Endlich als Buch: Fotograf Chris Olley und seine 92 Grounds

»Wracks in der Beton-Wüste«

Der englische Fotograf, Punkrock-Sänger und Fußball-Fan Chris Olley ist mit seiner Leica-Kamera auf seinem Motorrad durch England gereist, um alle 92 Profi-Stadien zu fotografieren. Jetzt gibt es sein Buch zu kaufen. Wir sprachen mit ihm über Wahnsinn und Wassertürme. Endlich als Buch: Fotograf Chris Olley und seine 92 GroundsChris Olley
Heft#110 01/2011
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Was lange währt, wird endlich gut: Bereits vor gut einem Jahr sprachen wir mit dem englischen Fotografen, Punkrock-Sänger und Fußball-Verrückten Chris Olley über seine wundersame Tour durch Fußball-England. Damals suchte Olley noch händeringend nach einem Verlag, um seine »92 Stadiums« zu veröffentlichen. Jetzt gibt es den einzigartigen Bilderband zu kaufen! Den Link zum Buch findet Ihr HIER, zur Homepage von Chris Olley geht es HIER.

Chris Olley, du hast alle 92 Stadien des englischen Profi-Fußballs fotografiert. Was hat dich zu dieser Idee inspiriert?


Chris Olley: Aus fotografischer Sicht waren das die Bilder von Bernd und Hilla Becher, die mit dokumentarischen Schwarz-Weiß-Fotografien von Industriebauten berühmt wurden. Unter anderem gibt es da einen Bilderband nur über Wassertürme. Sieht man ein Foto, ist das nicht unbedingt spannend, aber schaut man sich 10 oder 20 Wassertürme an, die immer aus der gleichen Perspektive und aus der gleichen Distanz fotografiert wurden, dann bekommen diese scheinbar so langweiligen Objekte eine Geschichte.

Ist das nicht die Aufgabe eines Fotografen?

Chris Olley: Ganz genau. Fotografie kann – wenn sie gut ist – eine Welt zeigen, die zwar vorhanden ist, die wir aber als selbstverständlich betrachten und dadurch einfach nicht mehr richtig wahrnehmen. Aus einem stupiden Wasserturm wird dann plötzlich ein Gebäude von wundersamer Schönheit. So erging es mir mit den englischen Stadien.

Woher kommt deine Liebe zum Fußball?

Chris Olley: Dazu muss ich etwas weiter ausholen. Ich bin in England geboren, aber als ich acht Monate alt war, wurde mein Vater nach Münster versetzt. Meine Mutter kommt ursprünglich aus Recklinghausen. Und ihre ganze Familie ist Schalke, also wurde ich auch Schalker, obwohl ich bereits mit fünf Jahren West Ham United meine ewige Liebe erklärt hatte. Was vielleicht meinen Vater etwas verärgert hat – der ist nämlich Fan von Leicester City. Mein erstes Fußball-Großereignis war die Weltmeisterschaft 1974 in Deutschland, als plötzlich überall im Land diese neuen großen Stadien aus dem Boden gestampft wurden.

Daher die Affinität zu Fußballstadien?

Chris Olley: Eigentlich nicht, denn diese Kessel von damals hatten alle eine riesige Laufbahn zwischen Spielfeld und Tribüne. Stadien mit Rand – das finde ich bis heute unmöglich! Da müssen Fußballfans die ganze Saison lang aus einem Kilometer Entfernung versuchen das Spiel zu erkennen, nur weil zweimal im Jahr irgendwer über diese Laufbahn sprintet. Absurd.

Wie eng ist deine Beziehung zu Schalke 04?

Chris Olley: Damals habe ich Schalke geliebt! Das war die Zeit mit Klaus Fischer, Rüdiger Abramczik und Norbert Nigbur. Und diese Fans!  Als wir 1983 abstiegen, kamen immer noch 45.000 Menschen ins Stadion, das war unglaublich.

Wie hat es West Ham geschafft, sich zwischen deine Liebe zu Schalke 04 zu zwängen?

