24.05.2011

Eric Cantona packt aus

»Ich habe genug gelitten«

Eric Cantona, ehemals einer der ganz großen Fußballer der Welt, über Gesänge auf ihn, seinen Film »Looking for Eric« und die legendäre Pressekonferenz über Möwen und Fischkutter, mit der er 1997 seine Profi-Karriere beendete.

Interview: Peter Beddies Bild: Imago
Eric Cantona packt aus

Eric Cantona, gehört Größenwahn dazu, sich bei einem Ken-Loach-Film selbst ins Gespräch zu bringen?

Ich weiß nicht so recht, warum alle Welt immer davon ausgeht, dass meine Aktionen etwas mit Draufgängertum oder Größenwahn zu tun haben? Dieses Mal war es einfach so, dass ich die logischen Schlüsse aus dem Kult um mich gezogen habe.



Das heißt, man hat Sie zuviel gelobt?

Das würde ich auch wieder nicht sagen. Aber wenn die Ehrungen nicht abreißen, die United-Fans immer noch Lieder auf mich singen, wenn einem immer wieder gesagt wird, dass man eine Kultfigur ist, ergreift man irgendwann eine Konsequenz.

In diesem Fall, sich selbst zu spielen, unter der Regie eines der besten europäischen Filmemachers.

Genau so ist es. Ich bin ja nun schon eine ganze Weile Schauspieler. Was nicht sofort erfolgreich war und immer noch nicht soviel Spaß macht wie einst auf dem Rasen. Aber was man mir ständig angeboten hat: Spiel doch irgendwas mit deinem Namen. Mit der Idee bin ich zu Ken Loach gegangen.
Der erst einmal wie reagiert hat?

Der hat sich verarscht gefühlt, glaube ich zumindest. Er kam recht skeptisch zum ersten Treffen. Vielleicht dachte er, ich würde gleich wieder aufstehen und gehen.

Wäre ihm nicht zu verübeln. Die legendäre Pressekonferenz, mit der Sie sich 1997 verabschiedeten, hat er ans Ende des Films gesetzt. Sie laden die Weltpresse ein und verabschieden sich mit einem Satz, der heute zu den Klassikern zählt: »Die Möwen folgen dem Fischkutter, weil sie glauben, dass die Sardinen wieder ins Wasser geworfen werden.« Wie lange haben Sie daran gesessen?

Überhaupt nicht lang. Er ist mir in dem Moment eingefallen, als diese ganzen Sportjournalisten vor mir saßen und mit gierigen Augen darauf warteten, dass ich Ihnen eine Sensation liefere. In dem Moment hatte ich das Bild des Fischkutters vor mir, dem die Möwen folgen. Später haben mir viele Leute gesagt, dass das sehr riskant von mir gewesen sei. Aber hey, wo wären wir ohne Risiko? 

Keine Überlegung, den Leuten zu erklären, was in Ihnen vorgegangen ist?

Wie sollte ich das anders sagen? Soll ich mich hinsetzen und den Leuten wie im Gebet wiederholen, dass all das eine große Scheiße ist (Cantona hatte einen Fan mit einem Kung-Fu-Tritt verletzt, Anm. d. Red.). Dass ich Mist gebaut und dafür zur Genüge gelitten habe, dass ich sogar das Innere eines Gefängnisses kennenlernen musste? Nein, das konnte ich nicht sagen.

Wie haben Sie Ken Loach überzeugt, dass Sie es ernst meinen?

Ich habe ihm einfach gesagt, dass ich mich selbst spielen würde. Also keinen alternden Fußballer, der so aussieht wie ich. Ich wollte voll auf Risiko gehen. Was ich in »Looking for Eric« gemacht habe, das kann ich nur einmal machen. Ich hoffe, dass ich noch viele Rollen spielen werde. Aber Eric Cantona kann ich nie wieder spielen. Das hat Ken Loach beeindruckt.

In den Film um einen alternden Postboten, der sein Leben nicht in den Griff kriegt und sich immer mit dem Plakat von Eric Cantona unterhält, bis der plötzlich auftaucht, sind mit Liebe zum Detail etliche Tore von Ihnen eingebaut. Auf die Frage nach dem besten antworten Sie

Dass es kein Tor war, sondern ein Pass. Ich weiß, man sagt, dass ich das Sunderland-Tor als das schönste meiner Karriere ansehe. Aber das stimmt nicht. Es war ein Spiel gegen Tottenham, und ich war derjenige, der den Pass gegeben hat, der zum Tor führte. Einer dieser Gänsehaut-Momente, den die Leute nicht vergessen, wenn sie dabei gewesen sind.

Verstehen Sie, warum die United-Fans heute noch Lieder über »Eric the King« singen, wenn Sie im Stadion sind?

Nein, das versucht man anfangs vielleicht zu verstehen. Da fühlt man sich großartig und könnte die ganze Welt umarmen. Aber je länger die Gesänge dauern, desto kleiner und demütiger wird man. Wenn ich heute in Old Trafford bin, habe ich Angst.

Wieso das?

Ich fühle mich nach wie vor in Manchester im Stadion wie daheim. Andererseits: Ja, ich habe Angst, dass diese Gesänge eines Tages aufhören könnten. Dass ich nach Manchester komme und die Menschen fragen: »Wer ist Eric Cantona?« Ich muss ganz ehrlich sagen, dass mich das sehr treffen würde.

Warum sind Sie nach Ihrem Abschied nicht beim Fußball geblieben?

Waren Sie jemals richtig Fußballfan? Ich glaube, dass Sie das, wovon ich Ihnen jetzt erzählen möchte, nie erlebt haben. Fußball war meine große Liebe! Ich habe alles für diesen Sport getan und alles durch ihn erfahren, was mich geprägt hat. Nach meinem Ausscheiden musste ich einen Schlussstrich ziehen. Kommentator für Spiele oder Experte am Spielfeldrand? Ich wäre ausgerastet, weil ich nicht mehr auf den Platz gedurft hätte. Nein, eine Zukunft beim Fußball konnte ich mir nicht vorstellen.
Und heute?

Es gibt ja noch eine andere Seite, die man erlebt, wenn man eine große Liebe verloren hat. Irgendwann, wenn der Schmerz weg ist, kommt eine unglaublich große Freiheit. Ich weiß nicht, ob ich diese Freiheit wieder aufgeben möchte. Und mein neuer Beruf macht mir auch zuviel Spaß. Außerdem habe ich ja den Beach-Fußball. Vielleicht gelingt es mir damit, die Lücke Fußball in meinem Leben für alle Zeiten zu schließen. Aber wer weiß, ich bin ja noch nicht einmal Mitte 40. Da kann noch allerhand kommen!

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