Erich Rutemöller über die Proteste im Iran

»Ich weiß nicht, was kommt«

Er leitete Fortbildungskurse für Trainer im Iran, war Ali Daeis Assistent als Coach der Nationalmannschaft, jetzt übernimmt er einen Beraterposten beim Teheraner Topklub Esteghlal FC. Erich Rutemöller sprach mit uns über die aktuelle Situation im Iran. Erich Rutemöller über die Proteste im IranImago

Herr Rutemöller, wo halten Sie sich im Moment auf?

Ich nehme derzeit einige Termine für die UEFA wahr, u.a. in Kroatien und Moldawien. Ich werde erst nächste Woche wieder nach Teheran reisen.

[ad]

Wie wohnen Sie in Teheran? Werden Sie unter den aktuellen Umständen überhaupt aus dem Haus gehen können?

Da habe ich keine Bedenken. Ich wohne im Norden Teherans. Meine täglichen Wege zum Vereinshaus und Trainingsgelände von meinem neuen Club FC Esteghlal sind kurz, da sehe ich keine Probleme. Ich werde mich allerdings vor meiner Rückkehr natürlich noch einmal informieren, wie die Lage im Iran ist.

Die Welt rätselt über das Ausmaß der Konflikte. Was bekommen Sie von den Protesten mit?

Ich bin am Tag der Wahlen nach Deutschland geflogen und hab die ganzen Unruhen nach Bekanntgabe der Ergebnisse nicht mitbekommen, stand auch noch nicht in telefonischem Kontakt. Also weiß ich genauso wenig wie alle anderen hier auch.

Wer demonstiert im Iran? Ein Durchschnitt der Gesellschaft oder nur bestimmte Schichten?

Ich bin ja noch nie mitgegangen und bin auch keiner, der so etwas dann live verfolgen muss. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass das eine sehr gemischte Gruppe aus allen Teilen der Bevölkerung ist, die da auftritt.

Würden Sie sich trauen, selbst zu demonstrieren?

Nein, das würde ich nicht machen. Ich bin dort als Fußballtrainer angestellt und möchte Politik und Sport getrennt halten.

Wie haben Sie die Iraner kennengelernt? Haben Sie auch private Kontakte?

Ja, ich habe sehr viel private Kontakte, weil sich auch sehr viel im täglichen Leben im Privaten abspielt. Man hat ja nicht so große Freizeitmöglichkeiten wie bei uns. Flapsig gesagt: Man kann nicht einfach abends in die Kneipe um die Ecke gehen und ein Bierchen trinken, weil ein striktes Alkoholverbot herrscht, man trifft sich höchstens auf einen Kaffee. Aber es passiert sehr häufig, dass man sich auf private Einladungen hin trifft. Jeder bringt dann etwas mit, und es herrscht immer eine sehr lockere und angenehme Atmosphäre.

Welcher Schlag Mensch sind die Iraner?

Es leben ja sehr viele junge Leute im Iran, ich glaube 60% der Bevölkerung sind Jugendliche. Sie sind sehr sportinteressiert, Politik ist eigentlich selten ein Thema, aber vielleicht spricht man solche Themen auch nur wegen des Gastes nicht an. Ansonsten sind alle Iraner, die ich bisher kennengelernt habe, sehr aufgeschlossen und sehr interessiert an Ihrem Gesprächspartner. Und was ich immer wieder feststelle: Sie kennen die deutsche Bundesliga besser als wir. An jedem Wochenende wird die Bundesliga übertragen. Ich habe teilweise richtige Bayern-München-Fans kennengelernt, die jeden Spieler in- und auswendig kennen und genauso über Klinsmann gemeckert haben wie alle anderen in Deutschland auch.

Bleiben Sie in jedem Fall im Iran oder sitzen Sie schon auf gepackten Koffern? Ab welchem Punkt würden Sie das Land verlassen?

Das ist eine ganz schwierige Frage, die ich mir bisher noch gar nicht gestellt habe. Ich kann mir gar nicht vorstellen, was noch kommen könnte, und habe deswegen auch gar nicht lange überlegt, ob ich wieder rüber gehen soll oder nicht. Ich gehe einfach davon aus, dass wir als Verantwortliche im Fußball in Ruhe gelassen werden. Schließlich haben wir vor allen Dingen für die fußballinteressierten Fans eine gewisse Aufgabe zu erfüllen, nämlich mit unserer Mannschaft erfolgreich zu sein.

Welchen Einfluss haben all die Geschehnisse auf den Sport?

Im Iran herrscht eine Riesen Fußballbegeisterung. Einerseits für die Nationalmannschaft, was ja leider jetzt ein bisschen weniger geworden ist durch die verpasste Qualifikation für die WM 2010. Aber vor allem auch durch die Vereinsmannschaft und die Premier League mit den beiden Topklubs aus Teheran, Esteghlal und Persepolis. Diese Begeisterung ist nach wie vor ungebrochen.

Wie schwer wiegt die Enttäuschung über die verpasste WM-Qualifikation der Nationalelf?

Das ist ja auch interessant. Das entscheidende Spiel gegen Südkorea, in dem man etwas unglücklich nur 1:1 gespielt hat, fiel so ein bisschen zusammen mit den Unruhen. Deshalb ist das Ausscheiden gar nicht so thematisiert worden, und man konnte nicht so richtig beurteilen, wie tief der Stachel der Enttäuschung sitzt.

Meinen Sie, dass die beiden Ereignisse nicht nur zeitlich, sondern auch kausal miteinander zusammenhängen könnten?

