28.05.2013

Erich Ribbeck über unnötige USA-Reisen und Fußball 2000

»Im Nachhinein waren wir die Gurkentruppe«

Der Name Erich Ribbeck wird für deutsche Fußballfans immer mit der katastrophalen EM 2000 in Erinnerung bleiben. Wir sprachen mit ihm über den deutschen Fußball zur Jahrtausendwende, bizarre USA-Reisen der Nationalmannschaft und das Sakko von Uli Stielike.

Interview: Philipp Selldorf Bild: Albrecht Fuchs

Die Niederlage wurde als Tiefpunkt empfunden, aber da wusste noch keiner, was im letzten Gruppenspiel gegen das B-Team der bereits qualifizierten Portugiesen passieren würde.
Wir haben 0:3 verloren, das hört sich nach einer klaren Sache an, aber auch dieses Spiel hätte ganz anders laufen können. Marco Bode haut nach 20 Minuten den Ball aufs Tor, er geht gegen den Innenpfosten – und springt raus. Wenn er reingeht, gewinnen wir womöglich, und hinterher heißt es: alles wunderbar, Kameradschaft prima und so weiter.


Lothar Matthäus hat in seinem hohen Alter noch sehr gut gespielt, er hat aber auch seine Privilegien kultiviert. Hat das den Widerstand seiner Münchner Kollegen Jeremies, Hamann, Ziege und Babbel hervorgerufen?
Mehmet Scholl nicht zu vergessen. Der war auch noch dabei, wobei ich sagen muss, dass er bei mir einen guten Einfluss in der Gruppe ausgeübt hat. Andere waren nicht so hilfreich. Wenn ich nur an Didi Hamann denke …

Haben Sie unter der scharfen Kritik gelitten?
Manche Journalisten haben gedacht: Der ist ja nur ein Fußballtrainer und ein bisschen blöd in der Birne. Aber ich hatte immer ein dickes Fell, und das habe ich den einen oder anderen Journalisten auch spüren lassen. Bei der Amerikatournee zum Beispiel gab es den Reporter einer Kölner Zeitung, der hat über den Erich Ribbeck im schwarzen Nadelstreifenanzug geschrieben, nach dem Motto: Schicke Klamotten, aber von Fußball hat er keine Ahnung. Den habe ich mir dann mal gekauft. Ich habe zu ihm gesagt: »Dieser Anzug ist unser DFB-Anzug, und der ist auch nicht schwarz, sondern dunkelbraun. Aber gucken Sie mal, wie Sie rumlaufen.« Der lief nämlich immer mit so einer Konföderiertenjacke mit silbernen Knöpfen rum – bei 30 Grad im Schatten.

Der Mann war vermutlich erstaunt über Ihren Hinweis.
Sie meinen wohl, dass ich das besser nicht gemacht hätte? Stimmt vielleicht. Der hat mich danach nur noch in die Pfanne gehauen, ist ja logisch. Hätte ich an seiner Stelle vermutlich auch gemacht. In meinem Bekanntenkreis hier in Köln haben sie mich immer gefragt: »Hast du dem was getan?« – »Ja«, sag ich, »das habe ich.« Aber so ist das in dem Geschäft: Mit Kritik muss man leben. Manchmal ist sie ja auch berechtigt.

Nachdem Sie zurückgetreten sind, haben Sie nie, wie das so üblich ist in diesem Geschäft, eine Abrechnung mit Ihren Gegnern vorgelegt. Warum?
Ich hätte ein Buch schreiben können. Es gab genug Stoff. Hatte ich aber keinen Bock drauf.

Ein spannendes Kapitel wäre der Putschplan, den die Bayern-Spieler während der Vorbereitung ausgeheckt hatten ...
... als Lothar Matthäus an meiner Stelle den Trainer machen sollte, wie ich gelesen habe. Aber können Sie sich denn vorstellen, dass Hamann, Babbel, Scholl, Jeremies, Ziege und Linke ausgerechnet Matthäus als meinen Nachfolger in­stallieren wollten? Gerade den wollten sie doch loswerden.

