzeit. Da war er also wieder, der Bayern-Dusel, der Niko Malente verzweifeln lässt. Andere sprechen vom Sieger-Gen der Münchner. Muss man im Umkehrschluss den Schalkern nicht ein dominantes Verlier-Gen attestieren?

Quatsch! Es gab ja Erfolge zu feiern. Zum Beispiel den Sieg im Uefa-Pokal 1997 in Mailand. Und auch im Mai 2001 gab es ja noch einen Triumph, nämlich den Pokalsieg eine Woche nach der verlorenen Meisterschaft. Das kommt übrigens in meinem Buch nicht vor. Hier gewinnt Bayern auch noch den DFB-Pokal gegen Frankfurt. Einige Schalke-Fans unter den Lesern haben nicht verstanden, warum ich diesen Sieg im Roman unterschlagen habe.

Was war denn der Grund für die Umdichtung der Wahrheit?

Einerseits sprachen dramaturgische Gesichtspunkte dafür. Denn Nikos Abneigung gegen die Bayern, die letztlich in der Entführung endet, sollte noch weiter gesteigert werden. Und zweitens ist »11 Feinde« ja kein Fußball-Sachbuch, sondern ein Roman. Eine gute Geschichte muss eben auch was Überraschendes bieten.

Niko fragt sich zu Beginn der Geschichte, was sich wohl in seinem Leben verändern würde, sollte Schalke endlich wieder deutscher Meister werden. Was würde ein solcher Erfolg für Ihr Dasein bedeuten?

Es ist ja manchmal erschreckend, wie sehr man sich über Fußball definiert. Aber so ist es nun mal. Das Rasenfieber und damit der FC Schalke 04 sind ein sehr wichtiger Part meines Lebens und deshalb wäre die Erfüllung schon ein Traum. Aber vielleicht ist es ja viel schöner, wenn das große Ziel noch vor einem liegt. Man kann sich auf etwas freuen, was ein Hertha- oder Freiburg-Anhänger vielleicht nie erleben wird. Für einen Schalke-Fan liegt der Gewinn des deutschen Meistertitels stets im Bereich des Möglichen. Das macht den Reiz aus.


Erik Wegener ist Autor von »11 Feinde«, der Schalke-Roman erscheint im Kunst- und Textwerk Verlag und ist als Taschenbuch für schlanke 9,80 Euro zu haben.  

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