Erich Ribbeck über unnötige USA-Reisen und Fußball 2000

»Im Nachhinein waren wir die Gurkentruppe«

Der Name Erich Ribbeck wird für deutsche Fußballfans immer mit der katastrophalen EM 2000 in Erinnerung bleiben. Wir sprachen mit ihm über den deutschen Fußball zur Jahrtausendwende, bizarre USA-Reisen der Nationalmannschaft und das Sakko von Uli Stielike.

Albrecht Fuchs

Erich Ribbeck, herzliches Beileid: Sie sind als erfolglosester Bundestrainer in die Geschichte eingegangen.
Wenn man die Statistiken sieht, dann stehe ich ganz hinten, das stimmt. Ich war allerdings auch der einzige Bundestrainer der DFB-Geschichte, der während der Saison eingestellt wurde. Alles war bereits arrangiert, ich hatte keinerlei Einfluss auf die Planungen. Ich kam ins Amt – und musste drei Wochen später das Qualifikationsspiel in der Türkei machen. Früher hat man so was Todeskommando genannt.

So schlimm?
Die Konstellation war einfach ungünstig. Jürgen Klinsmann hatte es viel besser, der konnte zwei Jahre lang experimentieren. Als ich mal bei einem Freundschaftsspiel in Holland Zoltan Sebescen ausprobiert habe und er schwindelig gespielt wurde, da ging es gleich richtig rund. Es war schwierig. Andere Trainer wären auch nicht besser rausgekommen aus der Zeit.

Was machte diese Zeit so besonders?
Wir hatten ja darüber hinaus noch ein paar andere Todesaufträge: Wir mussten zum Beispiel nach Mexiko zu diesem FIFA-Turnier ... Wie hieß das noch?

Confederations-Cup.
Genau, zum Confed-Cup. Da mussten wir antreten, weil wir sonst die WM 2006 nicht bekommen hätten. Für diese WM mussten wir jedes Opfer bringen. Ich erinnere mich noch an die entsprechende Sitzung in Frankfurt: Die Klubs wollten ihre Spieler nicht freigeben, und so durfte ich von jedem Verein nur zwei haben. So kamen einige zu ihrem Debüt, die haben in der Folge nur noch ein, zwei Mal aufgelaufen sind.

Die Karriere von Erich Ribbeck in Bildern! >>>

Zum Beispiel Ronald Maul und Heiko Gerber.
Ich muss gestehen: Die Namen hätte ich jetzt nicht sofort gewusst. Zuerst mussten wir gegen die Brasilianer ran, die hatten sich ganz gezielt vorbereitet. Wir haben 0:4 verloren – und bekamen es kübelweise. Später gab es noch diese Reise in die USA mit drei Länderspielen, dagegen konnte ich mich auch nicht wehren. Auch so ist meine miese Statistik entstanden. Die Leute wissen das ja gar nicht mehr. Die lesen die Zahlen und sagen: »Der Ribbeck war ja eine schöne Flasche.« Ich konnte und kann damit aber gut leben. Weil ich weiß, was passiert ist.

Sie haben damals selten den Anschein erweckt, als hätte Sie die Kritik und allgemeine Häme sonderlich erschüttert.
Bei mir ging’s, aber für meine Familie war das nicht so einfach, wenn die wieder in der Zeitung lesen mussten, was ich für einen Mist gebaut hätte.

Ihr Dienst beim DFB hatte ja schon unruhig begonnen. Die Trainersuche des Präsidenten Egidius Braun trug komödiantische Züge. Erst durfte sich Paul Breitner als Bundestrainer wähnen, dann Uli Stielike, schließlich wurden Sie präsentiert. Wie haben Sie diese Unordnung erlebt?
Da kam einiges zusammen, der Start war denkbar ungünstig. Schon die Einführungsrede des Präsidenten, als ich in Frankfurt vorgestellt wurde ... Es ist nicht ideal gelaufen, höflich formuliert. Normalerweise hätte ich gleich sagen müssen: »Danke, meine Herren, Thema ist erledigt.« Aber wer macht das in so einer Situation? Dann wären sie ja auch alle über mich hergefallen.