Eben. Die Rebellen meinten wohl, als Trainer würde er weniger Schaden anrichten denn als Spieler.
Ich weiß nicht, ob es wirklich so war. Ich habe das alles erst später gelesen. Natürlich war mir klar, dass es Probleme gab, ich habe ja auch reagiert, indem ich in der Schlussphase noch mal gewechselt und Horst Hrubesch an die Stelle von Uli Stielike gesetzt habe – leider zu spät. Mit dem Horst telefoniere ich noch ab und zu. Seine späteren Erfolge als Juniorentrainer haben mich sehr gefreut, er ist noch einer vom alten Schlag. Wenn die Spieler fragen, warum sie diese oder jene Übung machen sollen, dann sagt Horst: »Pass mal auf, halt die Klappe und trainier’, sonst kannst du nach Hause gehen.«  

Die Überlieferung der Putschpläne besagt, dass Matthäus bei Franz Beckenbauer Rat suchte, ob er tatsächlich auf die Trainerbank wechseln sollte, was der offenbar nicht bejaht hat. Welche Rolle spielte Beckenbauer während Ihrer Zeit?
Franz war ja nur beschäftigt. Alles für diese WM. Ich will nicht sagen, dass ihn die Nationalmannschaft nicht interessiert hat, aber er hatte überhaupt keinen Kopf dafür. Ich erinnere mich, wie Franz bei dieser Sitzung vor dem Confed-Cup, als es darum ging, wie viele Spieler ich mitnehmen darf, zu mir sagte: »Ist doch egal, ob du drei von Bayern oder aus Bremen oder Dortmund dabei hast – die spielen doch sowieso alle gleich.« Wie der Franz halt so ist.

Wie war das bei Ihrer Installierung? Hat DFB-Präsident Egidius Braun Sie angerufen?
Es war Horst R. Schmidt, der Generalsekretär. Ich habe ihm gesagt: Ich brauche Bedenkzeit. Dann habe ich mit der Familie gesprochen und mit ein paar Freunden, die sich auskennen. Keiner hat gesagt: Lass die Finger davon. Viele Trainer hätten diesen Job gern gemacht. Und ich habe mir das auch zugetraut. Die Vereine, die mit mir gearbeitet haben, die waren ja mit meiner Arbeit zufrieden. Sonst wäre ich nicht fünf Jahre in Kaiserslautern und fünf Jahre in Frankfurt gewesen.

Es heißt, dass Sie sich in Ihrer Zeit bei Bayern München als Avantgardist versucht hätten, indem sie das Projekt Viererkette verfolgten. 1993 galt das als exotisches Abenteuer.
Ob ich der Erste war, weiß ich nicht. Aber ich erinnere mich, dass wir das in einem Test gegen Juventus Turin vor dem Saisonstart ausprobiert haben. Es war das Abschiedsspiel von Klaus Augenthaler, und den musste ich natürlich aufstellen. Da habe ich ihn in eine Viererkette gestellt, wir haben 1:3 oder 1:4 verloren – und das Experiment war gestorben.

Sieben Jahre später war das ein zentraler Streitpunkt. Die progressive Fußballkritik hielt Ihnen vor: Die ganze Welt spielt mit Viererkette, nur Deutschland hat den Libero Matthäus.
So ein Blödsinn. Soll ich Ihnen was sagen? Wenn der FC Barcelona heute mit Libero spielen würde, dann würden sie ihre Gegner genauso schlagen. Es hängt doch immer nur von den Spielern ab. Nehmen sie die 18 besten Trainer der Welt und stecken sie die in die Bundesliga – am Ende steigen zwei ab und einer wird Meister. So ist das.

Hierzu passt eines der besonders geläufigen Zitate Ihrer Bundestrainerzeit. Es lautet: »Konzepte sind Kokolores.« Dafür haben Sie mächtig Prügel bekommen.
Dabei habe ich das nie gesagt. Das steht im Internet und wird ständig hervorgeholt. Aber der Ausspruch stammt von jemand anders, ich glaube, von Otto Rehhagel. Das Wort Kokolores gehört gar nicht zu meinem Wortschatz, aber Otto benutzt es oft.

Geradezu stilbildend war, wie Sie die Torwartfrage im Nationalteam entschieden haben: Oliver Kahn war der »Torwart 1a« und Jens Lehmann der »Torwart 1b.« Wie kam es dazu?
Man hat mich gefragt: Wer ist denn besser? Da habe ich gesagt: Die sind beide sehr gut. Irgendwann habe ich dann statt zwischen 1 und 2 zwischen 1a und 1b unterschieden – obwohl es im Prinzip genau das gleiche bedeutete.

Dieses Motiv hat Jürgen Klinsmann später gern aufgegriffen.
War eine mutige Entscheidung. Aber wenn man die Interna kennt, die Zusammenhänge zwischen Bierhoff und Lehmann ... So eine Mannschaft besteht immer aus einzelnen Gruppen.

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