Chris Olley: Wir lebten zwar in Deutschland, aber eigentlich bin ich in einer Art Klein-England aufgewachsen. Ich ging auf eine britische Militärschule, zu Hause hörten wir englisches Radio, meine Kumpels waren ebenfalls Kinder von Engländern. Und wenn wir über Fußball sprachen – was wir eigentlich immer taten – dann ging es um englischen Fußball.

Wie lange warst du in Deutschland?

Chris Olley: Kaum war ich 18, war ich schon fast hinter der Grenze. Versteh mich nicht falsch! Ich liebe Deutschland, hier bin ich aufgewachsen. Aber immer wenn ich die weißen Klippen von Dover sehe, dann wird mir ganz warm ums Herz. Dann weiß ich: Hier gehörst du hin. Ich bin durch und durch Engländer.

Ich will nicht an alten Narben kratzen, aber wo warst du bei der englischen WM-Halbfinal-Niederlage 1990 gegen Deutschland?


Chris Olley: Wo wohl? In Italien! Ich bin damals bis nach Dorsten getrampt, habe meinen Cousin Jörg – einen Schalke-Fan – abgeholt und wir fuhren mit dem Zug nach Italien. Ich hatte allerdings nur Karten für ein Spiel: Schottland gegen Brasilien.


Da fährst du als Engländer nach Italien und konntest kein Spiel deiner Mannschaft sehen?

Chris Olley: Ehrlich gesagt, war ich gar nicht so traurig darüber, dass ich nicht mit der englischen Fußballkolonie unterwegs war. Die Italiener haben uns Engländer damals gehasst.

Was meinst du damit?

Chris Olley: Als wir an der Grenze zu Italien ankamen, nahmen die Beamten den Ausweis meines Cousins, erkannten sein Heimatland und hauten ihm gleich auf die Schulter: »Deutschland! Wenn wir den Pokal nicht holen, dann macht ihr das!« Kaum hatte ich meinen Ausweis aufgeklappt, da stand ich auch schon breitbeinig an eine Wand gedrückt, wurde intensiv gefilzt und hörte immer wieder: »Hooligan, Hooligan!« Der ganze Tross aus England wurde während des Turniers nach Sardinien verfrachtet und man hat die Jungs wirklich abscheulich behandelt, das habe ich mit eigenen Augen gesehen. Schön war das nicht.

Und das Halbfinale?

Chris Olley: Jesus! Vor dem Turnier hätte ich niemals gedacht, dass England auch nur irgendeine Chance auf den Titel gehabt hätte, aber während des Spiels gegen Deutschland wusste ich: Wenn wir hier gewinnen, werden wir Weltmeister! Bis das Elfmeterschießen kam, von dem wir uns bis heute nicht erholt haben. Das englische Selbstvertrauen vom Punkt wurde 1990 gnadenlos in seine Einzelteile zersplittert.

Und die folgenden Jahre hast du als Fußball-Allesfahrer verbracht?

Chris Olley: Ganz und gar nicht. Seit meiner Rückkehr nach England studierte ich in Nottingham Fotografie und an der Uni lernte ich ein paar Kumpels kennen, die meine Liebe zur Musik teilten. Wir gründeten eine Band, bekamen einen Plattenvertrag und tingelten zwölf Jahre als Musiker durch die Gegend.

Wie heißt deine Band?

Chris Olley: Six by seven. Wir spielten ziemlich harten, dunklen, melodischen Punk-Rock. Ein wenig wie Radiohead. Und ich war der Leadsänger. Wir kamen ganz gut rum, auch in Deutschland. In Hamburg, in der Markthalle, auch in Berlin. Die Band habe ich irgendwann verlassen, heute verdiene ich meine Brötchen als Produzent.

Wie wird man vom Punk-Rock-Sänger zum Stadion-Fotografen?