Nein, diese Verbindung darf und kann man nicht ziehen. Die Wahlen waren die eine Seite und das gleichzeitig stattfindende Qualifikationsspiel eine andere. Das kann man nicht miteinander verbinden.

Einige Spieler haben beim Spiel gegen Südkorea mit grünen Armbändern ihre Zuneigung zu Oppositionsführer Mussawi demonstriert. Droht ihnen jetzt Ungemach?

Ich weiß nicht, inwieweit das vorher in der Nationalmannschaft thematisiert und vielleicht mit dem Trainer abgesprochen wurde, oder ob es ein Alleingang der Spieler war. Diese grünen Bänder wurden ja schon vor der Wahl bei Demonstrationen für den einen oder anderen Kandidaten getragen, es war sozusagen an der Tagesordnung, und auch die Autos wurden entsprechend geschmückt. Es war also ganz normal, dass die Anhänger der jeweiligen Kandidaten auch die entsprechenden Bänder getragen hatten. Fakt ist aber, dass es von der FIFA verboten ist, politische oder religiöse Botschaften zu verbreiten.

Welche Farbe hatte den Ahmadinedschad im Wahlkampf?

Ich glaube die Farben der Nationalflagge – grün-weiß-rot.

Es ist auffällig, dass vor allem Spieler diese Aktion lancierten, die im westlichen Ausland aktiv sind. Wie stark ist die Kluft im Iran zwischen westlich orientierten Bürgern und Traditionalisten?

Gesellschaftlich kann ich das nicht so richtig beurteilen. Bei den Spielern war so etwas nie ein Thema, man hat in der Nationalmannschaft nie einen Unterschied zwischen Einheimischen und Legionären gemacht.

Gibt es denn Spieler, die lieber im »Gottesstaat« Iran bleiben und nicht ins westliche Ausland wechseln wollen?

Kann ich nicht sagen. Ich glaube aber eher im Gegenteil, dass sehr viele Spieler sehr gerne die Chance nutzen würden, sich im Ausland zu beweisen.

Der iranische Verband plant für das kommende Jahr ein Freundschaftsspiel gegen die USA. Ein Zeichen der politischen Öffnung oder nur eine Finte?

Eine solche Partie fände ich toll. Erinnern Sie sich an die WM 98? Von dem Spiel redet man im Iran heute noch, weil Iran mit 2:1 gewonnen hat. Außerdem wurde es sicherlich auch zum politischen Ereignis hochstilisiert. Aber es war ein sehr faires und freundschaftliches Aufeinandertreffen, das überhaupt nicht getragen war von Hass, von daher fände ich es gut, wenn man diese Begegnung wiederholen würde.

2006 wurde der iranische Verband kurzzeitig von der FIFA suspendiert, weil die Regierung direkt Einfluss auf Verbandsentscheidungen genommen hat. Haben Sie während Ihrer Zeit bei der Nationalmannschaft entsprechende Erfahrungen gemacht?

Ich habe den Präsidenten des Verbandes kennengelernt, auch den Vizepräsidenten, der sich noch mehr um den Fußball kümmerte. Da hab ich nie irgendwelche Probleme festgestellt, es war eine sehr saubere Zusammenarbeit. Inwieweit Verbindungen zur Politik existierten kann ich nicht sagen. Aus sportlicher Sicht hatte ich überhaupt keine Probleme.

Haben Sie Ahmadinedschad eigentlich mal persönlich kennengelernt?

Nein, beim Spiel gegen Saudi-Arabien war er wohl im Stadion. Das haben wir unten aber gar nicht mitbekommen und dann erst später im Fernsehen gesehen.

Nach diesem Spiel wurde Ali Daei als Nationaltrainer gefeuert – angeblich auf Geheiß des Präsidenten.

Davon habe ich auch gehört. Ich war damals ganz überrascht, als Ali Daei in Frage gestellt wurde. Es war auf jeden Fall ein großes Gesprächsthema, leider habe ich aufgrund der Sprachbarriere nicht alles genau mitbekommen. Ich hab von Alis Entlassung durch einen Anruf des Verbandspräsidenten erfahren, keine Ahnung, ob da noch jemand dahintersteckte.

Nach Ihrem Abschied aus der Nationalmannschaft steigen Sie nun beim aktuellen Meister Esteghlal F.C. ein – welche Funktion genau üben Sie dort aus?

Sie nennen das »Advisor«, also so eine Art Berater. Ich bin in der Vorbereitung dafür verantwortlich, ein Trainerteam zusammenzustellen. Dazu habe ich mit Rainer Kraft einen deutschen Co-Trainer geholt, daneben einen iranischen Co-Trainer, der die Landessprache spricht. Mein Aufgabengebiet umfasst einen ganz engen Kontakt zum Trainerteam, sprich Cheftrainer, die beiden Co-Trainer, Konditionstrainer, Torwarttrainer, und ständig auch die Verbindung zum Präsidium, um die Zusammenarbeit fest und die Wege kurz zu halten.

Wie bereiten Sie Rainer Kraft, der von den Stuttgarter Kickers kommt, auf die neue Aufgabe in dem völlig neuen Kulturkreis vor?

Er ist schon da, ich hab vorhin eine SMS von ihm gekriegt, dass er in Teheran sitzt, einen Kaffee trinkt und auf das Gespräch mit dem Präsidium wartet. Ich kann ihn also gar nicht groß vorbereiten und brauche es eigentlich auch nicht. Er hat den gleichen Dolmetscher, den ich jetzt immer hatte – das ist ein guter, gesetzter Typ. Er kommt schon klar. Für den Rainer ist das eine gute Sache, dass er mal seinen Horizont erweitert.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!