Der Vorstellungstermin wurde vor allem von dem Entsetzen über das Jackett ihres Assistenten Uli Stielike bestimmt.
(denkt nach) Ich habe es auch gesehen. Tja. Jeder hat seinen eigenen Geschmack. Der Uli Stielike war nicht verkehrt, doch zwischen uns beiden hat es nicht gepasst. Aber ich musste meinen Assistenten praktisch über Nacht nehmen. Ich wusste gar nicht, dass der sich selbst Hoffnungen gemacht hatte, Bundestrainer zu werden. Im Nachhinein ist mir klar: Es wäre besser gewesen, Rainer Bonhof zu nehmen, obwohl er damals Hüftprobleme hatte und nicht richtig trainieren konnte...

Wenn man auf Ihre Zeit als Bundestrainer zurückschaut, dann kommt einem das vor wie die wilden Anfänge des Fußballs.
Heute ist alles in viel besser geordneten Bahnen. Bei mir kam wirklich viel zusammen. Allein der Wirbel um Lothar Matthäus, den ich unbedingt haben wollte.

Die Debatte um Lothar Matthäus hat Sie die ganze Zeit begleitet. Christoph Daum, damals bei Bayer Leverkusen und einer der führenden Trainer der Liga, berichtete mal aus einem Telefongespräch mit Ihnen: »Der Erich hat mir gesagt, dass er sich immer über meine Hilfe freuen würde. Da habe ich ihm geantwortet: Erich, ich kann dir nicht helfen – den entscheidenden Fehler hast du schon gemacht.« Er meinte die Reaktivierung des unter Berti Vogts bereits pensionierten Matthäus.

Ich halte die Entscheidung auch heute noch für richtig. Was ich nicht bedacht hatte damals: Was Lothars Wechsel von Bayern München zu den New York Metro Stars bedeuten würde. Ich wusste zwar, dass er in Amerika nicht die Beine hochlegt, aber was ich unterschätzt habe, waren die Folgen seiner Abwesenheit. Solange er in München war, hatte er die Mannschaft im Griff. Aber sobald er weg war, kamen die Bayern-Spieler aus ihren Löchern, und jeder hat geglaubt, er müsse nun seine eigene Position in der Gruppe finden. Das war abträglich für die Leistung der ganzen Mannschaft.

Es gab damals heftige Fraktionskämpfe im Team. Doch Matthäus hat sozusagen alle gegen sich vereint.
Sicherlich. Wie gesagt: Solange er in München war, haben alle die Klappe gehalten, danach war es anders. Trotzdem muss ich sagen: Letztlich hing doch alles nur an unserem ersten Spiel bei der EM 2000. Das war eines der wenigen Spiele gegen die Engländer in der DFB-Geschichte, in denen wir wirklich mal besser waren – und dann haben wir 0:1 verloren. Normalerweise ist es ja umgekehrt: Wir sind schlechter, gewinnen aber.

Die Niederlage wurde als Tiefpunkt empfunden, aber da wusste noch keiner, was im letzten Gruppenspiel gegen das B-Team der bereits qualifizierten Portugiesen passieren würde.
Wir haben 0:3 verloren, das hört sich nach einer klaren Sache an, aber auch dieses Spiel hätte ganz anders laufen können. Marco Bode haut nach 20 Minuten den Ball aufs Tor, er geht gegen den Innenpfosten – und springt raus. Wenn er reingeht, gewinnen wir womöglich, und hinterher heißt es: alles wunderbar, Kameradschaft prima und so weiter.


Lothar Matthäus hat in seinem hohen Alter noch sehr gut gespielt, er hat aber auch seine Privilegien kultiviert. Hat das den Widerstand seiner Münchner Kollegen Jeremies, Hamann, Ziege und Babbel hervorgerufen?
Mehmet Scholl nicht zu vergessen. Der war auch noch dabei, wobei ich sagen muss, dass er bei mir einen guten Einfluss in der Gruppe ausgeübt hat. Andere waren nicht so hilfreich. Wenn ich nur an Didi Hamann denke …

Haben Sie unter der scharfen Kritik gelitten?
Manche Journalisten haben gedacht: Der ist ja nur ein Fußballtrainer und ein bisschen blöd in der Birne. Aber ich hatte immer ein dickes Fell, und das habe ich den einen oder anderen Journalisten auch spüren lassen. Bei der Amerikatournee zum Beispiel gab es den Reporter einer Kölner Zeitung, der hat über den Erich Ribbeck im schwarzen Nadelstreifenanzug geschrieben, nach dem Motto: Schicke Klamotten, aber von Fußball hat er keine Ahnung. Den habe ich mir dann mal gekauft. Ich habe zu ihm gesagt: »Dieser Anzug ist unser DFB-Anzug, und der ist auch nicht schwarz, sondern dunkelbraun. Aber gucken Sie mal, wie Sie rumlaufen.« Der lief nämlich immer mit so einer Konföderiertenjacke mit silbernen Knöpfen rum – bei 30 Grad im Schatten.

