23.08.2013

Ergänzung zu Heft 142: Das große Interview mit Rudi Völler

»Wohin wandere ich aus, wenn das schief geht?«

Rudi Völlers Ära als Teamchef gerät im Glanze Löwscher Spielkultur zunehmend in Vergessenheit. Es war also höchste Zeit, dass wir Völlers Jahre bei der Nationalelf noch einmal erzählen. In unserer aktuellen Ausgabe (jetzt am Kiosk) findet ihr die große Reportage über die Völler-Years. Hier lest ihr ergänzend das Interview mit ihm.

Interview: Tim Jürgens Bild: Imago

Rudi Völler, liegen wir falsch, wenn wir Ihre Zeit als Teamchef der Nationalelf als »vergessene Ära« bezeichnen?
Wir haben keinen großen Titel gewonnen, manches ist von außen betrachtet auch nicht ideal gelaufen. Aber ich schaue auf diese Zeit positiv zurück.

Was waren für Sie die Highlights Ihrer Zeit als Teamchef?
Sie dürfen die Begleitumstände nicht vergessen. Ich habe den Job anfangs übergangsmäßig für ein Jahr übernommen. Wenn mich Christoph Daum 2001 wie geplant abgelöst hätte, wäre ich auf den Posten als Sportdirektor in Leverkusen – also wieder in den  Hintergrund – zurückgekehrt. Deshalb finde ich eine Vizeweltmeisterschaft und eine EM-Quali ohne Niederlage als Bilanz nicht so schlecht.

Beschreiben Sie mal, wie Sie zu dem Job gekommen sind. Sie saßen nach dem kläglichen Ausscheiden der Nationalelf unter Erich Ribbeck bei der EM 2000 in der sogenannten Trainerfindungskommission. Und irgendwann haben plötzlich alle Sie angeguckt?
Nach der katastrophalen EM 2000 war der DFB auf der Suche nach dem besten Trainer. Dafür kamen zu diesem Zeitpunkt Ottmar Hitzfeld in München und unserer Leverkusener Coach Christoph Daum in Frage. Daum sollte es machen, aber darüber musste geredet werden, schließlich brauchten wir Zeit, einen geeigneten Ersatz zu finden. Und irgendwann sagte DFB-Chef Mayer-Vorfelder: »Ja, Rudi, dann mach Du es doch.« Es waren alle wichtigen Vereinsvertreter mit am Tisch – und seltsamerweise bestand gleich Einigkeit in der Frage.

Sie hätten sich weigern können?
Naja, da Christoph Daum und ich sollten ohnehin eng zusammen arbeiteten, und da zu dieser Zeit auch viele Nationalspieler aus Leverkusen kamen, war es die cleverste Lösung. Die Zeit schien mir absehbar. Als Nationaltrainer steht man schließlich – insbesondere außerhalb der Turniere – nicht so im Fokus wie als Klubcoach.

Das mag schon sein, allerdings ruhten nun alle Hoffnungen auf Ihnen, das stark ramponierte Image der Nationalelf aufzubessern.
Ich war ja nicht neu in dem Geschäft. Mir war schon klar, dass einem anfangs alle gut zureden, aber dass man Erfolge von mir erwartete. Meine Aufgabe bestand darin, wieder für bessere Stimmung zu sorgen und dann erfolgreich in die WM-Qualifikation zu starten. Außerdem musste der Verband endlich in Sachen Nachwuchsarbeit aufholen, wo in den Jahren zuvor etwas geschludert worden war.

Allerdings griffen Sie in Ihrem ersten Spiel gegen Spanien auf neun Profis zurück, die beim blamablen Auftritt gegen Portugal bei der EM gespielt hatten.
Wen hätte ich großartig aussortieren sollen? Das waren die besten Spieler, sie waren fit und im richtigen Alter.

Aber braucht so eine Situation nicht auch einen Umbruch im Team?
Wir hatten zu dem Zeitpunkt noch gar nicht die Spieler, um einen Umbruch zu starten. Und, mal ehrlich, so schlecht können die Spieler auch wieder nicht gewesen sein, schließlich schafften wir in der Folge fast alle unsere Ziele.

Haben Sie wenigstens den Mannschaftsrat umgebaut, um neue Impulse zu setzen?
Was immer für ein Geheimnis um den Mannschaftsrat gemacht wird. Dieser Rat wird völlig überschätzt. Natürlich spricht ein Trainer mehr mit den erfahrenen Spielern. Aber so entscheidend ist das alles nicht. Die wichtigen Spieler hatte ich immer auf meiner Seite.

Hatten Sie nie Angst um Ihren überaus guten Ruf? Die Deutschen lieben schließlich »ein'n Ruudi Völler«?
Ich werde nie vergessen, wie uns die Ukraine in der Relegation vor der WM 2002 in den ersten zwanzig Minuten in Kiew vor 85.000 Zuschauern an die Wand spielte. Da schwirrte mir tatsächlich der Satz im Kopf: »Wohin wandere ich aus, wenn das schief geht?« Was, wenn ich der Trainer wäre, unter dem die Nationalelf in der Geschichte eine WM-Quali verpasst?

Wie hatten Sie sich vorab mit dem designierten Bundestrainer Christoph Daum verständigt?
Er hat mich machen lassen. Ich hatte mit Michael Skibbe einen erfahrenen Trainer an meiner Seite. Mit Christoph habe ich nur eine Personalie abgesprochen.

Welche?
Stefan Effenberg. Ich war der Ansicht, dass Stefans Rückkehr ins Nationaletam uns helfen könne, aber natürlich musste ich das mit Christoph Daum besprechen, weil auch er anschließend mit Effe hätte leben müssen. Aber Christoph fand die Idee gut.

Wie ging das aus?
Stefan war hin- und hergerissen. Wir trafen uns in München zum Essen. Er war im Streit vom DFB geschieden, und das war ihm offenbar noch in guter Erinnerung. Am Ende hat er sich gegen eine Rückkehr entschieden.

Wie war die Stimmung im Kader beim ersten Treffen?
Gut, Profis gehen doch schnell wieder zur Tagesordnung über. Dennoch ging es auch für die Zuschauer darum, das Gewesene abzuhaken. Deshalb war das Spiel gegen Spanien in Hannover so wichtig, auch wenn es nur ein Freundschaftsspiel war.

Sie gewannen mit 4:1. Aus heutiger Sicht ein großartiges Ergebnis.
Da fiel schon einiges von mir ab, das können Sie mir glauben. Durch diesen Sieg stellte sich bei vielen das Gefühl ein: »Wir können es ja doch noch.«

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