07.03.2012

Endlich als Buch: Fotograf Chris Olley und seine 92 Grounds

»Wracks in der Beton-Wüste«

Der englische Fotograf, Punkrock-Sänger und Fußball-Fan Chris Olley ist mit seiner Leica-Kamera auf seinem Motorrad durch England gereist, um alle 92 Profi-Stadien zu fotografieren. Jetzt gibt es sein Buch zu kaufen. Wir sprachen mit ihm über Wahnsinn und Wassertürme.

Interview: Alex Raack Bild: Chris Olley

Da fährst du als Engländer nach Italien und konntest kein Spiel deiner Mannschaft sehen?

Chris Olley: Ehrlich gesagt, war ich gar nicht so traurig darüber, dass ich nicht mit der englischen Fußballkolonie unterwegs war. Die Italiener haben uns Engländer damals gehasst.

Was meinst du damit?

Chris Olley: Als wir an der Grenze zu Italien ankamen, nahmen die Beamten den Ausweis meines Cousins, erkannten sein Heimatland und hauten ihm gleich auf die Schulter: »Deutschland! Wenn wir den Pokal nicht holen, dann macht ihr das!« Kaum hatte ich meinen Ausweis aufgeklappt, da stand ich auch schon breitbeinig an eine Wand gedrückt, wurde intensiv gefilzt und hörte immer wieder: »Hooligan, Hooligan!« Der ganze Tross aus England wurde während des Turniers nach Sardinien verfrachtet und man hat die Jungs wirklich abscheulich behandelt, das habe ich mit eigenen Augen gesehen. Schön war das nicht.

Und das Halbfinale?

Chris Olley: Jesus! Vor dem Turnier hätte ich niemals gedacht, dass England auch nur irgendeine Chance auf den Titel gehabt hätte, aber während des Spiels gegen Deutschland wusste ich: Wenn wir hier gewinnen, werden wir Weltmeister! Bis das Elfmeterschießen kam, von dem wir uns bis heute nicht erholt haben. Das englische Selbstvertrauen vom Punkt wurde 1990 gnadenlos in seine Einzelteile zersplittert.

Und die folgenden Jahre hast du als Fußball-Allesfahrer verbracht?

Chris Olley: Ganz und gar nicht. Seit meiner Rückkehr nach England studierte ich in Nottingham Fotografie und an der Uni lernte ich ein paar Kumpels kennen, die meine Liebe zur Musik teilten. Wir gründeten eine Band, bekamen einen Plattenvertrag und tingelten zwölf Jahre als Musiker durch die Gegend.

Wie heißt deine Band?

Chris Olley: Six by seven. Wir spielten ziemlich harten, dunklen, melodischen Punk-Rock. Ein wenig wie Radiohead. Und ich war der Leadsänger. Wir kamen ganz gut rum, auch in Deutschland. In Hamburg, in der Markthalle, auch in Berlin. Die Band habe ich irgendwann verlassen, heute verdiene ich meine Brötchen als Produzent.

Wie wird man vom Punk-Rock-Sänger zum Stadion-Fotografen?

Chris Olley: Die Idee für das Stadion-Projekt hatte ich schon seit längerer Zeit im Kopf. Irgendwann, nachdem ich die Band verlassen hatte, verkaufte ich für viel Geld meine Gitarre. Von der Kohle habe ich mir ein Motorrad gekauft, eine Suzuki TU 250, und den Motorrad-Führerschein gemacht. Als ich Führerschein und Motorrad hatte, dachte ich: Jetzt kannst du dein Projekt eigentlich mal beginnen. Also bin ich losgefahren.

Ein Auto wäre bequemer gewesen.

Chris Olley: Aber nicht so billig! Und außerdem klingt es doch wesentlich spannender, wenn man sagt: »Er sprang auf sein Motorrad und fuhr zu allen Stadien Englands«, als »Er stieg in seinen Wagen und klapperte nach und nach alle Stadien Englands ab.«

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