Der Mann war vermutlich erstaunt über Ihren Hinweis.
Sie meinen wohl, dass ich das besser nicht gemacht hätte? Stimmt vielleicht. Der hat mich danach nur noch in die Pfanne gehauen, ist ja logisch. Hätte ich an seiner Stelle vermutlich auch gemacht. In meinem Bekanntenkreis hier in Köln haben sie mich immer gefragt: »Hast du dem was getan?« – »Ja«, sag ich, »das habe ich.« Aber so ist das in dem Geschäft: Mit Kritik muss man leben. Manchmal ist sie ja auch berechtigt.

Nachdem Sie zurückgetreten sind, haben Sie nie, wie das so üblich ist in diesem Geschäft, eine Abrechnung mit Ihren Gegnern vorgelegt. Warum?
Ich hätte ein Buch schreiben können. Es gab genug Stoff. Hatte ich aber keinen Bock drauf.

Ein spannendes Kapitel wäre der Putschplan, den die Bayern-Spieler während der Vorbereitung ausgeheckt hatten ...
... als Lothar Matthäus an meiner Stelle den Trainer machen sollte, wie ich gelesen habe. Aber können Sie sich denn vorstellen, dass Hamann, Babbel, Scholl, Jeremies, Ziege und Linke ausgerechnet Matthäus als meinen Nachfolger in­stallieren wollten? Gerade den wollten sie doch loswerden.

Eben. Die Rebellen meinten wohl, als Trainer würde er weniger Schaden anrichten denn als Spieler.
Ich weiß nicht, ob es wirklich so war. Ich habe das alles erst später gelesen. Natürlich war mir klar, dass es Probleme gab, ich habe ja auch reagiert, indem ich in der Schlussphase noch mal gewechselt und Horst Hrubesch an die Stelle von Uli Stielike gesetzt habe – leider zu spät. Mit dem Horst telefoniere ich noch ab und zu. Seine späteren Erfolge als Juniorentrainer haben mich sehr gefreut, er ist noch einer vom alten Schlag. Wenn die Spieler fragen, warum sie diese oder jene Übung machen sollen, dann sagt Horst: »Pass mal auf, halt die Klappe und trainier’, sonst kannst du nach Hause gehen.«  

Die Überlieferung der Putschpläne besagt, dass Matthäus bei Franz Beckenbauer Rat suchte, ob er tatsächlich auf die Trainerbank wechseln sollte, was der offenbar nicht bejaht hat. Welche Rolle spielte Beckenbauer während Ihrer Zeit?
Franz war ja nur beschäftigt. Alles für diese WM. Ich will nicht sagen, dass ihn die Nationalmannschaft nicht interessiert hat, aber er hatte überhaupt keinen Kopf dafür. Ich erinnere mich, wie Franz bei dieser Sitzung vor dem Confed-Cup, als es darum ging, wie viele Spieler ich mitnehmen darf, zu mir sagte: »Ist doch egal, ob du drei von Bayern oder aus Bremen oder Dortmund dabei hast – die spielen doch sowieso alle gleich.« Wie der Franz halt so ist.

Wie war das bei Ihrer Installierung? Hat DFB-Präsident Egidius Braun Sie angerufen?
Es war Horst R. Schmidt, der Generalsekretär. Ich habe ihm gesagt: Ich brauche Bedenkzeit. Dann habe ich mit der Familie gesprochen und mit ein paar Freunden, die sich auskennen. Keiner hat gesagt: Lass die Finger davon. Viele Trainer hätten diesen Job gern gemacht. Und ich habe mir das auch zugetraut. Die Vereine, die mit mir gearbeitet haben, die waren ja mit meiner Arbeit zufrieden. Sonst wäre ich nicht fünf Jahre in Kaiserslautern und fünf Jahre in Frankfurt gewesen.