Chris Olley: Die Idee für das Stadion-Projekt hatte ich schon seit längerer Zeit im Kopf. Irgendwann, nachdem ich die Band verlassen hatte, verkaufte ich für viel Geld meine Gitarre. Von der Kohle habe ich mir ein Motorrad gekauft, eine Suzuki TU 250, und den Motorrad-Führerschein gemacht. Als ich Führerschein und Motorrad hatte, dachte ich: Jetzt kannst du dein Projekt eigentlich mal beginnen. Also bin ich losgefahren.

Ein Auto wäre bequemer gewesen.

Chris Olley: Aber nicht so billig! Und außerdem klingt es doch wesentlich spannender, wenn man sagt: »Er sprang auf sein Motorrad und fuhr zu allen Stadien Englands«, als »Er stieg in seinen Wagen und klapperte nach und nach alle Stadien Englands ab.«


Wann ging es los?

Chris Olley: Ende 2008.

Du bist verheiratet und hast Kinder. Was hast du deiner Frau gesagt? »Schatz, ich bin dann mal für zwei Jahre auf meinem Motorrad unterwegs?«

Chris Olley: Meine Frau unterstützt mich natürlich in allem, was ich tue...(lacht). Im Ernst: Ich war schon etwas verrückt, als sie mich kennen lernte und inzwischen glaube ich: Die steht auf so was. Außerdem war ich ja nicht zwei Jahre am Stück auf meinem Bike unterwegs, ich bin immer wieder treu und brav nach Hause gefahren.

Wie sehr hat das Projekt den Familienalltag behindert?

Chris Olley: Ach, ich habe das ganz geschickt gemacht. Wenn draußen die Sonne schien, sagte ich meiner Familie: »Heute ist so ein schöner Tag, lasst uns doch an den Strand fahren!« Also sind wir an den Strand. Zufällig ganz in der Nähe von Newcastle. Und wo wir schon mal in Newcastle waren, konnten wir auch gleich einen Abstecher nach Middlesbrough und Sunderland machen. Schon waren drei Stadien weniger auf meiner Liste. Ich glaube, meine Kinder haben erst auf der Ausstellung gemerkt, zu welchen Groundhoppern ich sie ohne ihr Wissen gemacht hatte...

Apropos Groundhopper: Mit deinen 92 Grounds dürftest du dir auch einen Namen in der Szene gemacht haben.

Chris Olley: Ja! Bei uns in England gibt es den »92er-Klub«. Wer von allen 92 Profi-Stadien ein Ticket vorzeigen kann, wird Mitglied dieser erlauchten Gesellschaft. Ich habe keine Tickets, aber die Fotos. Kurz nach meiner Ausstellung bekam ich ein wunderbares Geschenk zugeschickt: Den Mitgliedsausweis im »92er-Klub«. Jetzt bin ich Mitglied – ehrenhalber!

Deine Bilder sind alle in Schwarz-Weiß gehalten.

Chris Olley: Das hat einen einfachen Grund: Ich wollte nicht, dass man die Vereinsfarben erkennt und damit sofort weiß, um welches Stadion es sich handelt. So erscheinen die Bilder auf den ersten Blick alle gleich, bis auf die Perspektive und die Distanz zur Kamera sind sie es natürlich ganz und gar nicht. Aber auf jedem Bild gibt es ein Detail, an dem das geübte Auge erkennen kann, um welchen Klub es sich handelt.

Auffällig ist auch, dass auf den Fotos kein Mensch zu sehen ist. Absicht oder Zufall?

Chris Olley: Absicht. Wenn kein Spieltag ist – also den absoluten Großteil der Zeit – stehen diese Stadien wie verlassene Schiffswracks mitten in der Betonwüste. Dort, wo am Wochenende zehntausende Menschen unterwegs sind, ist unter der Woche keine Menschenseele. Das ist unheimlich!


Dienen die Stadien auch als Spiegelbilder der jeweiligen städtischen Kultur?

