Erdal Keser, ein Türke in der Bundesliga

»Das ganze Stadion schrie: Ausländer raus!«

In 106 Bundesligaspielen für Borussia Dortmund lernte der Türke Erdal Keser nicht nur die schönen Seiten des Fußballs kennen. Im Interview spricht der heutige Europakkordinator des türkischen Verbandes über »Ausländer raus«-Rufe und Integration. Erdal Keser, ein Türke in der Bundesliga

Mit zehn Jahren zog Erdal Keser mit seiner Familie nach Hagen, wo sein Vater zuvor der Arbeit wegen hingezogen war. Heute lebt Keser noch immer dort. »Aus der Weltstadt Hagen kommt man nicht weg«, sagt er mit einem Grinsen im Gesicht. In seiner Funktion als Europakoordinator des türkischen Fußballverbandes ist er aber dafür verantwortlich, türkischstämmigen Talenten das Land ihrer Ahnen schmackhaft zu machen. Wir sprachen mit ihm über Integration, Rassismus und Rangeleien mit dem DFB.

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Erdal Keser, wie war es, als Ausländer nach Deutschland zu kommen?

Erdal Keser: Ich bin die zweite Generation, mein Vater hat die Familie nachgeholt. Ich habe kein Wort Deutsch gesprochen, als ich ankam. Aber nach den ersten sechs Monaten konnte ich mich ausdrücken, weil ich die Sprache sprechen musste. Damals gab es noch nicht an jeder Ecke Landsleute. Das hatte für mich den Vorteil, dass ich umso schneller Deutsch lernen musste.

Welche Rolle hat der Fußball bei Ihrer Integration gespielt?

Erdal Keser: Ich war immer mit den Jungs vom SSV Hagen unterwegs und hatte meinen Anteil am Erfolg. Dadurch wurde ich schnell in die Gemeinschaft aufgenommen. Ich weiß nicht, wie es gewesen wäre, wenn ich fußballerisch nicht so sehr begabt gewesen wäre.

Haben Sie sich als Exot gefühlt?

Erdal Keser: Es gab vor mir einige Türken in der Bundesliga, aber es waren nicht besonders viele. Damals durfte man ja ohnehin maximal nur zwei Ausländer in der Mannschaft haben. Daher war es schon etwas besonderes, überhaupt in der Bundesliga zu landen. Weil Fremde so selten waren, waren automatisch die Augen auf uns gerichtet.

Was meinen Sie?

Erdal Keser: Bei Auswärtsspielen hat noch das ganze Stadion »Ausländer raus!« gerufen. Das war ganz normal, niemand hat sich daran gestört. Und umso mehr hat man sich natürlich auch als Ausländer gefühlt.

Wie sind Sie damit umgegangen?

Erdal Keser: Diese Rufe haben mich aber nur motiviert. Wenn ich auswärts getroffen habe, bin ich danach in die gegnerische Kurve gelaufen und habe Handküsschen verteilt.

Wie war es bei den eigenen Fans?

Erdal Keser: Ich war schon beliebt, weil ich auch Spiele entscheiden konnte. Aber ich wurde immer mit einem anderen Maßstab beurteilt. Ich musste besser sein als die Deutschen. Wenn ich durchschnittlich gespielt hatte, war ich schlecht.

Was war es für ein Gefühl, wenn sich die BVB-Fans gegnerischen Spielern gegenüber rassistisch geäußert haben?

Erdal Keser: Wenn ich am Ball war, war Ruhe. Aber bei den anderen wurden Ausdrücke benutzt, die man heutzutage gar nicht mehr verwenden kann. Das war nicht angenehm, zum Glück hat sich das geändert. Heutzutage kennt man das gar nicht mehr, weil der DFB eine super Offensive gestartet hat. So wurde den Zuschauern Zivilcourage beigebracht. Hass und Rassismus sind in den deutschen Stadien nicht mehr zu erkennen.

Hat sich für Sie später jemals die Frage gestellt, für welche Nationalmannschaft Sie auflaufen wollen würden?

Erdal Keser: Theoretisch hätte ich auch den deutschen Ausweis bekommen können. Aber zu meiner Zeit war das noch kein Thema. Ich bin in der Türkei geboren, das ist mein Vaterland. In Deutschland habe ich mich als Gast gefühlt.

Mittlerweile sind Sie als Europa-Koordinator des türkischen Fußballverbandes tätig...

