26.06.2009

Erich Rutemöller über die Proteste im Iran

»Ich weiß nicht, was kommt«

Er leitete Fortbildungskurse für Trainer im Iran, war Ali Daeis Assistent als Coach der Nationalmannschaft, jetzt übernimmt er einen Beraterposten beim Teheraner Topklub Esteghlal FC. Erich Rutemöller sprach mit uns über die aktuelle Situation im Iran.

Interview: 11Freunde Bild: Imago
Herr Rutemöller, wo halten Sie sich im Moment auf?

Ich nehme derzeit einige Termine für die UEFA wahr, u.a. in Kroatien und Moldawien. Ich werde erst nächste Woche wieder nach Teheran reisen.



Wie wohnen Sie in Teheran? Werden Sie unter den aktuellen Umständen überhaupt aus dem Haus gehen können?

Da habe ich keine Bedenken. Ich wohne im Norden Teherans. Meine täglichen Wege zum Vereinshaus und Trainingsgelände von meinem neuen Club FC Esteghlal sind kurz, da sehe ich keine Probleme. Ich werde mich allerdings vor meiner Rückkehr natürlich noch einmal informieren, wie die Lage im Iran ist.

Die Welt rätselt über das Ausmaß der Konflikte. Was bekommen Sie von den Protesten mit?

Ich bin am Tag der Wahlen nach Deutschland geflogen und hab die ganzen Unruhen nach Bekanntgabe der Ergebnisse nicht mitbekommen, stand auch noch nicht in telefonischem Kontakt. Also weiß ich genauso wenig wie alle anderen hier auch.

Wer demonstiert im Iran? Ein Durchschnitt der Gesellschaft oder nur bestimmte Schichten?

Ich bin ja noch nie mitgegangen und bin auch keiner, der so etwas dann live verfolgen muss. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass das eine sehr gemischte Gruppe aus allen Teilen der Bevölkerung ist, die da auftritt.

Würden Sie sich trauen, selbst zu demonstrieren?

Nein, das würde ich nicht machen. Ich bin dort als Fußballtrainer angestellt und möchte Politik und Sport getrennt halten.

Wie haben Sie die Iraner kennengelernt? Haben Sie auch private Kontakte?

Ja, ich habe sehr viel private Kontakte, weil sich auch sehr viel im täglichen Leben im Privaten abspielt. Man hat ja nicht so große Freizeitmöglichkeiten wie bei uns. Flapsig gesagt: Man kann nicht einfach abends in die Kneipe um die Ecke gehen und ein Bierchen trinken, weil ein striktes Alkoholverbot herrscht, man trifft sich höchstens auf einen Kaffee. Aber es passiert sehr häufig, dass man sich auf private Einladungen hin trifft. Jeder bringt dann etwas mit, und es herrscht immer eine sehr lockere und angenehme Atmosphäre.

Welcher Schlag Mensch sind die Iraner?

Es leben ja sehr viele junge Leute im Iran, ich glaube 60% der Bevölkerung sind Jugendliche. Sie sind sehr sportinteressiert, Politik ist eigentlich selten ein Thema, aber vielleicht spricht man solche Themen auch nur wegen des Gastes nicht an. Ansonsten sind alle Iraner, die ich bisher kennengelernt habe, sehr aufgeschlossen und sehr interessiert an Ihrem Gesprächspartner. Und was ich immer wieder feststelle: Sie kennen die deutsche Bundesliga besser als wir. An jedem Wochenende wird die Bundesliga übertragen. Ich habe teilweise richtige Bayern-München-Fans kennengelernt, die jeden Spieler in- und auswendig kennen und genauso über Klinsmann gemeckert haben wie alle anderen in Deutschland auch.

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