Chris Olley: Teilweise. In Rotherham beispielsweise, eine 100.000-Einwohner-Stadt in der Nähe von Sheffield, waren die Parallelen erschreckend. Rotherham ist eine arme Stadt und auch Rotherham United ist so gut wie pleite. Als ich dort war, kam ich mir vor, wie in einem dieser schlechten Hollywood-Filme über die New Yorker Bronx: Vor dem Stadion hatten sich ein paar abgerissene Gestalten um brennende Tonnen versammelt und das gerade neu gebaute Dach war schon voller Lücken – die Leute klauten die Metallstücke, um damit ein bisschen Geld zu verdienen. Im Stadion lief ein Schäferhund über den Rasen, in seinem Maul ein völlig zerbissener Fußball. Ich habe versucht, davon ein Bild zu machen, aber jedes Mal, wenn ich ihn vor der Kamera hatte, rannte er wieder davon.

Rotherham United trägt seine Spiele inzwischen im Sheffielder Don Valley Stadium aus...

Chris Olley: Eine Folge der jüngsten Entwicklung. Aber eine schlimme Sache! Das wäre so, als ob Rot Weiss Essen seine Spiele in Bochum austragen müssten – einfach falsch.

Sind deine Bilder auch eine Art Sozialstudie?

Chris Olley: Schon. Ich fand es wichtig, dass jemand diese ganzen Stadien jetzt fotografiert und den Versuch nicht erst in 30 Jahren startet. Denn dann wird von der alten englischen Stadionkultur nicht mehr viel übrig sein, dann wird jeder Verein sein multifunktionales IKEA-Stadion besitzen und ein Stück Fußball-Kultur ist für immer verloren.

Was hat dich auf deiner Reise noch motiviert?

Chris Olley: Ein besonderer Tritt in meinen Hintern war die Nachricht, dass es Anfield bald nicht mehr geben wird. Englischer Fußball ohne Anfield, Liverpool ohne Anfield – das übersteigt meine Vorstellungskraft, das will ich einfach nicht glauben. Anfield ist noch immer das einzige Stadion, wo die Tribüne hinter den Toren größer ist, als an der Seitenlinie. Und den Mythos, den dieser Ground besitzt, muss ich dir nicht erklären. Also wollte ich die Bilder jetzt machen – bevor es zu spät ist.

Gab es so ein ähnliches Projekt nicht schon einmal zuvor?

Chris Olley: Nein! Und das hat mich auch gewundert, als ich damit anfing. Es gibt von jedem dieser Stadien Bücher, auch viele Fotos. Aber noch nie hat ein Fotograf alle Stadien auf einmal fotografiert. Ich hatte eine echte Nische entdeckt. Während der Reise haben mich dann immer mehr Leute gefragt: »Chris, warum bin ich nicht schon vorher auf die Idee gekommen?« Das hat mir Angst gemacht. Also habe ich mir ein neues Motorrad gekauft.

Ein neues Motorrad?

Chris Olley: Ja, ein schnelleres! Ich hatte die ganze Zeit Angst, dass mich irgendwann ein anderer Fotograf auf einer schnelleren Maschine überholen würde...

Deine Bilder strahlen sehr viel Melancholie aus. Bis du ein Fußball-Nostalgiker?

Chris Olley: Natürlich. So, wie eigentlich meine ganze Generation. Als wir das erste Mal ins Stadion gegangen sind, war der Sport noch ein anderer. Wir hatten im Stadion alle Freiheiten und unseren Helden konnten wir nach dem Spiel am Tresen nach einem Autogramm fragen. Ich will nicht zu kitschig werden, aber der Fußball der Gegenwart ist doch schon lange nicht mehr das Spiel des einfachen Mannes. Dafür ist das Geschäft viel zu groß geworden. Ein Beispiel: John Terry verdient pro Woche mehr als 130.000 Pfund. Wenn er also nur eines seiner Wochengehälter nach Rotherham überweisen würde, müsste der Klub nicht in einem fremden Stadion spielen. Das ist doch pervers.


Kaum zu glauben, aber wahr: Chris Olley sucht für seine 92 eindrucksvollen Fotos noch einen Verleger. Wer Interesse an seinem einzigartigen Projekt hat oder einfach mal alle englischen Profistadien bewundern möchte sollte seine Homepage besuchen:
www.chrisolley.photoshelter.com

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