26.06.2009

Erich Rutemöller über die Proteste im Iran

»Ich weiß nicht, was kommt«

Er leitete Fortbildungskurse für Trainer im Iran, war Ali Daeis Assistent als Coach der Nationalmannschaft, jetzt übernimmt er einen Beraterposten beim Teheraner Topklub Esteghlal FC. Erich Rutemöller sprach mit uns über die aktuelle Situation im Iran.

Interview: 11Freunde Bild: Imago
Bleiben Sie in jedem Fall im Iran oder sitzen Sie schon auf gepackten Koffern? Ab welchem Punkt würden Sie das Land verlassen?

Das ist eine ganz schwierige Frage, die ich mir bisher noch gar nicht gestellt habe. Ich kann mir gar nicht vorstellen, was noch kommen könnte, und habe deswegen auch gar nicht lange überlegt, ob ich wieder rüber gehen soll oder nicht. Ich gehe einfach davon aus, dass wir als Verantwortliche im Fußball in Ruhe gelassen werden. Schließlich haben wir vor allen Dingen für die fußballinteressierten Fans eine gewisse Aufgabe zu erfüllen, nämlich mit unserer Mannschaft erfolgreich zu sein.

Welchen Einfluss haben all die Geschehnisse auf den Sport?

Im Iran herrscht eine Riesen Fußballbegeisterung. Einerseits für die Nationalmannschaft, was ja leider jetzt ein bisschen weniger geworden ist durch die verpasste Qualifikation für die WM 2010. Aber vor allem auch durch die Vereinsmannschaft und die Premier League mit den beiden Topklubs aus Teheran, Esteghlal und Persepolis. Diese Begeisterung ist nach wie vor ungebrochen.

Wie schwer wiegt die Enttäuschung über die verpasste WM-Qualifikation der Nationalelf?

Das ist ja auch interessant. Das entscheidende Spiel gegen Südkorea, in dem man etwas unglücklich nur 1:1 gespielt hat, fiel so ein bisschen zusammen mit den Unruhen. Deshalb ist das Ausscheiden gar nicht so thematisiert worden, und man konnte nicht so richtig beurteilen, wie tief der Stachel der Enttäuschung sitzt.

Meinen Sie, dass die beiden Ereignisse nicht nur zeitlich, sondern auch kausal miteinander zusammenhängen könnten?

Nein, diese Verbindung darf und kann man nicht ziehen. Die Wahlen waren die eine Seite und das gleichzeitig stattfindende Qualifikationsspiel eine andere. Das kann man nicht miteinander verbinden.

Einige Spieler haben beim Spiel gegen Südkorea mit grünen Armbändern ihre Zuneigung zu Oppositionsführer Mussawi demonstriert. Droht ihnen jetzt Ungemach?

Ich weiß nicht, inwieweit das vorher in der Nationalmannschaft thematisiert und vielleicht mit dem Trainer abgesprochen wurde, oder ob es ein Alleingang der Spieler war. Diese grünen Bänder wurden ja schon vor der Wahl bei Demonstrationen für den einen oder anderen Kandidaten getragen, es war sozusagen an der Tagesordnung, und auch die Autos wurden entsprechend geschmückt. Es war also ganz normal, dass die Anhänger der jeweiligen Kandidaten auch die entsprechenden Bänder getragen hatten. Fakt ist aber, dass es von der FIFA verboten ist, politische oder religiöse Botschaften zu verbreiten.

Welche Farbe hatte den Ahmadinedschad im Wahlkampf?

Ich glaube die Farben der Nationalflagge – grün-weiß-rot.

Es ist auffällig, dass vor allem Spieler diese Aktion lancierten, die im westlichen Ausland aktiv sind. Wie stark ist die Kluft im Iran zwischen westlich orientierten Bürgern und Traditionalisten?

Gesellschaftlich kann ich das nicht so richtig beurteilen. Bei den Spielern war so etwas nie ein Thema, man hat in der Nationalmannschaft nie einen Unterschied zwischen Einheimischen und Legionären gemacht.

Gibt es denn Spieler, die lieber im »Gottesstaat« Iran bleiben und nicht ins westliche Ausland wechseln wollen?

Kann ich nicht sagen. Ich glaube aber eher im Gegenteil, dass sehr viele Spieler sehr gerne die Chance nutzen würden, sich im Ausland zu beweisen.

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