23.08.2013

Ergänzung zu Heft 142: Das große Interview mit Rudi Völler

»Wohin wandere ich aus, wenn das schief geht?«

Rudi Völlers Ära als Teamchef gerät im Glanze Löwscher Spielkultur zunehmend in Vergessenheit. Es war also höchste Zeit, dass wir Völlers Jahre bei der Nationalelf noch einmal erzählen. In unserer aktuellen Ausgabe (jetzt am Kiosk) findet ihr die große Reportage über die Völler-Years. Hier lest ihr ergänzend das Interview mit ihm.

Interview: Tim Jürgens Bild: Imago

Bis zu dem Zeitpunkt hatten Sie noch nie als Trainer gearbeitet. Wie leicht fiel Ihnen der Alltag auf dem Trainingsplatz?
Mit Michael Skibbe und Erich Rutemöller, der damals Trainerausbilder beim DFB war, hatte ich Fachleute mit an Bord. Vor jeder Einheit haben wir uns zusammengesetzt und besprochen, was wir machen. Bei Spielen lag die finale Personalentscheidung natürlich bei mir.  

Wie war Ihr Stil als Trainer? Das Geheimnis der Weltmeister von 1990 soll die lange Leine gewesen sein, an der Franz Beckenbauer die Spieler hielt.
Ich kann mich sehr gut erinnern, wie ich als Spieler war. Natürlich brauchte ich das Vertrauen vom Trainer, er konnte sich auch immer auf mich verlassen, aber eine zu lange Leine war auch nicht immer gut.  

Die härteste Entscheidung, die Sie einem Spieler mitteilen mussten?
Als ich Oliver Neuville sagen musste, dass er nicht mit zur EM 2004 fährt. Mit ihm hatte ich hier in Leverkusen ständig zu tun. Er war immer bei der Nationalelf dabei, ich hatte ihm im Vertrauen schon 2003 signalisiert, dass er sich um die Euro in Portugal keine Sorgen machen müsse.

Aber?
Er bekam Anfang 2004 ein bisschen Probleme, was für mich kein Grund gewesen wäre, ihm abzusagen. Aber gleichzeitig startete Lukas Podolski in Köln wie eine Rakete durch. So musste ich Oliver irgendwann schweren Herzens in mein Büro bitten und ihm sagen, dass der Poldi der Spieler der Zukunft sei und er es verdient mitzufahren. Ich habe gesagt: »Ich verstehe, wenn Du jetzt sauer bist, aber es geht nicht anders.« Das war hart. Aber im Profifußball kommen solche Entscheidungen leider vor.

Beschreiben Sie doch mal Ihr Seelenleben am 20. Oktober 2000.
Was soll da gewesen sein?

Der Tag, an dem Sie erfuhren, dass Christoph Daum wegen des positiven Kokain-Befunds von all seinen Ämtern entbunden wird.
Ich hatte mich auf das eine Jahr eingestellt. Durch diese unkalkulierbare Situation blieb mir aber nichts anderes übrig, als weiterzumachen. Oder glauben Sie, ich hätte in dem Moment hingeschmissen?

Sie übernahmen jedoch kurzfristig auch noch den Job als Trainer bei Bayer Leverkusen.
Das war in der Tat ein schwieriges Unterfangen. Sie müssen bedenken, dass ich den Trainerjob nie angestrebt habe. Schon zu Zeiten als Spieler in Rom habe ich mich eher im Management gesehen als auf der Bank. Schon dort habe ich den Präsidenten regelrecht genervt, dass er Thomas Häßler aus Turin loseisen soll. Und nun war ich in Doppelfunktion Trainer, und das brachte mich schon bald in Gewissenskonflikte.

Was meinen Sie damit?
Mit Bayer Leverkusen spielten wir damals in der Champions League. Es wurde immer schwerer, faire, überparteiliche Entscheidungen zu treffen. Etwa, wenn ich Michael Ballack in einem Freundschaftsspiel mit der Nationalelf zur Halbzeit auswechselte, weil er in der Woche darauf zwei schwere Spiele für Bayer 04 hatte.
 
Wie haben Sie das Problem gelöst?
Ich habe zugesehen, als Teamchef in einem ständigen Dialog mit allen Vereinstrainern zu sein. Wenn die mich baten, in Stressphasen einen Leistungsträger nicht zu berufen, habe ich mich darauf eingelassen. So kam beispielsweise 2004 diese 1:5-Niederlage gegen Rumänien zustande, bei der wir kurzfristig noch einen zweiten Keeper nachnominieren mussten, und auch sonst viele Leistungsträger fehlten. Im Prinzip habe ich – was Freundschaftsspiele anbetrifft – nur im allerersten Spiel gegen Spanien, alle wichtigen Spieler mit an Bord gehabt.