Es heißt, dass Sie sich in Ihrer Zeit bei Bayern München als Avantgardist versucht hätten, indem sie das Projekt Viererkette verfolgten. 1993 galt das als exotisches Abenteuer.
Ob ich der Erste war, weiß ich nicht. Aber ich erinnere mich, dass wir das in einem Test gegen Juventus Turin vor dem Saisonstart ausprobiert haben. Es war das Abschiedsspiel von Klaus Augenthaler, und den musste ich natürlich aufstellen. Da habe ich ihn in eine Viererkette gestellt, wir haben 1:3 oder 1:4 verloren – und das Experiment war gestorben.

Sieben Jahre später war das ein zentraler Streitpunkt. Die progressive Fußballkritik hielt Ihnen vor: Die ganze Welt spielt mit Viererkette, nur Deutschland hat den Libero Matthäus.
So ein Blödsinn. Soll ich Ihnen was sagen? Wenn der FC Barcelona heute mit Libero spielen würde, dann würden sie ihre Gegner genauso schlagen. Es hängt doch immer nur von den Spielern ab. Nehmen sie die 18 besten Trainer der Welt und stecken sie die in die Bundesliga – am Ende steigen zwei ab und einer wird Meister. So ist das.

Hierzu passt eines der besonders geläufigen Zitate Ihrer Bundestrainerzeit. Es lautet: »Konzepte sind Kokolores.« Dafür haben Sie mächtig Prügel bekommen.
Dabei habe ich das nie gesagt. Das steht im Internet und wird ständig hervorgeholt. Aber der Ausspruch stammt von jemand anders, ich glaube, von Otto Rehhagel. Das Wort Kokolores gehört gar nicht zu meinem Wortschatz, aber Otto benutzt es oft.

Geradezu stilbildend war, wie Sie die Torwartfrage im Nationalteam entschieden haben: Oliver Kahn war der »Torwart 1a« und Jens Lehmann der »Torwart 1b.« Wie kam es dazu?
Man hat mich gefragt: Wer ist denn besser? Da habe ich gesagt: Die sind beide sehr gut. Irgendwann habe ich dann statt zwischen 1 und 2 zwischen 1a und 1b unterschieden – obwohl es im Prinzip genau das gleiche bedeutete.

Dieses Motiv hat Jürgen Klinsmann später gern aufgegriffen.
War eine mutige Entscheidung. Aber wenn man die Interna kennt, die Zusammenhänge zwischen Bierhoff und Lehmann ... So eine Mannschaft besteht immer aus einzelnen Gruppen.

Haben Sie sich als Bundestrainer zu wenig gewehrt? Haben Sie versäumt, Ihren Ruf zu verteidigen?
Nein, dazu habe ich keinen Grund gesehen. Wir haben ja auch ein paar Spiele gewonnen, und einige waren richtig gut. Aber Sie kennen ja die Schwarzweißmalerei. Wer verliert, der ist der Depp. Wenn unser Mittelstürmer, der Carsten Jancker, noch ein Münchner, gegen die Engländer das 1:0 schießt, dann gewinnen wir womöglich und spielen ein gutes Turnier. Aber er haut aus fünf Metern vorbei. Und Markus Babbel schläft beim Tor der Engländer. Zwei Szenen – und im Nachhinein waren wir die Gurkentruppe.

Immerhin wurde die deutsche Fußballsprache um den Fachbegriff »Rumpelfüßler« erweitert. 
Rumpelfüßler hat es vor meiner Zeit gegeben und danach auch. Die heutige Generation ist anders, da hat sich natürlich enorm viel getan. Allein wenn man Spieler wie Mario Götze oder Julian Draxler reden hört. Der eine ist 18, der andere 17, und man hat das Gefühl, da reden gestandene Männer.

Jens Jeremies hat gesagt: »Die Figuren, auf die sich Erich Ribbeck gestützt hat, die waren in der Mannschaft umstritten.«
Er war ja auch ein Stammspieler. Ich habe auf ihn gebaut.

Haben Sie noch Kontakt zu Matthäus?
Wir telefonieren schon mal. Mir tut er ein bisschen leid. Ich glaube, er ist ein guter Trainer, aber er tut sich an anderer Stelle schwer.

