15.07.2010

Erich Beer über Viererpacks und Kostedde

»Bei Vollmond zog Erwin los«

Berlin im Herbst 1975: Erich Beer trifft gegen Weinheim, Uerdingen und Hannover jeweils viermal. Ein Gespräch über die Kunst des Toreschießens, Erwins Kosteddes Vollmondnächte und Herthas aktuelle Misere.

Interview: Andreas Bock Bild: imago

Erich Beer, für Nicht-Berliner: Warum wurden Sie von den Fans eigentlich »Ete« Beer gerufen?

Erich Beer: Bei meinem ersten Hertha-Training kam Arno Steffenhagen auf mich zu und sagte: »Wie Erich? Erich gibt es nicht in Berlin. Es gibt nur Ete.« Ete?, antwortete ich, nie gehört. Doch fortan hieß ich so: Ete. Und kurze Zeit später nannten mich alle Ete – auch die Fans.



Bei den Hertha-Fans genießen Sie immer noch sehr hohes Ansehen. Als Sie im letzten Jahr zur Mitgliederversammlung erschienen, ernteten Sie den lautesten Applaus. Woher rührt Ihre Popularität?

Erich Beer: Vermutlich weil ich der Hertha lange Jahre die Treue gehalten habe. Nach dem Bundesligaskandal von 1971 hätte ich das sinkende Schiff problemlos verlassen können, ich hatte ein Angebot vom FC Bayern. Doch ich blieb. Zum einen, weil ich mich in Berlin unwahrscheinlich wohl fühlte, zum anderen, weil mich der damalige Hertha-Vorstand als Kopf einer neuen Generation behalten wollte. Man versprach, um mich herum eine neue Mannschaft aufzubauen. Ich spürte also sehr viel Vertrauen. Vom Vorstand und von den Fans.

Auch Ihre Spielweise dürfte den Hertha-Fans im Gedächtnis geblieben sein.

Erich Beer: Wahrscheinlich, Fußballfans lieben Spieler, die nie aufstecken, die immer weiter kämpfen. Und wenn diese Spieler dann noch Tore schießen, hat kein Fan der Welt etwas zu beanstanden.

In der Saison 1975/76 schossen Sie Tore nach Belieben. Sie etablierten den Viererpack.

Erich Beer: Nun, ich traf in zwei Spielen jeweils viermal, das stimmt.

In drei Spielen.

Erich Beer: Beim 5:0 gegen Bayer Uerdingen im August 1975 und beim 6:2 gegen Hannover 96...

...und beim 7:1 im Pokal gegen Weinheim. Bemerkenswert dabei ist, dass zwischen dem ersten und dem dritten Spiel nur zwei Monate liegen. Herr Beer, wie geht das? Wie schießt man Tore?

Erich Beer: Eine rationale Erklärung wird ihnen kein Stürmer der Welt liefern können. Scheinbar war das mein Herbst. Zumal auch mein zweites Länderspiel im September 1975 recht erfolgreich verlief. Wir spielten damals gegen Österreich und ich kam erst zur zweiten Halbzeit, das Spiel endete 2:0, ich machte beide Tore.

Alles Kopfsache also?

Erich Beer: Vielleicht. Ich erhielt im Mai 1975 meine erste Nominierung für die Nationalmannschaft und war unheimlich stolz. Diese Berufung beflügelte mich über Monate, mein Selbstbewusstsein wuchs von Spiel zu Spiel.

Bis Ende der Hinrunde schossen Sie in 21 Pflichspielen 23 Tore – eine sensationelle Quote für einen Mittelfeldspieler. Waren Sie eigentlich ein verkappter Stürmer?

Erich Beer: Ich spielte direkt hinter den Spitzen und hatte in der Saison mit Lorenz Horr und Erwin Kostedde zwei kongeniale Partner. Wir drei liebten das Kurzpassspiel, den Doppelpass und den schnellen Abschluss. Und wenn meine Schüsse aus der zweiten Reihe abprallten, dann waren die beiden Jungs zur Stelle.

Wissen Sie, dass Sie bis dato der einzige Herthaner sind, der vier Tore in einem Auswärtsspiel geschossen hat?

Erich Beer: Wusste ich nicht. Doch ganz ehrlich: Das interessiert mich nicht. Denn auch wenn es abgedroschen klingt: Das was zählt, ist die Mannschaft. 

Thomas Brdaric sagte einmal, es sei für einen Stürmer schöner, bei einem 4:4 vier Tore zu machen, als bei einem 1:0-Sieg kein Tor zu erzielen. Können Sie eine solche Einstellung nachvollziehen?

Erich Beer: Überhaupt nicht. Ich würde jedenfalls gerne drei von meinen vier Toren abgeben, damit Hertha am kommenden Samstag gegen Hannover gewinnt.

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