Zurück zur Daum-Causa. Aus einem Übergangsjahr wurde so ein Vertrag bis nach der WM 2006?
Bei der Nationalelf darf man vertragliche Dinge nie überbewerten. In Deutschland wird nach jedem Turnier eine neue Bewertung des Trainers vorgenommen. Es ist Quatsch, wenn gesagt wird, die Nationalspieler müssen Sicherheit haben. Es läuft doch keiner im Training mehr, nur weil der Trainer noch Vertrag für weitere fünf Jahre hat.

Als Sie bei der EM 2004 nach der Vorrunde ausschieden, legten Sie trotz Vertrag das Amt nieder. Dabei versuchte DFB-Chef Mayer-Vorfelder Sie noch vom Gegenteil zu überzeugen.
Ich bin mir der Position des Nationaltrainers immer sehr bewusst gewesen. Mir war klar, dass es nach dem enttäuschenden Aus schwer werden würde, zwei Jahre eine neue Euphorie zu schüren und aufrecht zu erhalten. Es musste ein neuer, unverbrauchter Kopf her, einer, mit dem die Zuschauer und Spieler kein Negativerlebnis in Verbindung brachten. Schließlich ging es um die WM im eigenen Land.

Bereuen Sie es, wenn Sie sich die Euphorie, die Jürgen Klinsmann mit einem Großteil der Spieler, die Sie zur Nationalelf geholt haben, beim »Sommermärchen 2006« entfachte?
Nein, ich würde es immer wieder so machen. Das Risiko, das es schief geht, war zu groß. Vielleicht würde ich es anders sehen, wenn die WM in Brasilien oder Russland stattgefunden hätte.

Dabei war es ein einmaliger Vorgang in der DFB-Geschichte, dass ein Bundestrainer trotz des schlechten Abschneidens bei der EM 2004 in seinem Ansehen praktisch nicht beschädigt wurde.
Natürlich wusste ich, dass die Leute bereit sind, bei mir ein Auge mehr zuzudrücken. Aber sowas kann sich auch verbrauchen. Denken Sie nur daran, welche Probleme Jürgen Klinsmann bekam, weil er neue Sachen ausprobierte, die nicht auf Anhieb klappten. Aber ein Bundestrainer – insbesondere wenn er keine Qualifikation spielt – muss Sachen in der Vorbereitung auf eine WM ausprobieren.

Haben Sie sich – so wie Klinsmann nach der WM 2006 – nach der EM in Portugal ausgebrannt gefühlt?
Natürlich ist man nach einem Turnier kaputt. Aber, wie gesagt, ich hielt es für meine Pflicht zurückzutreten, denn ein Ausscheiden nach der Vorrunde ist für eine Fußballnation wie Deutschland zu wenig.

Warum lief es hingegen bei der WM 2002 so gut?
Vorher ging jeder davon aus, dass wir nach der Vorrunde rausfliegen. Aber wir sind gut gestartet, haben Saudi-Arabien geschlagen und gegen die Iren unentschieden gespielt, die damals eine sehr gute Mannschaft hatten. Das Schlüsselspiel war die Partie gegen Kamerun, die galten als Geheimtipp. Es war klar, wenn wir verlieren, fahren wir nach Hause. Zur Halbzeit stand es unentschieden, und Carsten Ramelow flog mit Gelb-Rot vom Platz. Doch wir gewannen mit 2:0. An diesem Abend erwachte bei vielen der Glaube, dass wir doch besser sind, als viele glauben. Und dieses Gefühl hat uns durchs Turnier getragen.

Wie ist Ihnen das Finale gegen Brasilien in Erinnerung?
Unser bestes Spiel bei dem Turnier. Schade, dass Michael Ballack wegen seiner Sperre nicht dabei war – vielleicht wäre es sonst anders gelaufen, denn Micha war in Topform und enorm torgefährlich. Ein großartiger Moment, auch weil uns niemand zugetraut hatte, so weit zu kommen.

Leider ließ sich das gute Gefühl nicht über die WM  hinaus konservieren.
Sie vergessen, dass wir ohne Niederlage durch die EM-Qualifikation marschiert sind. Nur: Dann sind wir in Portugal nach der Gruppenphase ausgeschieden. Irgendwie sind wir nicht ins Turnier gekommen. Sowas passiert.

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