Mit seinen Frauengeschichten, um das zu präzisieren.
Tja. Das Problem ist: Er polarisiert so. Die einen sind für, die anderen sind gegen ihn.

 Passend zu den übrigen Turbulenzen gab es auch noch eine Ausgeh-Affäre, im Mittelpunkt standen wieder Ihre Freunde Jeremies, Babbel und Hamann, die einen freien Tag für den Ausflug nach Köln nutzten. Was fällt Ihnen zu diesem angeblichen Trinkgelage ein?
Ich hatte den Abend freigegeben. Irgendwie muss man ja auch die Zeit vertreiben. Intelligenterweise sind die drei nach Köln gefahren und haben sich da gezeigt.

Tief nachts.
Ich habe ihnen nicht gesagt, dass sie um Mitternacht wieder im Hotel sein müssen. Bewusst nicht gesagt. Gegen wen spricht das? Spricht es gegen die Spieler? Gegen den DFB? Gegen mich? So was ist zu allen Zeiten passiert. Auch die Weltmeister von 1974 und 1990 sind aus dem Fenster geklettert.

Dann gab es ja noch die berühmte Abschlussfeier im Teamhotel in Vaals nach dem 0:3 gegen Portugal, dem finalen und eindeutigen EM-Aus. Haben Sie auch auf der Terrasse gesessen, Bier getrunken und »Anton aus Tirol« mitgesungen?
Ich bin nicht bis morgens um fünf aufgeblieben, ich bin ins Bett gegangen. Was soll’s? Wären wir weitergekommen, wären die Spieler nicht so lange sitzengeblieben. Und wenn sie an diesem speziellen Abend um zwölf ins Bett gegangen wären, dann hätte es geheißen: »Diese Duckmäuser spielen scheiße und gehen auch noch um zwölf ins Bett.«

Es gab eine große moralische Empörung in Deutschland. Rainer Holzschuh, der »Kicker«-Chefredakteur, erregte sich über das Verhalten der Fußballer »in der Nacht der Katastrophe«.
Die Journalisten haben wohl im Busch gesessen und zugesehen. Dabei war es doch völlig einerlei, ob sich die Spieler nach ihrem Ausscheiden noch mal die Kante geben oder nicht. Ich war in dieser Nacht auf meinem Zimmer und konnte nicht einschlafen. Am nächsten Tag bin ich dann zur Pressekonferenz und hab gesagt: »Das war’s.« Es wurde dann geschrieben, ich hätte die Verantwortung übernommen. So ein Quatsch. Was heißt denn Verantwortung? Aber ich war nun mal der leitende Mann, und dem musste ich mich stellen. Fertig, aus.

Heutzutage heißt es, die Pleite bei der EM 2000 habe die Verantwortlichen endlich zur Besinnung gebracht. Reformen folgten, und den Reformen folgen jetzt viele, viele junge begabte Fußballer. Ein Trost?
Auf jeden Fall sehe ich es mit einem gewissen Amüsement, wer sich jetzt alles die Verdienste an die Brust heftet. Die ganze Entwicklung um die jungen Spieler von heute geht ja auf einen Zeitpunkt zurück, der noch in meine Zeit fällt. Berti Vogts hat das ganz intensiv betrieben, aber der maßgebende Mann, der dieses sogenannte Stützpunkttraining für die Zehn- bis Vierzehnjährigen mit größter Akribie aufgebaut hat, das war Dietrich Weise – von dem man heute gar nichts mehr hört.

Warum haben Sie nicht mehr im Fußball gearbeitet nach Ihrer Zeit als Bundestrainer?
Es gab Anfragen aus dem Ausland. Aber ich wollte das nicht mehr. Ich war 63, als ich beim DFB aufgehört habe. Ich war mehr als 30 Jahre Trainer, das reichte mir.

Sehen Sie heute Ihre Zeit als Bundestrainer als Gewinn?
Als Gewinn würde ich es nicht bezeichnen. Andererseits: Wenn ich es nicht gemacht hätte, dann würde es auch nicht viel ändern. Ob eines Tages, wenn ich die Augen zudrücke, 1000 Leute bei der Beerdigung sind oder 500, das spielt ja keine Rolle.

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