Erdal Keser: Es geht darum, Talente zu sichten, die wir den Nationalmannschaften zuführen. Dabei geht es nicht nur um Deutschland. Wir haben auch viele Landsleute in Österreich, in der Schweiz, in Holland, England, Belgien und Schweden, die von unseren Scouts gesichtet werden. Den Talenten, die gerne für ihr Vaterland spielen würden, ebnen wir den Weg.

Wie sieht Ihre Tätigkeit konkret aus?

Erdal Keser: Ich sichte Spiele in ganz Europa, studiere Spielanalysen und sichte die Formgrafiken der Spieler. Das fängt bei den 13-Jährigen an und geht bis zur A-Nationalmannschaft.

Schmerzt es Sie, dass bei der U17-WM ein Drittel der deutschen Nationalmannschaft türkischstämmig war?

Erdal Keser: Jeder Spieler trifft seine eigene Entscheidung, und die muss man respektieren. Einige von den Jungs haben mir aber gesagt: ‚Wir sind ja nie gefragt worden, sonst hätten wir auch für die Türkei gespielt.’ Um diese Aussagen künftig zu vermeiden, sprechen wir die Spieler wieder an. Wir wollen ihnen vermitteln, dass unsere Tür offen steht.

Wird es mittlerweile schwieriger, Spieler für die türkische Nationalmannschaft zu begeistern?

Erdal Keser: Natürlich, wir reden von der dritten, fast schon vierten Generation von Einwanderern. Diese Jungs sind immer im Zwiespalt, wohin sie sollen. Die Familie spricht auch noch gerne mit, das ist nicht leicht. Aber wenn mir einer sagt: »Ich fühle mich hier wohl und will für Deutschland spielen«, dann akzeptiere ich das und freue mich, wenn er ein guter Fußballer wird. Der Beste wird sich in beiden Nationalteams durchsetzen. Er soll sich einfach für das Land entscheiden, für das sein Herz schlägt.

Gibt es eine Tendenz, dass sich die jüngeren Spieler eher für Deutschland entscheiden?

Erdal Keser: Wenn man das mit meiner aktiven Zeit vergleicht, ist das mit Sicherheit so. Weil aus dem deutschen Jugendlager nicht mehr so viel nachkommt, hat der DFB den richtigen Weg eingeschlagen und ist in die Internationalisierung gegangen. Das betrifft nicht nur türkischstämmige Jungs, sondern auch sehr viele Serben, Kroaten, Ghanaer und andere Nationalitäten. Diese neue Generation fühlt sich hier wohl und identifiziert sich mit Deutschland, daher ist das doch in Ordnung.

Der DFB ist nicht begeistert davon, dass Talente von Ihnen abgeworben werden...

Erdal Keser: Es wird ja niemand abgeworben. Ich sag das mal ganz offen: Der DFB hat es ebenso wie der englische oder der österreichische Fußballverband zu akzeptieren, wie sich die Spieler entscheiden. Matthias Sammer ist mal ein bisschen persönlich geworden, aber ich sehe die Sache sehr nüchtern: Die Entscheidung steht jedem Spieler frei. Aber jeder Verband hat das Recht, die Spieler zu fragen. Der DFB sieht das wohl anders.

Was meinen Sie?

Erdal Keser: Es kam auch schon vor, dass Jungs vom DFB zu Sichtungslehrgängen eingeladen werden, obwohl wir sie schon vorher nominiert hatten. Das akzeptieren wir ja auch.

Sind Sie bei einem Spieler besonders stolz, dass Sie ihn für die Türkei gewinnen konnten?

Erdal Keser: Da gibt es schon einige. Aber ich möchte niemanden hervorheben, schließlich sind alle wertvolle Spieler. Und eins möchte ich mal feststellen: Es macht mich immer stolz, wenn Spieler mit türkischen Namen erfolgreiche Fußballer werden – egal, für welches Land sie sich entschieden haben.

Wo würde die deutsche Nationalmannschaft stehen, wenn man nicht die Spieler mit Migrationshintergrund dabei haben würde?

Erdal Keser: Die U17 wäre sicher nicht bis zur WM gekommen. Und auch bei der A-Nationalmannschaft hat schon fast die Hälfte ausländische Wurzeln. Ich könnte mir vorstellen, dass dieser Anteil in den nächsten Jahren auf 70 Prozent steigt.

Sie haben Ihr halbes Leben in Hagen verbracht. Fühlen Sie sich immer noch als hundertprozentiger Türke?

Erdal Keser: Mittlerweile war ich zeitlich genau eine Hälfte in Deutschland, die andere in der Türkei. Hälfte, Hälfte – so fühle ich mich auch.

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