Erik Meijer über die seltsame Karriere des Jan Schlaudraff

»Er sehnte sich nach Ruhm«

Genial, überheblich, immer verletzt und unverzichtbar. Mehrfach galt Jan Schlaudraff bereits als gescheitert, nun stürmt er mit Hannover 96 durch Europa. Wir sprachen mit Erik Meijer über ihre gemeinsame Zeit bei Alemannia Aachen. Erik Meijer über die seltsame Karriere des Jan SchlaudraffImago
Heft#120 11/2011
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Erik Meijer, Sie spielten zwischen 2005 und 2006 gemeinsam mit Jan Schlaudraff bei Alemannia Aachen. Sie sollen ihm einmal einen Schlafanzug geschenkt haben. Ein Wink mit dem Zaunpfahl?

Erik Meijer: Sagen wir mal so: Es gab stets zwei Jans, den launischen und den genialen. Er konnte mit seinem Spiel ganze Abwehrreihen auseinanderhebeln, er konnte großartige Pässe spielen oder durch Einzelaktionen wichtige Tore machen. Manchmal aber schlich er über den Platz, als interessiere ihn das alles überhaupt nicht.

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Wie kamen Sie als sehr extrovertierter Spieler mit dieser Haltung zurecht?

Erik Meijer: Für mich war das irgendwann okay, ich wartete einfach lange genug auf den genialen Jan.

Einige Wegbegleiter von Jan Schlaudraff sprechen von einem Spieler, der sich stets ein Stück weit zu smart für den Profifußball fühlte. Wie sehen Sie das?

Erik Meijer: Es stimmt, dass er früher ein bisschen zu vorlaut war. Das konnte natürlich zu Reibereien mit Platzhirschen führen, schließlich war er zu seiner Aachener Zeit gerade mal 22, 23 Jahre alt. Ob er sich zu schlau für den Fußball fühlte? Sagen wir es mal so: Er heißt Schlaudraff!

Im Herbst 2006 gelang ihm im Spiel gegen Werder Bremen ein Tor, das ihn über Nacht zum begehrtesten Spieler der Liga machte. Nach dem Heber sagte Tim Wiese: »Wenn das gewollt war, darf er nicht in Aachen spielen, sondern bei Real Madrid.« War das gewollt?

Erik Meijer: Ich denke schon. Nach diesem Treffer hat er kaum reagiert. Er trabte zur Außenlinie, während das Stadion explodierte. Das Tor war für ihn das Normalste von der Welt. Auch vor uns hat er es ein wenig heruntergespielt.



Warum denn?

Erik Meijer: Vielleicht weil er das überschwängliche Lob gerne hörte. Ich habe bei jedem Mittagessen gemerkt, wie sehr er es liebte, wenn ihm andere erzählten, dass dieses Tor das Genialste war, was man je im Fußball gesehen hat.

Nach was sehnte er sich?

Erik Meijer: Nach Ruhm, nach dem großen Triumph. Doch was ist daran verwerflich? Welcher Profi tut das nicht? Auch ich bin deswegen einst zum FC Liverpool gegangen. Die Sehnsucht nach dem großen Triumph ist stets ein großer Katalysator, etwas, das einen im Profifußball antreibt.

Vor seinem Wechsel zum FC Bayern, im Sommer 2007, wurde er von Trainer Michael Frontzeck suspendiert. Warum?

Erik Meijer: Er ließ sich hängen. Wir versuchten mit allen Mitteln an ihn ranzukommen, doch es gelang uns nicht.

Hob er ab?

Erik Meijer: Wissen Sie, mir war es immer egal, welchen Wagen ein Spieler fährt. Und wenn es gut läuft, fragt ja auch niemand danach. Doch in der schlechten Phase gucken die Leute natürlich genauer hin. Und sie fragen sich, warum ein Spieler nicht mit einem VW zum Training kommt, sondern plötzlich mit einem Porsche vorfährt, während er die Zusage vom FC Bayern in der Tasche hat und sich darüber hinaus, so der Anschein, auf dem Platz hängen lässt.

Nach einer enttäuschenden Saison beim FC Bayern wechselte er nach Hannover und stand auch dort schnell auf dem Abstellgleis. Jüngst schoss er 96 mit zwei Toren gegen Sevilla in die Gruppenphase der Europa League. Hätten Sie dieses Comeback für möglich gehalten?

Erik Meijer: Bei Jan ist nichts unmöglich. Ich denke auch, dass er an sich gearbeitet hat. Dass er nun versteht, worauf es im Fußball ankommt. Wenn er fit ist, wenn er gut trainiert, wenn er Spaß hat, ist er ein hervorragender Spieler.

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