15.07.2010

Erich Beer über Viererpacks und Kostedde

»Bei Vollmond zog Erwin los«

Berlin im Herbst 1975: Erich Beer trifft gegen Weinheim, Uerdingen und Hannover jeweils viermal. Ein Gespräch über die Kunst des Toreschießens, Erwins Kosteddes Vollmondnächte und Herthas aktuelle Misere.

Interview: Andreas Bock Bild: imago
Wie groß war der Anteil von Trainer Georg Kessler an Ihrer Leistung in diesen Monaten?

Erich Beer: Kessler war ein Motivationskünstler. In der Kabine stellte er sich an die Taktiktafel und verglich die einzelnen Spieler miteinander. Er nahm also einen gegnerischen Spieler heraus und setzte ihn unserem Pendant gegenüber. Dabei hob er ausschließlich die Stärken und Vorteile unseres Spielers hervor. So flösste Kessler uns sehr viel Selbstbewusstsein ein. Ich erinnere mich an eine Partie bei den Glasgow Rangers, die als haushoher Favorit ins Spiel gingen. Kessler baute sich in der Kabine vor uns auf und sagte: »Ich habe noch mit keiner Mannschaft hier verloren. Und mich euch werde ich das erst recht nicht!« Wir gewannen 3:2.

Wie kam es, dass Sie Georg Kessler »Sir« nannten?

Erich Beer: Das hat eine Zeitung etabliert, die ihn gerne als »Sir« titulierte, weil er sich sehr vornehm anzog und in seiner ganzen Erscheinung ein sehr eleganter Mann war. Festlichkeiten waren ihm auch sehr wichtig. Vor der Saison 1974/75 ließ er sich nicht nur eine Meisterschaftsprämie, sondern auch eine Vizemeisterschaftsprämie in seinen Vertrag schreiben. Als wir dann tatsächlich Vizemeister wurden, lud er die Mannschaft und die Spielerfrauen zu einem wunderschönen Fest ein.

War Kessler Ihr wichtigster Trainer?


Erich Beer: Auch meine anderen Trainer waren wichtig: Max Merkel brachte mir etwa in Nürnberg bei, was es heißt, in der Bundesliga zu bestehen. Doch Kessler war der wichtigste, das stimmt, zumal ich bei ihm auch meine beste Zeit  hatte. Wir wurden mit Hertha Vizemeister und erreichten das Pokalendspiel – darüberhinaus kam ich auch menschlich mit ihm aus.

Die Saison 1975/76 endete nach der Vizemeisterschaft von 1974/75 und trotz ihres goldenen Herbstes allerdings enttäuschend. Am Ende stand Hertha auf dem 11. Platz. Wieso konnten Sie die Leistung der Vorsaison nicht konservieren?

Erich Beer: Ich glaube, das war ein ähnliches Phänomen, wie wir es momentan beim VfB Stuttgart oder dem VfL Wolfsburg erleben. Diese beiden Mannschaften wurden recht überraschend Meister und starteten mit dem Glauben in eine neue Saison, dass es so weiter geht, dass für schwächere Mannschaften auch eine durchschnittliche Leistung ausreicht. Das spielt sich unterbewusst ab. Da diese Mannschaften aber, wie wir auch damals, keine Starspieler in ihren Reihen haben, sondern auf eine durchgehend stabile Teamleistung angewiesen sind, fallen sie ab, sobald nur ein paar Spieler fünf oder zehn Prozent weniger Leistung abrufen.

Oft zerbrechen Mannschaften an solchen Situationen. Es bilden sich Grüppchen. Wie war das zu Ihrer Hertha-Zeit?

Erich Beer: Heute ist die Grüppchenbildung bedingt durch die vielen Nationalitäten. Viele Brasilianer etwa kommen in die Bundesliga und sprechen kaum ein Wort Deutsch. Da ist es nur logisch, dass sich diese Spieler ausschließlich im Kreise ihrer Landsleuten  aufhalten. Früher war das anders, zumindest haben wir versucht, so viel wie möglich gemeinsam zu unternehmen. Wir haben uns häufig im großen Kreis getroffen, also mit Freunden und Spielerfrauen.

Heute gibt es die Ausgangssperre.

Erich Beer: Das stimmt. Du kannst nie länger wegbleiben, ohne dass es am nächsten Tag in der »Bild« steht.

Damals war das möglich?


Erich Beer: Eher. Allerdings gab es bei uns kaum Spieler, die das überreizt haben. Ich kann mich nur an die gelegentlichen Touren von Erwin Kostedde erinnern, der war häufiger ein paar Tage unterwegs. Vor allem dann, wenn Vollmond war.

Er war abergläubig?

Erich Beer: Nein, das war eher ein Tick. Er hat immer gesagt: »Wenn Vollmond ist, muss ich losziehen.« Es gibt ja so Leute, die drehen durch, wenn Vollmond ist.

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